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Berliner Zeitung | Ringen: Ausgehebelt
13. February 2013
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Ringen: Ausgehebelt

Die traditionsreiche Sportart, die bereits seit 1896 Teil der Sommerspiele ist, gibt 2016 in Rio de Janeiro ihre Abschiedsvorstellung.

Die traditionsreiche Sportart, die bereits seit 1896 Teil der Sommerspiele ist, gibt 2016 in Rio de Janeiro ihre Abschiedsvorstellung.

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dpa

Lausanne -

Den Tag, als eine Sportart aus dem olympischen Programm gestrichen wurde, durften die größten Sünder sorgenfrei verbringen. Über die Zukunft des drogenverseuchten Radsport-Weltverbandes (UCI) und dessen Führungsriege, die mit korrupten Methoden die Macht erhält, wurde in Lausanne nicht diskutiert. Die UCI hat eine sehr starke Lobby im Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Allen voran IOC-Präsident Jacques Rogge aus Belgien, der seinen Freund und Wahlhelfer Hein Verbruggen (Niederlande), den skandalerprobten UCI-Ehrenpräsidenten, seit einem Jahrzehnt protektiert.

Fassungslosigkeit beim Verband

Satzungsgemäß wurde die Liste der Kernsportarten (26) bei Sommerspielen um eine Sportart auf 25 reduziert. Im Nobelhotel Lausanne Palace machte das IOC-Exekutivkomitee kurzen Prozess mit den Ringern und ihrem Weltverband Fila. Bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wird zwar noch gerungen, 2020 aber sind höchstwahrscheinlich keine Ringer mehr dabei. In ersten Reaktionen heißt es nun, das IOC habe dem Ringen den Todesstoß versetzt. „Aus heiterem Himmel“ käme das olympische Aus, erklärte etwa Manfred Werner, Präsident des Deutschen Ringer-Bundes (DRB).

Der Weltverband Fila könnte ohne die millionenschweren Zuwendungen aus dem Vermarktungsprogramm des IOC genauso wenig existieren, die der DRB ohne die Alimente aus dem Bundesinnenministerium (BMI). Mehr als 60 Prozent der Fila-Einnahmen kommen vom IOC. Wenn die Sportart 2020 nicht mehr olympisch ist, fließt auch kein Geld. Und der DRB, der 2011 noch mehr als eine Million Euro für den Spitzensport vom BMI kassierte, müsste als nichtolympische Sportart mit wenigen zehntausend Euro auskommen.

„Mit der kollektiven sportlichen Intelligenz“ hätte die IOC-Führung das Olympia-Aus beschlossen, erklärte Kommunikationsdirektor Mark Adams. Es verbleiben für 2020 zunächst 25 Sportarten. Die IOC-Vollversammlung wird im September 2013 in Buenos Aires den Austragungsort festlegen (Tokio, Istanbul oder Madrid) und auch das Programm: Ringen muss sich dabei der Konkurrenz von Baseball/Softball, Klettern, Karate, Rollschuhsport, Squash, Wakeboarden und Wushu stellen. Von diesen Verbänden werden zwei in das Programm für 2020 gewählt.

Klaus Schormann, Präsident der Fünfkämpfer, ist ein Überlebenskünstler

Dass Ringen erst aussortiert und gleich wieder aufgenommen wird, ist unwahrscheinlich. Indes hat gerade die Diskussion um das olympische Programm – und damit eine Debatte um die Quadratur des Kreises – schon viele absurde Wendungen genommen. IOC-Boss Rogge war 2001 mit dem Versprechen angetreten, das Programm zu reformieren. Nicht nur mit diesem Vorhaben ist er kolossal gescheitert. Unvergessen etwa, als ihm 2002 in Mexiko und 2005 in Singapur die Session jeweils die Gefolgschaft verweigerte und den Modernen Fünfkampf unterstützte, Rogges ersten Streichkandidaten. Ohrfeigen für den Präsidenten.

Der Hesse Klaus Schormann, Präsident des Fünfkampf-Weltverbandes, ist ein wahrer Überlebenskünstler. Er durfte aufatmen.

Schormann, der sich stets auf den IOC-Gründer und Fünfkampf-Erfinder Baron de Coubertin beruft, wusste sich stets raffiniert-hartnäckig zu wehren. Zu Beginn des Jahres, in dem Coubertins 150. Geburtstag gefeiert wird, hat er wieder einen Rundbrief an alle IOC-Mitglieder verschickt. Tradition! Tradition! Tradition! Das ist seine Botschaft. Schormann hat zahlreiche klangvolle IOC-Namen in seiner Verbandsführung eingebunden: etwa Juan Antonio Samaranch Junior, Sohn des langjährigen IOC-Präsidenten, oder Fürst Albert von Monaco.

Die gut vernetzten Fünfkampf-Traditionalisten überlebten. Die traditionsreicheren, naiven Ringer dagegen wurden böse überrascht. Ringen wurde nicht nur 1896 bei den ersten Spielen der Neuzeit ausgetragen, sondern schon bei antiken Olympischen Spielen. Den Fila-Präsidenten Raphael Martinetti (Schweiz) aber kennt kaum jemand.

Transparent ist das alles nicht. Denn der Bericht der IOC-Programmkommission liegt nicht vor. Vorerst wurden nur die Mitglieder des Exekutivkomitees informiert.

Die Sportarten wurden in 39 Punkten miteinander verglichen, dazu zählen: TV-Einschaltquoten, Zuschauerinteresse, Organisationskosten, weltweite Verbreitung, Anzahl der Athleten, Vermarktung, Frauenquote, das allgemeine Medieninteresse und etliches mehr. Auch die Daten der Sommerspiele 2012 in London sind in die Analyse eingeflossen. Eine Rangliste aller Sportarten wurde nicht erstellt. Denn es soll, wie bei der Vergabe Olympischer Spiele, immer der subjektive Faktor entscheiden. Sportpolitik statt Fakten.

Oder, um mit dem Überlebenskünstler Klaus Schormann zu sprechen: „Wir arbeiten lautlos. Wir lassen uns von Schlagzeilen nicht irritieren.“ Die Schlagzeilen gehören nun den Ringern. Und die reagieren panisch.