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Robert Harting im Interview: „Dann kommt endlich ein neuer Mann“

Hat wie immer klare Worte gefunden: Robert Harting.

Hat wie immer klare Worte gefunden: Robert Harting.

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dpa

Vor zehn Tagen ist Diskuswerfer Robert Harting mit einem Wurf von 68,31 Metern in die Saison 2013 eingestiegen, in der er zum dritten Mal Weltmeister werden will. Nach seinem sportlichen Comeback hat sich der Berliner, der 2012 neben seinem Olympiasieg mit Würfen von mehr als 70 Metern und Kritik an deutscher Sportförderung und Funktionären wie etwa dem „selbstgefälligen“ Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Thomas Bach für Schlagzeilen gesorgt hat, nun auch verbal zurückgemeldet.

Herr Harting, DOSB-Präsident Thomas Bach hat angekündigt, für das Amt als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu kandidieren. Er hat für diese Bewerbung von einer Reihe deutscher Athleten Zustimmung erfahren. Auch von Ihnen?

Die E-Mail habe ich auch bekommen, scheinbar finden die Kandidatur doch viele Leute gut und geben ihm Zuspruch. Ist ja auch okay, dass er antritt. Ich fand nur die Aussage, dass seine Kandidatur eine Anerkennung des deutschen Sports sei, ziemlich vermessen. Unser deutscher Sport wird doch in erster Linie durch die Bevölkerung anerkannt und nicht, weil da einer kandidiert. Das fand ich unpassend. Alles andere ist ja positiv, denn wenn er gewählt wird, wird er ja seinen DOSB-Posten abgeben, und es kommt endlich ein neuer Mann.

Für den Fall, dass Thomas Bach das oberste IOC-Amt übernimmt, ist schon der Name des DOSB-Generalsekretärs Michael Vesper als Nachfolger ins Gespräch gebracht worden.

Ich kann nur hoffen, dass es nicht so ist.

Was bedeutet ein IOC-Präsident Bach für den deutschen Sport?

Vor allem eben, dass er die nationale Ebene verlässt. Die Mission, den olympischen Gedanken im deutschen Sport zu etablieren, hat ja nicht geklappt. Die Olympiamannschaft unterscheidet sich ja in nichts von einer üblichen Nationalmannschaft. Dieser Teamgeist ist aber das, was ich mir national wünsche. Als IOC-Präsident kann Bach dieses Anliegen nicht mehr erfüllen. Für das Land kann er im Grunde genommen gar nichts mehr tun, sondern nur noch für sein globales Netzwerk, in dem er sich ja ohnehin mehr zuhause fühlt.

Wo sollte Thomas Bach denn als IOC-Präsident Zeichen setzen?

Er hat sich ja bereits ein paar Ziele gesteckt. Den riesengroßen Gigantismus zu bekämpfen beispielsweise. Ich hoffe, das macht er auch, damit man Olympische Spiele wieder richtig genießen kann. Der olympische Geist und die olympischen Werte stehen ja immer mehr in Konkurrenz zu materiellen Dingen. Fernsehgelder sind natürlich wichtig, keine Frage. Aber muss die Diskrepanz so enorm sein? Das IOC ist ein riesiges Unternehmen geworden mit bald fünf Milliarden auf dem Konto. Vor diesem Hintergrund stellt sich doch die Frage, ob es sein kann, dass beispielsweise Kanuten ihren Sport unter Existenzängsten betreiben müssen. Nicht nur deutsche Sportler fragen sich, ob das IOC die Sache Olympias noch richtig vertritt.

Was sagt es aus, wenn das IOC, völlig unabhängig von Bach, das Ringen aus dem Programm streichen will?

Das Ringen ist ja eine urolympische Sportart und man darf seine Wurzeln einfach nicht verraten, denn dann wird man sich ja selbst völlig untreu. Dass man sich neu definieren und neu aufstellen muss, ist keine Frage, aber dabei sollte man nie seinen Ursprungskern aufgeben. Zu hinterfragen ist allerdings schon, ob olympische Kernsportarten, auch die Leichtathletik, in der Art ihrer Präsentation noch den Bedürfnissen des Fernsehpublikums entsprechen. Aber das Ringen einfach zu streichen, ist eine Farce.

Sie haben zusammen mit anderen Spitzenathleten ja im letzten Jahr die Strukturen im deutschen Sport und die Sportförderung heftig kritisiert. Haben Sie den Eindruck, dass sich in der Zwischenzeit irgendetwas verbessert hat?

Gar nichts. Viele Athleten hatten ja die Chance, bei dem Thema einzusteigen, das haben nur ganz wenige gemacht. Es ist leider wieder so ein bisschen in der Versenkung verschwunden. Deswegen habe ich auch für mich entschieden, dass es keinen Sinn macht, und bin jetzt mit meinen Ideen zusammen mit ein paar Unternehmern und klugen Leuten unterwegs. Ende des Jahres wird das private Projekt starten können. Es wird sich als gut herausstellen und viel verändern. Über Inhalte kann ich aber jetzt noch nicht sprechen.

Sie sagten im letzten Jahr, dass Sie ernsthaft darüber nachdenken müssten, ob der ganze Aufwand mit den auch vielen privaten Opfern einschließlich verlorener Lebensqualität wirtschaftlich Sinn macht. Stellen Sie sich diese Frage auch noch als Olympiasieger?

Ein Olympiasieger ist für ein Unternehmen natürlich leichter vermittelbar als ein Weltmeister. Trotzdem bin ich ja nicht besser oder schlechter als zuvor, ich hatte vorher ja genau das gleiche Niveau. Es ist auch krass, dass in super, gut und normal getrennt wird zwischen den Plätzen eins, zwei, drei oder vier, obwohl sich doch alle ebenbürtig sind und an einem Tag eben nur Nuancen entscheiden. Das ist richtig hartes Business. Für mich hat sich der Olympiasieg nicht gerade ausgezahlt, aber alles etwas relativiert.

Im September finden ja nicht nur IOC-Neuwahlen statt, sondern auch Bundestagswahlen. Was erwarten Sie von der künftigen Regierung, wenn es um die Belange des Sports geht?

Es müsste einfach ein eigenes Sportministerium eingerichtet werden mit vielen ehemaligen Sportlern, die alle ihre Erfahrungen über die Missstände im Sport einbringen können. Das wäre eine Möglichkeit, um die Belange des olympischen Sports voranzutreiben. Dann ginge es richtig vorwärts.

Es wird auch immer mal wieder ein Antidopinggesetz gefordert, das der DOSB aber strikt ablehnt.

Ob nun mit oder ohne gesetzliche Regelung: Eigentlich müsste Doping eine lebenslange Sperre nach sich ziehen. Weil man einem Menschen einen Fehler nun aber nicht auf ewig vorwerfen darf, sollte man eben eine Zehnjahressperre einführen. Es gibt einen hohen ethischen Faktor in Deutschland, Doping zu bekämpfen, was ich gut finde. In anderen Ländern ist das anders. Deshalb müsste es einen Antidopingfonds geben, in den jeder internationale olympische Verband und auch alle Länder einzahlen. Aus diesem großen Verbund müsste ein kleiner Kreis von fünf, sechs Ländern gebildet werden, die nicht im Verdacht der Korruption stehen und die Dopingkontrolleure entsenden. Für sie muss es eine spezielle Visavereinbarung geben, damit sie überall ohne Voranmeldung einreisen und unmittelbar kontrollieren können. Das ist in vielen Ländern derzeit ja nicht der Fall und kann einfach nicht sein.

Wer soll so ein Vorhaben steuern?

Das wäre meiner Meinung nach ein guter Ansatzpunkt, auch für einen neuen IOC-Präsidenten Bach. Antidopingfonds und Sportministerium, das sind für mich die Grundpfeiler dafür, dass sich auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Sportler verbessert.

Das Gespräch führte Reinhard Sogl.



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