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Sabine Lisicki in Wimbledon: „Wovor sollte ich Angst haben?“

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Fühlt sich an der Church Road pudelwohl: die Berlinerin Sabine Lisicki.
Fühlt sich an der Church Road pudelwohl: die Berlinerin Sabine Lisicki.
Foto: ap/Sang Tan
LONDON –  

Getragen von der Liebe zu Wimbledon und von dem Vertrauen in das eigene Können geht die Tennisspielerin Sabine Lisicki aus Berlin in das Duell mit Serena Williams. Die gilt derzeit eigentlich als unschlagbar.

Jeder Grashalm ist auf exakt acht Millimeter zurechtgestutzt, die Hortensien und Petunien blühen in den Klubfarben Lila-Grün, und vom englischen Sommer ist zur Abwechslung auch nur das Beste zu erwarten: laut Wetterbericht 21 Grad Celsius und Sonnenschein. Die Umstände könnten besser kaum sein, wenn Sabine Lisicki, 23, sowie Tommy Haas, 35, heute den Centre Court betreten − die größte Bühne ihres Sports. Zur Feier des Turniers hatte sich Lisicki schon am Sonnabend eine weiße Blume in den blonden Zopf geflochten.

Die zweite Tenniswoche beginnt mit dem Auftritt der beiden letzten im Turnier verbliebenen deutschen Solisten, die jeweils im Achtelfinale in der Kultstätte an der Church Street der Nummer eins ihrer Branche gegenüber stehen: Um 14 Uhr (MESZ) trifft Sabine Lisicki aus Berlin auf Serena Williams, die Seriensiegerin aus den USA; im dritten Spiel des Tages wird sich Tommy Haas mit Novak Djokovic aus Serbien messen. Anderen Spielern würden bei dieser Aussicht womöglich leicht die Kniescheiben vibrieren, aber Lisicki sind solche Anflüge von unnötigen Selbstzweifeln fremd. Sie spricht auch im Sinne ihres älteren Kollegen, wenn sie sagt: „Es gibt nichts, auf das ich mich mehr freuen könnte.“

Nichts was nicht gefällt

Freude darauf, dass die Gegnerin Aufschläge wie Kanonenkugeln abfeuert? Dass ihr im Duell mit Serena Williams Geschosse mit einer Geschwindigkeit bis zu 200 km/h um die Ohren fliegen können? Doch so sieht das Sabine Lisicki nicht: Nach ihrem Dreisatzsieg (4:6, 6:2 und 6:1) über die Australierin Samantha Stosur am Sonnabend hatte die aktuelle Nummer 24 der Weltrangliste nichts auszusetzen an ihrer Leistung, weder an dem Verlust des Auftaktsatzes, noch an den zur Hälfte ungenutzten Break-Chancen. Stattdessen erinnerte sie daran, dass sie selber über einen der härtesten Aufschläge des Frauentennis verfügt. Außerdem hat sie bereits im vorigen Jahr in Wimbledon eine haushohe Favoritin, nämlich die Russin Maria Scharapowa aus dem Feld gekegelt. Und Drittens verehrt sie dieses Turnier.

(A)social media

Sturm: Ein Shitstorm, so definiert es seit Freitag offiziell der Duden, ist ein „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Weil Angelique Kerber in Wimbledon ein Tennismatch verloren hat, stürmte es gewaltig auf ihrer offiziellen Facebook-Seite. Mit Entrüstung aber hatten die widerlichen Kommentare unter einem Foto, das Kerber am Frühstückstisch zeigt, nichts mehr zu tun. Die Kielerin sah sich sogar Todesdrohungen ausgesetzt, anonyme User wünschten ihr „gebrochene Hände“ und beleidigten Kerber zutiefst.

Drang: Die englische Tageszeitung Daily Mail drängte dies dazu, den Fall schnell aufzugreifen, sie vermutet enttäuschte Sport-Wetter, die durch Kerbers 6:3, 6:7 (6:8), 3:6-Niederlage gegen Kaia Kanepi Geld verloren haben, hinter den Angriffen. Die meisten Kommentare kamen von einem Mann, der sich Marijan Batinich Maali nennt und in Amerika leben soll. Das Kerber-Umfeld reagierte geschockt auf das Ausmaß des Shitstorms, Manager Markus von Kotzebue ließ die Kommentare entfernen, mittlerweile finden sich nur noch positive Reaktionen, Entrüstung wegen der Beleidigungen und Aufmunterung unter dem Foto. Kerber wird im Netz vorerst aktiv bleiben, „Social Media gehört dazu, und Verrückte gibt es leider überall“, sagte von Kotzebue.

Es gibt nichts, was Sabine Lisicki an Wimbledon nicht gefällt. Sie liebt das Rasentennis, die Erdbeeren, die weiße Kleidervorschrift und sogar einen unvermeidlichen Regenguss. Zu ihren Pressekonferenzen erscheint sie im All England Club in einem T-Shirt mit einem grasgrünen Union-Jack. „Ich genieße jede Sekunde hier“, erklärt sie, und aus dieser „positiven Geisteshaltung hole ich meine Zuversicht“. Es ist wohl dieses Vertrauen ins eigene Können, dieses völlige Fehlen von Hasenherzigkeit, das Sabine Lisicki und Thomas Haas von der nationalen Konkurrenz unterscheidet und sie befähigte, auch dieses Jahr ins Achtelfinale vorzurücken. Sie haben beide schon einmal im Wimbledon-Halbfinale gestanden: Tommy Haas 2009 und Sabine Lisicki 2011. „Ich bin heiß auf das Match gegen Djokovic“, sagt Haas. „Wovor sollte ich Angst haben?“, fragt Sabine Lisicki fröhlich.

Die behäbig Katze auf Rang eins

Dass Serena Williams in Wimbledon in einer anderen Gewichtsklasse spielt – und zwar in jeder Beziehung − ist allerdings unbestritten. Am Sonnabend hat die muskulöse, 1,75 Meter große Amerikanerin ihren 600. Sieg im Profitennis gefeiert und zur Feier des Tages die zierliche, einen Kopf kleinere Japanerin Kimiko Date-Krumm über den Platz gescheucht. Die Übermacht der Nummer eins der Welt erinnerte bisweilen daran, wie eine große, behäbige Katze Mäuse fängt: Das Mäuschen darf hin- und hersausen, bis irgendwann die Pfote mit den scharfen Krallen niederfällt. Damit sei nichts gegen Kimiko Date-Krumm gesagt, eine mittlerweile 42 Jahre alte Profispielerin, die mit Abstand erfahrenste Akteurin der Branche. 2:6, 0:6 verlor sie, der erste Matchball kam nach 58 Minuten. Zu keinem Zeitpunkt des Spiels, gab sie später zu, habe sie gegen Serena Williams den Hauch einer Chance gesehen.

Mehr als drei Punkte pro Satz hat Serena Williams bisher keiner Gegnerin gegönnt. Die Zeitung The Times kommentierte bereits sarkastisch, zu schlagen sei die fünfmalige Wimbledon-Siegerin „nur mit dem Stock, und auch nur wenn sie schläft“. Das war natürlich unfein, und Sabine Lisicki wird es heute, wie im Tennis üblich, mit kleinen gelben Bällen von der anderen Netzseite aus versuchen. Für sie ist es der Höhepunkt des Sommers. Und vielleicht trägt sie zur Feier des Tages wieder eine Blume im Haar.

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