Neuer Inhalt

Schalke 04: Schalkes gefährliche Transferpolitik

Einst Gegner, jetzt Teamkollegen bei Schalke 04: der Brasilianer Michel Bastos (blaues Trikot) und Benedikt Höwedes.

Einst Gegner, jetzt Teamkollegen bei Schalke 04: der Brasilianer Michel Bastos (blaues Trikot) und Benedikt Höwedes.

Foto:

reuters

Es ist eine gewagte These, die Horst Heldt in die Welt setzte, nachdem der FC Schalke den sofortigen Transfer von Lewis Holtby zu Tottenham Hotspur verkündet hatte. „Wir haben für alle Beteiligten die beste Lösung gefunden“, behauptete der Schalker Manager, der sich über 1,75 Millionen Euro Ablöse freuen darf, von denen 1,5 Millionen Euro umgehend reinvestiert wurden, um den gestern offiziell bestätigten Ausleihdeal mit Michel Bastos, 29, von Olympique Lyon zu stemmen. Mit Kaufoption in diesem und dem nächsten Sommer.

Verpassen die Schalker allerdings die erneute Qualifikation für die Champions League, wird Heldt Holtbys Abgang kaum mehr als „beste Lösung“ verkaufen können. Der Manager wird sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, er habe ohne Not den vielleicht besten Offensivstrategen abgegeben. Für einen Betrag, der nicht der Rede wert ist, verglichen mit den Einnahmen, die ein weiteres Jahr in der Königsklasse in die Kassen spülen würden. Außerdem ist Holtby-Ersatz Raffael in der Champions League nicht spielberechtigt.

Einkaufsflop Obasi

Heldts Winteroperationen sind hochriskant, und sie werden im Misserfolgsfall auch sein eigenes Renommee beschädigen. Schon die Tatsache, dass mitten in der Saison derart revolutionäre Veränderungen (Trainerwechsel, Umbauten auf zentralen Positionen des Teams) vorgenommen werden, ist ein Indiz für Planungsfehler im Sommer. Natürlich kann Heldt nichts dafür, dass Ibrahim Afellay sich im Wintertrainingslager eine schwere Sehnenverletzung zuzog und noch länger ausfällt (was den Bastos-Transfer erforderlich macht), aber für die fatale Dynamik in verschiedenen Ebenen, in die Schalke hineingeraten ist, trägt der 43-Jährige zumindest einen Teil der Verantwortung.

Die unglücklichen Planungen für das laufende Spieljahr begannen schon vor einem Jahr, als Heldt Chinedu Obasi für gigantische fünf Millionen Euro von der TSG Hoffenheim verpflichtete. Der Nigerianer war als Ersatz für Jefferson Farfán gedacht, der seinen Abschied aus Schalke angekündigt hatte. Farfán blieb dann doch, Obasi wird nicht benötigt, und wenn er mal spielt, enttäuscht er. Auch wegen dieser Großinvestition ließ das Budget im Sommer keine weiteren Einkäufe zu, lediglich die ablösefreien Tranquillo Barnetta (keine Bereicherung), Roman Neustädter (Heldts größter Coup) und der vom FC Barcelona ausgeliehene, aber oft verletzte Afellay ergänzten den Kader.

Die Transferbilanz des ehemaligen Mittelfeldspielers ist also durchwachsen, zumal seit dem ersten Trainingstag der neuen Saison eine Torhüterdebatte tobt. Früh war erkennbar, dass weder Timo Hildebrand noch Lars Unnerstall Spitzenkräfte sind, hochgelobte Leute wie Kevin Trapp oder Fabian Giefer wechselten hingegen günstig nach Frankfurt und Düsseldorf. Ein Versäumnis. Und ob Heldt früher hätte reagieren können, als im Herbst das Verhältnis zwischen Team und Trainer Huub Stevens zerbrach, ist schwer zu sagen, seine Entscheidung für Jens Keller als Nachfolger sorgt allerdings dauerhaft für Unruhe.

Heldt hätte wissen können, dass ein Mann wie Keller, der ein hervorragender Fachmann sein mag, aber über wenig Charisma und kaum Reputation verfügt, mit dieser schwierigen Mannschaft und dem anspruchsvollen Schalker Umfeld Probleme bekommen würde. Ein wenig erinnert die gegenwärtige Situation an das Ende von Mirko Slomka auf Schalke. Der 2008 entlassene Trainer war zwar sehr erfolgreich, aber er hatte noch nichts gewonnen und erreichte mit seiner reservierten Art einfach nicht die Schalker Herzen. Das führte zu einem Entfremdungsprozess, der schließlich in der Trennung mündete.

Prophezeite Trainerentlassung

In einer großen Zeitung, die schon vor dem ersten Bundesligaspiel des ehemaligen Nachwuchstrainers auf der Schalker Bank prophezeite, „Keller fliegt vor Saisonende“, war am Montag über einem Bild Kellers die Schlagzeile „Das Gesicht der Schalker Krise“ zu lesen. Die Kampagne läuft. „Skepsis darf jeder haben, aber eine solche Berichterstattung noch vor dem ersten Bundesligaspiel habe ich in dieser Form noch nicht erlebt“, sagte Heldt jetzt in einem Interview mit der Westdeutschen Zeitung etwas ratlos. Die Kampagne gegen den Trainer ist irrational und ungerecht, womöglich gar geleitet vom Zorn der Zeitung, dass Keller nicht kooperieren mag. Doch wer sich umhört auf Schalke, findet viele Menschen, die Keller nicht zutrauen, diesen Klub zu neuen Erfolgen zu führen.

Dabei ist es gut möglich, dass die Schalker am Samstag Greuther Fürth schlagen und die Bilanz des jungen Trainers auf beachtliche sieben Punkte aus drei Partien anwächst. Wenn das Team dabei aber kein Feuerwerk abbrennt, droht trotzdem das Szenario, dass die Serie sich anfühlt wie eine Krise.