blz_logo12,9

Scheich Salman Al-Khalifa: Verheerender Verdacht

Scheich ist ihm nicht genug: Salman Al-Khalifa will an die Spitze der Fifa.

Scheich ist ihm nicht genug: Salman Al-Khalifa will an die Spitze der Fifa.

Foto:

afp/KARIM JAAFAR

Die Londoner Kanzlei Schillings hat derzeit eine Menge zu tun. Ihre Anwälte, die unter dem Motto „Den Ruf verteidigen. Privates schützen“ arbeiten, verschicken Schreiben an Medien weltweit, im Auftrag eines Klienten, der an diesem Freitag in Zürich Präsident des Fußball-Weltverbandes (Fifa) werden will: Scheich Salman Al-Khalifa aus Bahrain, Mitglied des sunnitischen Herrscherhauses, das eine schiitische Bevölkerungsmehrheit mit eiserner Faust regiert.

Al-Khalifa lässt schon Fragen juristisch abwehren, vor allem solche nach seiner Rolle bei der blutigen Niederschlagung des Arabischen Frühlings 2011, als in Bahrain Tausende verhaftet wurden, auch Sportler. Seine Interviews sind rar und beschränkt auf Medien, die fürs Nachhaken nicht bekannt sind. „Sie stellen die falschen Fragen“, ließ sich ein Schweizer Blatt gerade rüde abspeisen. Und gegenüber dem Sender Sky durfte der Scheich behaupten: „Ich kann zu einer Million Prozent garantieren, dass in bahrainischen Gefängnissen keine Athleten gefoltert worden sind.“

„Eine große Lüge“ hat das zuletzt ein Betroffener genannt: der frühere bahrainische Jugend-Nationalspieler Hakeem Al-Oraibi. Dem WDR-Magazin sport inside schilderte er sein Gefängnis-Martyrium, wie vier Polizisten ihn stundenlang auf die Beine schlugen und drohten: „Mit diesen Beinen wirst du nie wieder Fußball spielen.“ Al-Oraibi soll 2012 eine Polizeistation angezündet haben – zu einem Zeitpunkt, als er für die Nationalelf spielte, eine Partie, die live im Fernsehen zu sehen war. Seine Familie bat Al-Khalifa, damals Präsident des Fußball-Verbandes in Bahrain, um Unterstützung. Vergeblich.

Al-Oraibi ist Schiit und der einzige Fußballer, der über diese Realität noch sprechen kann – ihm gelang die Flucht nach Australien. Andere sind zum Schweigen gebracht worden. Der einstige Stürmerstar Ala’a Hubail, während der Arabellion Redner auf einer Sportler-Demonstration, berichtete vor vier Jahren noch über Folter. Inzwischen befürwortet er öffentlich Al-Khalifas Kandidatur als Fifa-Präsident. Al-Oraibi versteht das: „In Bahrain musst du Angst haben“, sagt er, und dass er dort auch nicht anders handeln würde.

Fragwürdiger Integritätstest

Für James Dorsey, Publizist und international gefragter Beobachter der Golfregion und ihres Fußballs, ist schon der Umstand, dass Salman den sogenannten Integritätstest der Fifa bestanden hat, ein Statement: „Die Fifa sagt der Welt: Es geht uns nicht um Veränderung oder Reform. Es geht auch nicht darum, das Wertesystem zu verändern, das diese Organisation zerstört hat.“

In der Tat: Wäre die Fifa jene ethische Institution, als die sie sich inzwischen ausgibt, müsste Al-Khalifas Disqualifikation wohl längst verfügt sein. Selbst sonst eher zurückhaltende Fifa-Sponsoren wie Coca Cola oder Visa teilten öffentlich mit, sie seien „zutiefst enttäuscht“ über diesen Kandidaten.

Denn der Fifa-Thronanwärter hat wohl nicht allein bezüglich der Folter gelogen. Er bestreitet auch, was die Nachrichtenagentur BNA − de facto Regierungsorgan in der Golf-Monarchie − 2011 mehrfach berichtete: Dass er sogar am Schalthebel saß, als die Al-Khalifas ihr Reich befriedeten. BNA zufolge leitete der Scheich ein Untersuchungskomitee, das regimekritische Sportler identifizierte, die „unsere Führung und unser kostbares Königreich beleidigt haben“. Berichtet wurde auch über Strafen „in Übereinstimmung mit Entscheidungen des Komitees“. Al-Khalifa hingegen behauptet, sein Komitee habe gar nichts entschieden.

Auch Golf-Kenner Dorsey nimmt ihm das nicht ab. Bezeichnend sei doch, dass der Scheich „zu keiner Zeit“ auch nur „die geringste Distanz“ geäußert habe zum Vorgehen gegen Sportler. Aber wen schert das in der Fifa? Dort gibt man ja nicht mal Auskunft darüber, wie die sonstigen Verfehlungen des Scheichs im sogenannten Integritätstest eigentlich erledigt worden sind. 2009 etwa ging bei den Fifa-Ethikern eine Anzeige gegen ihn ein. Damals verlor Al-Khalifa noch einen Machtkampf gegen den inzwischen gesperrten Fifa-Vize Mohamed bin Hammam. Das einflussreiche kuwaitische IOC-Mitglied Ahmed al Sabah, einer der mächtigsten Strippenzieher im Weltsport, soll damals auf Stimmenkauf gegangen sein, um Al-Khalifa einen Sitz in der Fifa-Exekutive zu sichern. Auf eine „politische Intrige“ Bin Hammams reduzieren das Al-Khalifas Anwälte heute. Im aktuellen Wahlkampf ist Al Sabah, inzwischen auch im Fifa-Vorstand, wieder mit von der Partie – an Al-Khalifas Seite.

Prüfbericht beerdigt

Der gelobt nun, als Fifa-Präsident seine „Erfahrungen in der Fußball-Administration“ zu nutzen, um „jede und alle Korruption auszurotten“. Der übliche Begleitlärm, seit FBI und Schweizer Bundesanwaltschaft die Fifa auseinandernehmen. Denn vor nicht einmal drei Jahren legte er dasselbe Versprechen ab, bei seinem Antritt als Boss der Asien-Konföderation AFC. Zum Erbe seines Vorgängers Bin Hammam gehörte ein Vertrag mit der in Singapur residierenden World Sport Group, die eine Milliarde Dollar für die Generalvermarktung des asiatischen Fußballs gezahlt hatte. Bestechungsgelder inklusive? Das vermutete ein Bericht der Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers, noch dazu Geldwäsche und Steuerhinterziehung. An die AFC ging der Rat, Strafanzeige zu erwägen, den Vertrag zu kündigen oder neu zu verhandeln. Dorsey, der den Prüfbericht öffentlich gemacht hat, sagt: „Salman hat viel versprochen, aber in Wahrheit alles dafür getan, dass dieser Prüfbericht beerdigt wird.“

Es wäre wohl grotesk zu glauben, dass der Scheich aus Bahrain, dürfte er ab Freitag im Glaspalast auf dem Zürichberg residieren, die Fifa einer ethischen Läuterung unterziehen würde. Spannender als die Frage nach dem Wahlsieger ist ohnehin eine andere: Greifen die Korruptionsermittler beim Kongress wieder zu, wie zuletzt immer bei den Treffen der Fifa-Granden in der Schweiz? Das wird womöglich auch Al-Khalifa umtreiben, denn sein Vertragspartner, die World Sport Group, hat Geschäfte in Amerika gemacht – mit dem Rechtevermarkter Traffic. Deren Boss ist einer der Hauptangeklagten in den USA. Und soll sich inzwischen, so heißt es, als äußerst gesprächig erweisen.