23.02.2012

Skeleton-WM in Lake Placid: Wenn Enten sprinten

Von Christian Schwager
        

Rauf auf den Schlitten: Frank Rommel hat den Start gemeistert.
Rauf auf den Schlitten: Frank Rommel hat den Start gemeistert.
Foto: reuters

Die deutschen Skeleton-Piloten sehen sich für die WM in Lake Placid gerüstet – und haben trotzdem Respekt vor den Tücken des Starts, dem sogenannten "Entenlauf".

Jens Müller hat auch ein Wort dafür. Der Chefcoach des deutschen Skeleton-Teams muss ein wenig schmunzeln, wenn er es ausspricht: „Entenlauf.“ Das klingt despektierlich, trifft aber ganz gut, was am Start geschieht: Die eine Hand geht zu einem Griff am Schlitten, die andere auf den Rücken. Der Skeletoni sieht aus wie das Standbild eines Sprinters, der aus den Blöcken kommt. Dann trabt er los, trabt und trabt, den Rücken krumm, 50 Meter lang bis er aufspringt. Der Körper macht eine Welle wie beim Breakdance. „Das ist eine extrem wichtige Phase“, sagt Müller. Wer hier, am oberen Ende des Eiskanals, nicht schnell genug vom Fleck kommt, hat schon verloren. Müllers Wort passt also ganz gut. Es erinnert auch an – lahme Enten.

Eislaufen im Sommer

Diesen Begriff finden sie wiederum weniger zum Schmunzeln. Zumindest wenn er auf sie angewandt wird, die deutschen Skeletonfahrer, vor allem jetzt bei der Weltmeisterschaft in Lake Placid. Heute beginnen die Frauen mit den ersten zwei von vier Läufen, morgen die Männer. „Wir wollen mit zwei Medaillen wieder nach Hause fahren“, sagt Müller. Mit ihrem Material müssen sie sich vor der Konkurrenz nicht verstecken. Die Skeleton-Schlitten der Deutschen werden im Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) konzipiert. Auch als Piloten können sie sich sehen lassen. „Frank Rommel“, sagt Bundestrainer Müller zum Beispiel über einen seiner Medaillenkandidaten, „ist fahrerisch in einer sehr guten Form.“ Kritischer Punkt bleibt der Start. Zwei bis drei Zehntelsekunden gehen da schon mal verloren.

Üben, üben, üben

Entenlauf eben, Rommel sagt, der sei „technisch und koordinativ ziemlich anspruchsvoll“. Daher gelte: Üben, üben und nochmals üben. Das hört sich leichter an als es ist. Jedenfalls wenn Rommel die Konkurrenz zum Vergleich hinzuzieht. Etwa den Letten Martins Dukurs, der seit Ende 2010 von Sieg zu Sieg fährt. Nur beim Weltcup im Januar auf der Bahn von Königssee hat er sich Rommel geschlagen geben müssen. „Das war allerdings Franks Heimbahn“, sagt Müller, „da kennt er jeden Millimeter.“ In Lake Placid herrscht Chancengleichheit, was die Ortskenntnis angeht. Beim Trainingspensum ist Dukurs dagegen klar im Vorteil.

Während Rommel seinen Lebensunterhalt als Bankangestellter verdient, ist Dukurs Skeleton-Profi. Er hat ein Team hinter sich, das von einem Chemiekonzern aus der Schweiz unterstützt wird. Vor allem verfügen er und sein Bruder Tomass Dukurs in Lettland über ideale Trainingsbedingungen. „Der macht den ganzen Tag nichts anderes“, sagt Müller. In Sigulda kann sich Dukurs im Winter auf der örtlichen Bahn vorbereiten. Dort gibt es auch eine Eispiste, auf der sie das ganz Jahr über Anschieben üben können. Ihr Vater Dainis ist praktischerweise Chef der Bahn.

Wichtig ist der Sprint

So viel Luxus genießen die deutschen Skeletonis noch nicht. Seit ihr Sport 2002 nach 54 Jahren wieder olympisch wurde, rückt er jedoch stärker ins Blickfeld der Sportförderung. Inzwischen gibt es beim Institut für angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig (IAT) sogar eine Fachgruppe Skeleton. Ihr Schwerpunkt liegt – natürlich – auf dem Start. „Wichtig ist erst mal ein guter Sprint“, sagt Müller. „Wir brauchen eine bessere Laufleistung.“ Deshalb forscht das IAT nach den optimalen Bewegungsabläufen, insbesondere mit Video-Analysen. Daraus leiten die Wissenschaftler Empfehlungen fürs Sprinttraining im Sommer ab, Sprinttraining in gebeugter Haltung, versteht sich. „Es gab zudem eine Umstellung vom beidhändigen zum einhändigen Start“, sagt Müller. Die haben sie gemeistert.

Insgesamt sieht der Bundestrainer sein Team aber auf einem guten Weg: „Es sind Fortschritte zu erkennen.“ Im Weltcup ist Frank Rommel diese Saison Zweiter hinter Martins Dukurs geworden, Alexander Kröckel und Alexander Gassner belegten die Plätze fünf und sechs. Bei den Frauen liegt die Britin Shelley Rudman vorn, dahinter folgen schon Marion Thees und Anja Huber. Die anderen Nationen schauen aber nicht tatenlos zu. „Die Australier zum Beispiel“, sagt Müller, „haben ganz gezielt auf die Winterspiele 2010 in Vancouver hingearbeitet.“ Medaillen sprangen nicht heraus, „aber deren Niveau hat sich enorm verbessert“.

Die Sportart Skeleton hat sich verändert, seit sie im Glanz der olympischen Ringe steht. „2002 in Salt Lake City haben noch diejenigen gewonnen, die nur sechsmal an die Bande getickt sind“, erzählt Müller. „Heute fahren die ersten 15 zwei Rennläufe die Bahn runter, ohne ein einziges Mal die Bande zu berühren.“ Sie rauschen durch die Rinne wie Vögel im Flug. Von wegen lahme Enten.

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