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Synchroneiskunstlauf: Berliner Eiskunstlauf-Junioren auf dem Weg an die Spitze

Cinderellas mit Glitzergürteln in türkisblauen Kleidern: die Synchroneiskunstläuferinnen des Team Berlin Juniors.

Cinderellas mit Glitzergürteln in türkisblauen Kleidern: die Synchroneiskunstläuferinnen des Team Berlin Juniors.

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Sebastian Wells

Das Wimpernkleben vor dem Wettkampf tut Antonia Wiedorn gut. Die junge Sportlerin wird die Lider ihrer Teamkolleginnen aufmotzen, damit sie an diesem Wochenende den Preisrichtern im Erika-Heß-Eisstadion im Wedding schöne Augen machen können. „Kurz vor dem Wettbewerb bin ich immer sehr aufgeregt, das Wimpernkleben lenkt mich ab“, sagt sie. Eigentlich müsste Antonia Wiedorn nicht nervös sein. Denn es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ihre Mannschaft nicht Deutscher Junioren-Meister im Synchroneiskunstlaufen wird – wie nahezu immer in den vergangenen 15 Jahren. Denn diesmal geht das Team Berlin Juniors völlig ohne Konkurrenz an den Start.

In nicht einmal zehn deutschen Städten gibt es Mannschaften, die diese recht junge Sportart praktizieren. Allerdings haben die meisten keine Junioren-Teams. Erfunden wurde der Formations-Eiskunstlauf Mitte der Fünfzigerjahre in den USA als Pausenprogramm bei Eishockeyspielen. Seit 1976 werden internationale Wettbewerbe veranstaltet, seit 16 Jahren Weltmeisterschaften ausgetragen.

Linien, Kreise, Mühlenflügel

Im Takt der Musik tanzen die Synchronläufer übers Eis. Sie bewegen sich als Block über die Fläche, formieren sich zu Linien, Kreisen und Mühlenflügeln, zeigen Kreuzungsmanöver und Hebungen. Jeweils 16 Läuferinnen – erlaubt sind maximal vier Männer im Team – treten bei Kurzprogramm und Kür an.

„Konzentriert Euch! Ich will viel Ausdruck sehen, viele schicke Arme“, ruft Cheftrainer Gert Hofmann, als sie am Dienstagabend im Sportforum Hohenschönhausen ein letztes Mal vor der Deutschen Meisterschaft trainieren. Das Team formiert sich zu einem Block. Zu der Musik von „Diamonds Are Forever“ setzen sich die Läuferinnen in Bewegung und zeigen ihr Kurzprogramm. Ihr Cheftrainer sitzt an einem Tisch hinter der Bande, vor sich ein Notizbuch, in das er schreibt, ohne die Sportlerinnen aus den Augen zu lassen. Knapp drei Minuten später versammeln sich die Läuferinnen vor ihm, alle sind außer Puste und atmen schwer.

„Auch wenn ihr ackern müsst, lasst es euch nicht ansehen“, ermahnt Gert Hofmann die Mädchen. Insgesamt ist er aber zufrieden: „Ich würde euch eine Eins minus geben“, sagt er. Dann geht er jedes Element mit ihnen durch, bespricht die Fehler, gibt letzte Tipps. Eins minus sei gut, sagt er anschließend, aber möglicherweise nicht gut genug für internationale Wettbewerbe.

Um die geht es Hofmann und seinem Team – den Mozart-Cup Ende des Monats in Salzburg etwa. Den Budapest-Cup im Februar. Oder den World-Challenge-Cup im März in Zagreb. Die Deutsche Meisterschaft am Wochenende ist eine Art Test: Wie klappt die Aufstellung? Sind die Zugänge nervenstark?

Fast die Hälfte des Kaders, der aus 22 Mädchen und einem Jungen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren besteht, ist erst seit dem Sommer dabei. Die Neuen sind entweder gerade vom Einzel- zum Synchroneiskunstlauf gewechselt oder sie sind aus dem Team Berlin Novice aufgestiegen, in dem die bis zu 14-jährigen Formationsläufer trainieren. Die Fluktuation ist völlig normal, die besten Junioren wechseln mit etwas Glück irgendwann in die Meisterklasse, in das Team Berlin I. Die meisten Junioren laufen von Kindesbeinen an. Mindestens sieben Jahre Eis-Erfahrung brächten sie mit, sagt ihr Cheftrainer, manche sogar mehr.

Hausaufgaben in der Bahn

Antonia Wiedorn zum Beispiel, die nicht nur die Wimpernbeauftragte ihres Teams ist, sondern auch eine der beiden Captains, läuft Schlittschuh, seit sie vier ist. Lange war sie in einem Eiskunstlaufverein. „Aber dann hat das mir nicht mehr so viel Spaß gemacht“, sagt die 17-Jährige, „auch weil man immer Einzelkämpferin ist.“ Ihr damaliger Trainer habe sie auf die Idee gebracht, zum Synchroneiskunstlauf zu wechseln. Seit knapp vier Jahren ist sie nun dabei – und immer noch so begeistert vom Eislaufen im Team, dass sie dafür viel in Kauf nimmt. 75 Minuten benötigt sie für die Fahrt vom brandenburgischen Falkensee, wo sie lebt und in die 11. Klasse des Gymnasiums geht, zum Sportforum. Dienstags, mittwochs und freitags ist dort Training, rund 15 Stunden verbringt jeder der Sportler pro Woche im Ballettsaal, im Kraftraum und auf dem Eis, am Wochenende geht es oft zu Wettkämpfen. Da bleibt wenig Zeit für Schularbeiten. „Hausaufgaben kann man notfalls in der Bahn machen. Aber die Zeit zum Lernen fehlt oft“, sagt Anna Maria Plappert. Die 17-jährige Berlinerin ist ebenfalls Captain und macht dieses Jahr Abitur.

Teammanagerin Constanze Kahlenberg weiß um derartige Probleme. Deswegen bittet sie die Lehrer ihrer Mädchen manchmal in Briefen um Verständnis. Doch nicht nur der zeitliche Aufwand für den Sport ist enorm, auch der finanzielle. Etwa 3 000 bis 3 500 Euro koste das Junioren-Team pro Saison – Geld, das mangels Sponsoren die Eltern aufbringen müssen. Beispielsweise für die Reisen zu den internationalen Wettkämpfen. Oder für die Kostüme. In dieser Saison ist es ein türkisblaues, knapp knielanges Kleid mit Glitzergürtel. Es ist der „Cinderella“ in der jüngsten Verfilmung des Märchens nachempfunden, sagt Constanze Kahlenberg. Passend zur aktuellen „Cinderella“-Kür. Doch beim Kleid allein wollten es die Sportlerinnen nicht bewenden lassen. Alle hätten sich ein Diadem dazu gewünscht. Diesen Kleinmädchentraum, sagt die Teammanagerin, habe sie gern erfüllt. „Man geht einfach mit einem besseren Gefühl auf das Eis“, sagen die beiden Captains, „wenn man weiß, dass man gut aussieht.“