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Tennis Borussia: Film über Berlins Kultklub TeBe

Auf der harten Kante sitzen und klare Kante zeigen: Fußballfans von Tennis Borussia Berlin jubeln im Mommsenstadion gegen Homophobie an.

Auf der harten Kante sitzen und klare Kante zeigen: Fußballfans von Tennis Borussia Berlin jubeln im Mommsenstadion gegen Homophobie an.

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imago/Sebastian Wells

In einem kleinen Kino in Kreuzberg ist die Dokumentation zweier Studenten über den Berliner Fußballverein Tennis Borussia vorgestellt worden. Es ging nicht um die Glorifizierung des Vereins, sondern um die ungeschönte Realität, in der sich der Klub befindet, jetzt: in der sechsten Liga, der Oberliga Nord.

Gegründet wurde TeBe 1902 von 12 jungen Studenten, die teils jüdischer Herkunft waren. Diese Tradition spiegelt sich bis heute durch ein aktives Vorgehen gegen antisemitische, rassistische sowie homophobe Tendenzen auf den Rängen. Die Wirkungsstätte der Lila-Weißen liegt im Charlottenburger Stadtteil Westend, direkt am Grunewald. Das 1930 erbaute Mommsenstadion ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges Heimat von TeBe.

Die Rocker von Plan B

Vielen Berlinern dürften die Lila Veilchen entweder aus den goldenen oder den düsteren Zeiten ein Begriff sein. Ob in der ersten Blüte des Vereins, in den Zwanzigerjahren, als sich TeBe noch mit Hertha BSC große Duelle um die Berliner Meisterschaft lieferte, den Siebzigern, wo ihnen 1975 und 1977 der Aufstieg in die Erste Bundesliga glückte und sie sofort wieder abgestiegen sind. Wer TeBe hört, denkt an Sepp Herberger, Hans Rosenthal, Jack White oder Benny Wendt. Aber auch die Skandale um den früheren Hauptsponsor Göttinger Gruppe und die beiden Insolvenzen, die letzte vor sechs Jahren. Nachhaltig wirkten zudem Entgleisungen von Fans anderer Vereine, die Tennis Borussias Spieler und Anhang als „lila Schwuchteln“ bezeichneten.

Vor eineinhalb Jahren kam Christian Heine, Maschinenbaustudent, die Idee, etwas über seinen „neuen Verein“ zu machen, wie er sagt. Der Dresdner kam erst in Berlin vor zwei Jahren zum Fußball: „Ich habe Fußball bis dato extrem abgelehnt, weil ich dachte, da stehen nur Rechte und Vollidioten auf den Rängen.“ In Berlin angekommen, ging er gleich an seinem ersten Wochenende zu TeBe und gehört seither zu den Fans im E-Block auf der Gegengeraden. „Außerdem wollte ich immer mal einen zeitlosen Film machen, nur hatte ich nie ein Thema.“ Da war es also, das Thema. Das fand auch sein Kumpel, Johannes Blankenstein, Student der Sozialwissenschaften, mit dem er eine Crowdfunding-Kampagne für den Film anstieß (siehe auch Text unten). Nach nur drei Tagen hatten sie 3 000 Euro. Sie begannen vor einem Jahr mit ihren Interviews. Etwa 20 Akteure rund um TeBe kommen im Film zu Wort.

Sie alle beantworten die Frage, was für sie TeBe ausmacht. Was ist die Seele des Vereins? Und wie schafft er es, in der sechsten Liga mehr Fans zu haben als so manch anderer Klub? Alexander war schon 1975 beim Aufstieg dabei: „Damals war ich Modefan aber trotz des Sinkfluges bis in die sechste Liga bin ich Fan geblieben“, sagt er. Es wirkt, als sei heute mehr Leidenschaft dabei denn je.

Die Punk Rocker von „Das Flug“ und „Plan B“, die nicht nur Anhänger des Klubs sind, sondern mit ihrer Musik auch Teil von ihm geworden sind, kommen zu Wort. „Bei unseren Texten geht es ja viel ums Versagen, und das passt super zu TeBe“, sagt Florian van Flug schmunzelnd. Im Kinosaal wird gelacht. Ja, das ist Tennis Borussia. Dieser Verein kann über sich selbst lachen. Niemand muss etwas schönreden. Authentizität ist den Veilchen wichtig. Einige vergleichen die Lila-Weißen mit dem FC St. Pauli. Weit hergeholt ist das nicht. Beide Vereine sind links angehaucht, beiden geht es um mehr als nur Profit und Kommerz.

So kommt in dem Film auch Christian Rudolph zu Wort. Er ist Mitgründer der Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“. Im Sommer 2011 wurde das bundesweite Netzwerk bei den „Respect Gaymes“ gegründet. Ein lilafarbenes Stadionbanner verkündete: „Fußballfans gegen Homophobie“. Das Banner wandert seitdem von der Kreisliga bis zur Bundesliga durch Deutschlands Stadien, um ein Zeichen zu setzen. „Es ist ein tolles Engagement von TeBe, weil sie sich nicht nur zufällig engagieren, sondern das aus Überzeugung machen,“ sagt Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland, der die „Respect Gaymes“ organisiert.

Karrierestart für Jérôme Boateng

Zeichen setzen: Es gab zum Beispiel mal die legendäre „Fummelfahrt“. Während der Saison 1999/2000 war das, eine Mottofahrt zu Energie Cottbus, auf der sich die Fans als Tunten in Kleidern und Stöckelschuhen verkleideten und plakativ mit „Lila-Weiß ist schwul“ warben – ein Spruch, der gerne von den Cottbusern zur Diffamierung der Gegner genutzt wurde.

In dem Film kommen Spieler, Trainer, Ordner und der Zeugwart zu Wort. TeBe ist mehr als ein Verein. In der aktiven Fanszene wird immer auch sozial gedacht. „Es ist einfach ein besonderer Verein und die Spieler haben ein sehr gutes Umfeld hier“, erzählt Trainer Daniel Volbert. Özgür Özvatan, Spieler bei den Veilchen, bestätigt: „Die Strukturen sind super als Spieler. In der Jugend ist es das Beste, das Berlin zu bieten hat.“ Das Nachwuchs-Leistungszentrum gehört zur Kaderschmiede für große Namen. Nationalspieler Jérôme Boateng wurde dort ausgebildet.

Zu Wort kommt auch die Trainerin der Mädchenabteilung, Chantal Hoppe: „Die Fans von TeBe stehen nicht nur für die erste Mannschaft da, sondern sie engagieren sich auch für den Frauenfußball und die Mädchenabteilung.“ Die Studenten Heine und Blankenstein spendeten das überschüssige Geld vom Crowdfunding den Veilchenladies.

Emotionales vom Bierstand

Der wohl emotionalste Moment des Films ist das Interview mit Biber, einem älteren Herrn, untersetzt, weißer Bart, bayerischer Dialekt. Er ist die zapfende Kultfigur und schenkt seit mehr als zehn Jahren das Bier im Stadion aus. Mit nachdenklicher Stimme und fast zu Tränen gerührt erzählt er, wie er 2002 bei TeBe aufgenommen wurde. Biber schenkt ehrenamtlich aus, er lebt seit 46 Jahren in Berlin, aber TeBe ist für ihn „ja Heimat, eine Familie. Hier wird jeder so akzeptiert, wie er ist.“

Die Dokumentation gibt Einblick in die Seele des Kultvereins Tennis Borussia. Authentisch, ohne dass sich jemand verbiegt oder etwas in den Mund gelegt bekommt. Fan Alexander sagt: „Wir wollen doch einfach nur Fußball, und es macht irgendwie auch Spaß, mit 200 Mann nach Lichtenberg oder Alt-Glienicke in der U-Bahn zur Auswärtsfahrt zu fahren.“ Wieder ein Lacher im Saal. Sehr sympathisch, diese Veilchen.