29.12.2011

Tennis Borussia: Langsam verklingt der Blues

Von Matthias Wolf
TeBe auf der Suche: Nicht nur nach dem Ball, auch nach neuen Geldgebern.
TeBe auf der Suche: Nicht nur nach dem Ball, auch nach neuen Geldgebern.
Foto: imago

Berlin-Ligist Tennis Borussia sehnt das Ende seines Insolvenzverfahrens herbei – und strebt wieder in höhere Klassen.

So manchem älteren Borussen war die Aktion peinlich. Der Steglitzer FC Stern 1900 gab von jeder Eintrittskarte zwei Euro an die Gäste weiter. Versehen mit den besten Wünschen des Vorsitzenden Bernd Fiedler, landeten 500 Euro bei Tennis Borussia, die den Erhalt der Geschäftsstelle mit sichern sollen: „Wir werden nie Bundesliga spielen, aber TeBe hat eine ganz andere Historie und gehört nicht in die sechste Liga.“ Derart animiert, ließen kurz vor Weihnachten die eigenen Fans den Hut auf der Tribüne herumgehen. Noch einmal 500 Euro, für die Mannschaftskasse. Dass darauf die „Fußballwoche“ mutmaßte, es gäbe Gehaltsrückstand bei TeBe, passt ins Bild vom darbenden Verein. Doch ganz so schlimm steht es um Tennis Borussia, seit Sommer erstmals in der Vereinsgeschichte sechstklassig, nicht mehr.

Andreas Voigt, der Klubchef, sagt: „Wir zahlen pünktlich unsere Gehälter.“ Außerdem träumen sie wieder von besseren Zeiten, nach zuletzt 18 Punkten aus sieben Spielen. Durchatmen am Eichkamp, wo das Schlimmste befürchtet wurde: Die Lila-Weißen rangierten wochenlang auf dem letzten Platz der Berlin-Liga, scheiterten im Pokal bei Siebtligist Norden-Nordwest 98 – und hatten eine handfeste Trainerdiskussion. Allein, Voigt und sein Vize Roland Weißbarth, standen zu Markus Schatte, der betont hatte, er brauche „noch ein wenig Zeit für den Neuaufbau. Wir fangen schließlich wieder bei null an“.

So waren nach dem Oberliga-Abstieg nur drei Stammkräfte geblieben. Selbst eigene Talente hatten dem Klub den Rücken gekehrt, weil sie für 150 Euro Gage nicht spielen wollten. So drohte TeBe, mit dem Slogan „Wir rocken die Berlin-Liga“ angetreten, dauerhaft der Blues des Amateurdaseins. Im Team herrschte Uneinigkeit, Disziplinlosigkeit – erst als Schatte durchgriff, Spieler suspendierte, konnte er „die Talfahrt stoppen“.

Die ruhmreiche Vergangenheit des ehemaligen Bundesligisten, einst Klub der Trainergrößen Sepp Herberger und Rudi Gutendorf, passte so gar nicht zur Aktualität. Nach dem Lizenzentzug im Jahr 2000, mit Winfried Schäfer als Trainer, und dem Ausstieg der Hasardeure von der Göttinger Gruppe, die 40 Millionen im Eichkamp verbrannten, waren die Charlottenburger immer mehr zum Sozialfall geworden.

Das zweite Insolvenzverfahren wird in wenigen Tagen, nach langen eineinhalb Jahren, abgeschlossen sein. Das eröffnet neue Möglichkeiten. „Einige Sponsoren haben gesagt: Wenn Ihr wieder selbst über euer Schicksal bestimmen könnt, sind wir wieder dabei“, erklärt Voigt hoffnungsvoll. Er weiß, dass der Klub eine aktuelle Deckungslücke von 23 000 Euro im Saisonetat von 150 000 Euro rasch stopfen muss.

Weißer Brasilianer im Porsche

Dabei ist es gerade mal knapp zwölf Jahre her, da verdienten Spieler wie Sergej Kirjakow, Uwe Rösler oder Ansgar Brinkmann mehr als das Dreifache dieser heutigen Etat-Summe. Brinkmann, der „weiße Brasilianer“, hat das in seiner Autobiografie so beschrieben: „Ich bekam meine erste Gehaltsabrechnung, starrte kurz auf die Zahlen, noch mal, dann musste ich lachen – und ging los, um mir ein neues Auto zu kaufen.“ Einen Porsche. Den fuhr auch Winnie Schäfer.

Vergangenheit. Wie sehr das nur langsam vorankommende Konkursverfahren den Verein lähmte, lässt sich an einer Personalie festmachen: Jérôme Boateng, einst Jugendspieler bei TeBe. Bei seinem Wechsel 2010 vom Hamburger SV zu Manchester City bekamen die Borussen 60 000 Euro Ausbildungsentschädigung – die komplett in die Insolvenzmasse flossen. Als nun Boateng zu den Bayern wechselte, gab es noch einmal 56 000 Euro. Diesmal stritten sich Hauptverein und Jugendabteilung, die bei TeBe über einen Förderverein unabhängig ist. Letztlich wurde entschieden, dass das Geld an die Männerabteilung fließt, weil Boateng schon 2002 gegangen war. Prompt griff der Insolvenzverwalter wieder zu – und alle Borussen schauten in die Röhre.

Voigts Bestreben ist es nun, bei Neuwahlen im Frühjahr Hauptverein und erfolgreiche Jugend, mit den B-Junioren in der Bundesliga, wieder zu vereinen. „Das neue Konzept ist fertig.“ Mit dem Ziel, pro Saison fünf Jugendspieler für die eigene Mannschaft hervorzubringen – und einen Profi, der transferiert werden kann, um den Verein mit am Leben zu erhalten.

Ab der nächsten Saison will TeBe laut Voigt wieder um den Aufstieg mitspielen, sich schrittweise herantasten. An Oberliga, Regionalliga, vielleicht sogar Liga drei? „Da gehören wir nach Ansicht vieler hin. Aber es gibt keine festen Pläne“, sagt Voigt, der noch erlebt hat, wie einst die Göttinger Gruppe die Champions League ins Visier nahm. „Der Größenwahn ist vorbei. Aber ich denke, wir haben zumindest wieder eine neue Welle an Aufbruchstimmung.“

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