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Thomas Bach will IOC-Chef werden: Die Geduld des Fechters

Ganz oben: Aufsteiger Thomas Bach auf dem Dach des Münchner Olympiastadions.

Ganz oben: Aufsteiger Thomas Bach auf dem Dach des Münchner Olympiastadions.

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dpa/Andreas Gebert

Es heißt, der Mann habe Freunde. Und damit sind ausnahmsweise nicht einflussreiche Ölscheichs gemeint, die im Weltsport die Strippen ziehen, oder deutsche Politiker und Unternehmer, die in seinem Schlepptau arabische Potentaten umschmeicheln. Thomas Bach, 59, Anwärter auf den Präsidenten-Thron beim Internationalen Olympischen Komitee, soll gern im trauten Kreis beim Kartenspiel entspannen. „Skat“ schreiben die einen, „Schafkopf“ die anderen. Vermutlich kann er beides. Was zählt, ist die an der publizistischen Heimatfront gestreute Botschaft: „Seht her, ich bin ein völlig geerdeter Kerl!“

Das Rennen um die Nachfolge des scheidenden IOC-Chefs Jacques Rogge ist auf der Zielgeraden, am kommenden Dienstag wird in Buenos Aires gewählt. Und Bach ist der Favorit. Da macht sich ein bisschen Bescheidenheit ganz gut. Wobei solche Botschaften aus dem fernen Deutschland eher als Hintergrundrauschen ankommen. Der Kampf um die Stimmen der Unentschlossenen wird bei IOC-Wahlen traditionell an Ort und Stelle geführt.

Skatbruder Bach hat sein gutes Blatt weitgehend ausgereizt. Er war der Erste, der sich aus der Deckung gewagt und seine Kandidatur bekannt gegeben hatte. Der Prädikatsjurist aus Tauberbischofsheim hatte die Initiative an sich gerissen und damit zweierlei offenbart: sein Selbstverständnis als Bewerber Nummer eins und jenen zuverlässigen Machtinstinkt, der ihn so weit gebracht hat.

Viel zuhören, viel lernen

Wer sich bloß aufs Taktieren versteht, muss auf dem Weg durch die Instanzen, den Thomas Bach seit seiner Berufung in die neugegründete IOC-Athletenkommission 1981 gegangen ist, fast notgedrungen scheitern. „Man muss über viele Jahre zuhören und lernen“, erläuterte er jüngst seinen Wahlhelfern Beckenbauer und Bild. Einer, der sich auf Strategie versteht, verzichtet schon mal auf einen Geländegewinn, wenn er erkennt, dass dies seinen langfristigen Zielen dienen könnte. So einer ist Thomas Bach.

Es ist vermutlich mehr als Koketterie, wenn er auf seine Wurzeln im nordöstlichsten Zipfel Württembergs verweist. Bach, dessen Eltern in Tauberbischofsheim ein Bekleidungsgeschäft betrieben, bewegt sich sicher auf internationalem Parkett, spricht Englisch, Französisch und Spanisch. Ein echter Weltbürger ist er trotzdem nicht geworden. Er betreibt bis heute eine Kanzlei in seiner Heimatstadt, studiert hat er im nahen Würzburg. Sein Hochdeutsch ist mit Tupfern von Dialekt durchwirkt. Ein Mann der großen Geste oder ein mitreißender Redner war er nie. Aber bei Auftritten wie dem Wahlhearing des Deutschen Olympischen Sportbunds im Juni in Berlin ist Bach in seinem Element. Ein Lächeln hier, ein Händedruck dort – und bei wichtigen Leuten wie dem Unions-Fraktionschef Volker Kauder auch mal ein paar Minuten intensiver Zwiesprache in einer stillen Ecke. Bachs Fähigkeiten als Netzwerker werden gerühmt.

Eine imposante Erscheinung ist der Jurist aus Tauberbischofsheim nicht. Für einen Fechter, dem jeder Zentimeter Armlänge nützt, ist er erstaunlich klein. Seine Anzüge sitzen gern mal unvorteilhaft. Die Liebe zum guten Essen, die er umstandslos eingesteht, hat den früheren Spitzensportler rundlich gemacht. Einen wie ihn kann man leicht unterschätzen. Wer das tut, sitzt schon in der Falle. Thomas Bach lernte früh, sich auch seine Unauffälligkeit zunutze zu machen.

Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit

Das war nicht unwichtig auf dem Weg nach oben. Auch andere Eigenschaften, die es dafür braucht, besitzt Thomas Bach im Überfluss: Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit, Verhandlungsgeschick und viel Geduld. Was ihn aber vor allem kennzeichnet, ist ein sechster Sinn dafür, wer ihm nützlich sein könnte. Der Aufstieg von Thomas Bach ist nicht zuletzt mächtigen Förderern zuzuschreiben. Da war Emil Beck, der Tauberbischofsheimer Fecht-Papst, der ihn zum Spitzensportler formte und der mehr war als ein Trainer für Thomas Bach, der 14 war, als sein Vater starb. Da war Adidas-Chef Horst Dassler, der genialische Wegbereiter der modernen Sportvermarktung, der zugleich ein dichtes Netz aus Abhängigkeiten und Gefälligkeiten knüpfte, dessen Muster von den korrupten Kräften im Weltsport bis heute erfolgreich kopiert wird. Dassler hielt große Stücke auf Bach. Der war bei Adidas von 1985 an als Manager für internationale Beziehungen tätig, zog nach dem Tod seines Mentors 1987 aber bald weiter. Und schließlich waren da Willi Daume, Bachs deutscher Vorgänger im IOC, und Juan Antonio Samaranch.

Der vergleichsweise junge deutsche Funktionär, nach zwei vergeblichen Anläufen 1991 in den erlauchten Kreis der Olympier aufgenommen, war ein erklärter Liebling des siebten IOC-Präsidenten Samaranch. Der protegierte Bach, der sich in der Gremienarbeit profilieren durfte, wann und wo immer er konnte. Der Aufsteiger zahlte es später zurück, indem er die Anhebung des Alterslimits von 75 auf 80 Jahre unterstützte, was nur einem einzigen Zweck diente: Der Spanier konnte länger im Amt bleiben. Bachs enge Bindung an Samaranch unterstrich: Wenn es um sein Fortkommen ging, wählte er seine Verbündeten jedenfalls nicht wegen ihrer hohen moralischen Standards. Kritiker halten die grassierende Korruption für das prägende Wesensmerkmal der Ära Samaranch im IOC, die 2001 nach mehr als zwei Jahrzehnten endete.

Bachs Karriere nahm bei alledem keinen Schaden. Vielmehr wusste er seine Wertschätzung in IOC-Kreisen im Zuge des Korruptionsskandals um die Bestechung von IOC-Mitgliedern durch den dann auch erfolgreichen Olympia-Bewerber Salt Lake City für 2002 noch zu steigern. Er kann Probleme abmoderieren, indem er kleine Dinge groß und große klein aussehen lässt. FDP-Mitglied Bach hätte es auch in der Parteipolitik weit bringen können.

Das IOC gründete eine Ethikkommission und sortierte ein paar käufliche Mitglieder aus. Dem greisen Samaranch entglitt die Macht. Sein deutscher Zauberlehrling fiel die Treppe rauf. 2000 wurde Thomas Bach in Sydney zum IOC-Vizepräsidenten gewählt.

Der Junge aus Tauberbischofsheim war jetzt eine ganz große Nummer. Und wer es im Weltkonzern mit den fünf Ringen so weit gebracht hat, will natürlich irgendwann an dessen Spitze stehen. Bach hat zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen, dass er besitzt, was es dafür aus IOC-Binnensicht braucht. Und der damals 46-Jährige hatte Zeit. Viel Zeit. Nur eines fehlte ihm zur rundum überzeugenden Kandidatur, wenn die auf maximal zwölf Jahre befristete Amtszeit des 2001 inthronisierten Samaranch-Nachfolgers Rogge abgelaufen sein würde: eine solide Machtbasis im eigenen Land.

Als sich nur wenige Jahre später die Chance auftat, das zu ändern, zeigte Thomas Bach, wie gut er das Spiel um Macht und Einfluss inzwischen beherrschte. Nach dem schwachen Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft in Athen 2004 nahm die Debatte um eine grundlegende Strukturreform im deutschen Sport Fahrt auf. Ziel war eine Fusion von Deutschem Sportbund und Nationalem Olympischen Komitee. NOK-Chef Klaus Steinbach machte frühzeitig klar, dass er auch die neue Organisation führen wollte. Bach blieb in Deckung und wies solche Ambitionen beharrlich von sich. Steinbach, nicht gerade der Menschenfänger-Typ, stolperte letztlich über sich selbst und verzichtete schließlich auf eine Kandidatur. Stattdessen empfahl er – manche sagen: zähneknirschend – den vom DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen stets präferierten Bach. Dass der sich daraufhin noch immer nicht erklärte, war bezeichnend. Erst musste ihm noch eine Findungskommission das Amt antragen.

Vieles aus seinem Wahlprogramm als Präsidentschaftskandidat im IOC, von der flexibleren Gestaltung des olympischen Programms bis zur Verbesserung des Antidopingkampfs, klingt vernünftig. Doch ausgerechnet daheim in Deutschland hat der Favorit ein Glaubwürdigkeitsproblem. Er beriet für viel Geld den Siemens-Konzern, der beim Ausbau der Infrastruktur im Vorfeld der Olympischen Spiele von Peking kräftig mitmischte. Wer ihn nach Bekanntwerden dieses Umstands interviewen durfte, konnte erleben, dass Bach auch sekundenschnell von jovial auf barsch umschalten kann.

Türöffner im Morgenland

Bislang prallte noch jeder Vorwurf an Thomas Bach ab. Er hat früh begriffen, dass mediale Erregungswellen kommen und gehen und die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit kurz ist. Die Teppiche, auf denen er sich seit geraumer Zeit bewegt, sind dick genug, um den Lärm derjenigen, die sich gelegentlich empören, zu schlucken. Bach mag nicht so reich sein wie seine ernsthaftesten Konkurrenten Ser Miang Ng (Singapur) und Richard Carrión (Puerto Rico), doch finanziell unabhängig ist auch er. Der Türöffner im Morgenland genießt das Vertrauen deutscher Wirtschaftskapitäne und das Wohlwollen der Bundeskanzlerin. Von dieser hohen Warte aus betrachtet, gibt es keine Kritiker mehr. Nur noch Neider.

Bach ist vehement gegen ein Antidopinggesetz. Er sieht keinen Handlungsbedarf und stellt bei Bedarf auch Persilscheine aus. Die Erfolge der Athleten der deutschen Olympiamannschaft von London seien „der schlagende Beweis für sauberen Lorbeer“, erklärte er vorigen Dezember in Stuttgart und beklagte „ein Klima des Misstrauens gegenüber Leistung und des Neides auf Erfolg“. Dopingskandale tut er als bedauerliche Ausnahmen ab.

Solche Positionen sind seinen Chancen ebenso zuträglich wie die Tatsache, dass er mal wieder einen mächtigen Fürsprecher hat: Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah. Das IOC-Mitglied aus Kuwait sammelt seit geraumer Zeit Einfluss und Ämter im Weltsport. Er lenkt den Kontinentalverband Asiens, ist Präsident des Weltverbands der nationalen olympischen Komitees und leitet die IOC-Kommission Olympische Solidarität. Die verteilt in den nächsten drei Jahren 438 Millionen US-Dollar an Mitgliedsverbände.

Ein peinliches Interview

Der Scheich am Geldhahn gilt als Königsmacher im IOC. Vor wenigen Tagen wurde im Magazin Monitor ein Interview mit Al-Sabah ausgestrahlt, in dem er keinen Hehl aus seiner Unterstützung für Thomas Bach macht. Der Scheich wurde befragt, als der Wahlkampf um die Präsidentschaft bereits eröffnet war, und da sind solche Statements ausdrücklich untersagt. Für Bach war das peinlich. Aber es dürfte seine Chancen kaum schmälern. So wenig wie seine Kuwait-Connection über die Weinig AG. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Maschinenbau-Firma aus Tauberbischofsheim, die von Anteilseignern aus dem Emirat kontrolliert wird.

Sollte Bach zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees gewählt werden, wird sich dort nichts grundlegend ändern. Er ist ein Konformist durch und durch, der Kandidat des Systems, gegen das er nie aufbegehrt, dessen Prinzipien er nie infrage gestellt hat. Das machte ihn überhaupt erst präsidiabel. Er würde das IOC führen, wie es seinem Wesen und seinen Fähigkeiten entspricht: effizient und möglichst geräuschlos.

Natürlich kann er auch verlieren. Loyalität ist bei Wahlentscheidungen im IOC ein flüchtiges Gut. Bündnisse können in letzter Minute ins Wanken geraten, alte Seilschaften von neuen verdrängt werden. Das macht ja den Reiz solcher Entscheidungen aus.