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Triathlet Sebastian Kienle: Der Ausdauermann

Pedalstärke gegen Pferdestärke: Sebastian Kienle trainiert in Kailua-Kona mit einem schwergewichtigen Tempomacher für den Ironman.

Pedalstärke gegen Pferdestärke: Sebastian Kienle trainiert in Kailua-Kona mit einem schwergewichtigen Tempomacher für den Ironman.

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picture alliance / Michael Rausc

Es könnte ein Traumurlaub sein. Seit fünf Wochen wohnt Sebastian Kienle im Royal Sea Cliff Hotel auf der Hawaii-Insel Big Island. Es liegt direkt an einer Bucht, in der sich die azurblaue Südsee malerisch an schwarze vulkanische Felsen schmiegt. Auf dem Ali'i Drive sind es knapp zwei Kilometer nach Kailua-Kona. Tagsüber klettert die Temperatur in der Inselhauptstadt auf über 30 Grad Celsius. Die Luftfeuchtigkeit von gut 80 Prozent lässt die Hitze noch drückender wirken. Zwar geht Kienle fast jeden Tag im Ozean schwimmen, nur ein Urlaub ist es dann doch nicht.

Als Triathlonprofi startet Kienle mit den besten 50 Kollegen heute beim Ironman auf Hawaii, der Weltmeisterschaft. Die ganze Insel steht im Zeichen des Wettkampfs. Addiert man Frauenkonkurrenz und die nach Altersklassen antretenden Amateure, tummeln sich in Kona 2 000 Triathleten mit Familien, Freunden und Helfern.

Im vorigen Jahr landete der Schwabe Kienle beim Debüt schon auf dem vierten Platz. Er brauchte 55 Minuten für die 3,8 Kilometer Schwimmen im Meer, vier Stunden und 33 Minuten für die 180 Kilometer auf dem Rad und zwei Stunden und 54 Minuten für den abschließenden Marathon auf 42 Kilometern durch die sengende Hitze. Für einen Amateur ist jede Einzelzeit kaum zu erreichen.

Am Mittwoch, unmittelbar vor dem Telefoninterview, hatte Kienle Besuch von einem Berufsskeptiker. Der Dopingkontrolleur war da, um zu untersuchen, ob bei Kienle alles mit rechten Dingen zugeht. Nach all den Skandalen in Ausdauersportarten wie dem Profiradsport zeugte jeder andere Instinkt als Misstrauen nur von großer Naivität. Kienle weiß das. Er sagt: „Ich habe mir auch mit zwölf, dreizehn Jahren die Tour de France angeguckt und Leute wie Jan Ullrich angehimmelt. Das fand ich absolut genial. Es ist dann so bitter, irgendwann festzustellen, dass sie gedopt haben. Ich kann niemandem böse sein, der an meiner Leistung zweifelt, ich kann nur denen böse sein, die dafür verantwortlich sind, dass diese Zweifel aufgekommen sind.“

Allein zwei Mal auf Hawaii haben sie ihn getestet, in diesem Jahr zuvor schon ein Dutzend Mal im Training, schätzt er, plus sechs Mal nach dem Wettkampf. Kienles Stärke ist ausgerechnet das Radfahren, als der Überbiker preist ihn das Fachblatt Triathlon.

Kritik an Armstrong

Vor neun Jahren hat die Deutsche Nina Kraft geholfen, dem Ironman die Unschuld zu rauben. Nach ihrem Sieg wurde sie positiv auf das populäre Ausdauerdopingmittel Epo getestet. Unvergessen ist zudem, wie die Triathleten im vorigen Jahr noch um den amerikanischen Radprofi Lance Armstrong gebuhlt haben, als sie ihn aus seiner Kerndisziplin schon fortgejagt hatten.

Kienle zählte zu jenen, die das kritisiert haben. „Ich mache den Sport schon seit zwanzig Jahren, und mir ist noch nie etwas angeboten worden“, sagt er, „ich habe auch noch nie mit eigenen Augen was gesehen und noch nie von jemandem gehört, der was gesehen hat.“

Wie der Landsmann Andreas Raelert ist Kienle ein sympathischer Kerl, er wirkt noch offener als der Rostocker, er antwortet freimütig auf alle Fragen und er klagt, dass Leistung allein nicht als Indiz für Doping gelten dürfe. „Es bleiben immer Restzweifel. Natürlich ist auch ein Lance Armstrong über 200 Mal kontrolliert worden“, sagt er und meint dabei, dass der Amerikaner nie offiziell positiv getestet werden konnte. „Meine Eltern haben mich auch noch lieb, wenn ich als Dreißigster von hier nach Hause komme. Aber die Toleranz wäre gering, wenn ich hier gewinne und nachher kommt raus, ich habe das erschlichen, ich habe gedopt. Das würden die mir nicht verzeihen, und meine Freunde auch nicht.“

In diesem Jahr könnte ihm der Coup gelingen. Obwohl er in der ersten Jahreshälfte von einem Außenbandriss beim Joggen und dann von einem hartnäckigen Infekt ausgebremst wurde, führt Kienle nach seiner Titelverteidigung bei der WM über die halbe Ironmandistanz („70.3“)vor einem Monat in Las Vegas das sogenannte Kona-Pro-Ranking an. Neben Raelert, zuletzt zwei Mal Zweiter und zwei Mal Dritter auf Hawaii, oder dem Basken Eneko Llanos, der zwar im vorigen Jahr auf Hawaii ausstieg, in diesem aber Europameister wurde und den Ironman in Melbourne gewann, sowie starken Australiern wie Vorjahressieger Pete Jacobs oder Craig Alexander zählt Kienle zu den Favoriten.

Bessere Aerodynamik

Die Elite des Triathlons zeichnet sich durch besondere Akribie aus. Das ganze Leben ist auf den Sport ausgerichtet. Keine ausschweifenden Partys, kein Alkohol, keine Zufälle. Der Rostocker Raelert will seinen ersten Sieg auf Hawaii erzwingen, indem er sich erstmals in Boulder/Colorado mit dem dreimaligen Weltmeister Alexander vorbereitet hat. Kienle hat in diesem Jahr zu Lubos Bilek, der ihn seit neun Jahren trainiert, Jan Wolfgarten als Schwimmcoach hinzugezogen.

Schon die Position beim Start macht viel aus. Bevor sich alle nach dem Kanonenböller zum Sonnenaufgang um 6.30 Uhr (18.30 Uhr MESZ, ab 0.00 Uhr live im HR) wenig zimperlich in das Salzwasser stürzen, weil jeder um eine optimale Ausgangsposition ringt, geht es um Strategie. „Ich sehe zu, dass ich bei Jan Raphael stehe und bei Timo Bracht, so dass ich da mitschwimmen kann, wenn es richtig gut läuft“, sagt Kienle. „Ich hab’ noch nie jemanden mit Absicht im Wasser gehauen, unabsichtlich schon häufiger.“

Seine Radleistung hat Kienle, der das Physikstudium wegen unerfüllbarer Präsenzpflichten unterbrochen hat und vorerst Management in Ansbach in Fernkursen studiert, mit besonderer Akribie optimiert. Auf einer Radbahn hat er mit einem Wattmesssystem samt passendem Computerprogramm Kleinigkeiten vom Helm, über Reifen und Schläuche bis zu unterschiedlichen Positionen der Trinkflasche am Rahmen ausprobiert, um die aerodynamische Effizienz zu verbessern.

Fachleute vermuten, Kienle hätte womöglich schon im vorigen Jahr auf Hawaii siegen können. Doch der Tüftler hatte zum Wohle der besseren Aerodynamik die Ventilverlängerung abgeschraubt. Als er dann eine Panne hatte, konnte er die Restluft nicht zügig genug aus dem ramponierten Schlauch lassen, um den Reifen zu wechseln. Das hat ihn wertvolle Minuten gekostet. „Da habe ich in diesem Jahr eine andere Lösung“, sagt er, „das passiert mir nie wieder.“