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Berliner Zeitung | 1. FC Union Berlin : Verfassungsschutz soll Union-Fan als V-Mann umworben haben
27. March 2015
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1. FC Union Berlin : Verfassungsschutz soll Union-Fan als V-Mann umworben haben

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dpa

Der Verfassungsschutz soll versucht haben, einen V-Mann in der Fanszene des 1. FC Union anzuwerben. Das teilte die Eiserne Hilfe am Freitag mit. Die Eiserne Hilfe ist ein eigenständiger Verein, der Union-Fans in juristischen Angelegenheiten unterstützt, die im Zusammenhang mit ihrer Anhängerschaft stehen. Demnach habe ein älteres Pärchen im Februar einen Union-Fan auf dem Weg zur Arbeit angesprochen. „Man stellte sich als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes vor und lud das Mitglied der Fanszene zu einem Kongress ein, welcher sich thematisch mit Politik und Fußball auseinandersetzen sollte“, schreibt die Eiserne Hilfe auf ihrer Internetseite. Etwa einen Monat später sei es zu einer telefonischen Kontaktaufnahme und Einladung gekommen, obwohl der Angerufene seine Telefonnummer nicht weitergegeben habe. Danach entschloss sich die Eiserne Hilfe, die den Fan seit der ersten Kontaktaufnahme berät, an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Wir wollen die Fanszene schützen und das Bewusstsein der Leute stärken, dass sie nicht auf solche Anfragen eingehen“, sagte ein Vorstandsmitglied der Eisernen Hilfe dieser Zeitung. „Es geht um die Verhältnismäßigkeit, dass Fußballfans nicht auf eine Stufe mit Kriminellen gestellt werden.“ Obwohl der Anwerbeversuch scheiterte, ist die Verunsicherung in der Anhängerschaft groß, denn niemand weiß, ob es weitere – womöglich erfolgreiche – Kontaktaufnahmen gab. Der geschilderte Anwerbeversuch mutet unterdessen etwas dilettantisch an, wird ein Vertrauensverhältnis zu einem möglichen V-Mann nicht längerfristig aufgebaut, ohne dass sich die Anwerber direkt offenbaren? Es kursiert in der Fanszene daher, sofern der Nachrichtendienst tatsächlich aktiv wurde, der Verdacht, dass es sich um den Versuch handle, gegenseitiges Misstrauen unter den Union-Anhängern zu säen.

Der Berliner Verfassungsschutz teilte mit, dass er zu operativen Angelegenheiten keine Auskunft gebe. „Es wird auch keine Auskunft gegeben, wenn der Berliner Verfassungsschutz im Einzelfall nicht operativ tätig wurde.“ Die Möglichkeit, dass es sich um einen Anwerbeversuch einer höheren Instanz, also des Bundesamts für Verfassungsschutz, gehandelt haben könnte, ist somit nicht ausgeschlossen. Ferner wies der Berliner Verfassungsschutz gegenüber dieser Zeitung darauf hin, dass sein Aufgabenfeld „im Rahmen des gesetzlichen Auftrages in der Beobachtung von extremistischen Strukturen liegt. Fußball- und Fanorganisationen ohne extremistischen Bezug liegen daher nicht im Spektrum unserer Tätigkeit.“

Sieht der Verfassungsschutz bei Union keine Grundlage für eine Beobachtung? Oder gibt es bei dem Klub eine Fanorganisation mit extremistischem Bezug? Eine dritte Möglichkeit ist, dass der Union-Fan für den Verfassungsschutz aufgrund möglicher Informationen über die linksradikale Szene interessant ist. Das Fan-Sein wäre somit nur eine Nebeneigenschaft.

Der Verfassungsschutz soll die freiheitliche demokratische Grundordnung und die Sicherheit des Landes schützen sowie Bestrebungen verhindern, die gegen das friedliche Zusammenleben der Völker gerichtet sind. Solche Bedrohungen gehen gemeinhin nicht von Fußballfans aus. Trotzdem gibt es Beispiele für den Einsatz von Vertrauensleuten in der Fanszene, da auch die Polizei mit V-Männern arbeitet. So waren von 2008 bis 2012 „weniger als zehn Vertrauenspersonen mit jeweils unterschiedlicher Einsatzdauer“ für die Polizeibehörden des Landes Nordrhein-Westfalen „zur Gefahrenabwehr“ tätig, wie NRW-Innenminister Ralf Jäger im Januar 2013 bestätigte. Vermutet wurden V-Leute auch in den Fanszenen des 1. FC Köln und von Dynamo Dresden.