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1. FC Union Berlin: Problemanalyse im spanischen Trainingslager

Hier dribbelt der Chef noch selbst: Unions Trainer Sascha Lewandowski nutzt die klimatischen und sonstigen Gegebenheiten, um sich fit zu halten.

Hier dribbelt der Chef noch selbst: Unions Trainer Sascha Lewandowski nutzt die klimatischen und sonstigen Gegebenheiten, um sich fit zu halten.

Foto:

Matthias Koch

Oliva Nova -

Sascha Lewandowskis wichtigster Assistent kommt aus der Box, hat vier Beine, und wenn man ihn samt der Kamera, die er oben auf seinem Teleskopmasten trägt, ganz in die Länge zieht, ist er circa zehn Meter hoch. Mo Track TA 10.5 heißt er, ist im Fachhandel für 4550 Euro zu haben. Und der Hersteller garantiert: tadellose Bilder „aus einer Perspektive, die nahezu gewohnten Fernsehstandard entspricht“.

Das mobile Videoanalysegerät mit dem Star-Wars-verdächtigen Namen ist natürlich auch am Mittwoch im Trainingslager des 1. FC Union wieder zum Einsatz gekommen. Beim Test gegen die zweite Mannschaft des FC Villarreal, die nach der kurzfristigen Absage des FC Sion zum mittäglichen Fußballspiel in Oliva Nova gewonnen werden konnte. Gelenkt von der erfahrenen Hand des Videoanalysten Adrian Wittmann hielt Mo Track TA 10.5 für Cheftrainer Lewandowski dabei Folgendes fest: einen ordentlichen Auftritt des Testtorhüters Jakob Busk, der in der zweiten Hälfte zwei Mal glänzend parierte, aber beim entscheidenden 0:1 machtlos war.

Darüber hinaus auch ein paar überzeugende Aktionen von Winterzugang Emanuel Pogatetz, der in der ersten Hälfte als Kommando gebender Mittelmann einer Dreierabwehrkette in Erscheinung trat. Und sonst? Allerlei Abstimmungsprobleme, die sich nicht nur mit dem hohen Trainingspensum und der daraus resultierenden Erschöpfung der Eisernen erklären ließen.

Noch nicht am Ziel

„Ich bin nie zufrieden, wenn ich nicht gewinne“, sagte Lewandowski hinterher im Mannschaftshotel in einer kleinen Runde. „Man darf das jetzt nicht zu hoch hängen, weil man sich auf so ein Spiel nicht explizit vorbereitet hat und weil es natürlich eine gewisse Müdigkeit gibt. Und man sieht schon, dass einige Dinge in Ansätzen gut funktionieren. Dann fehlt aber wieder die Konsequenz, diese Dinge auch über die komplette Dauer einer Partie immer wieder abzurufen. Ich will gewisse Dinge in dieser Phase eben nicht mehr nur sporadisch sehen.“ Die Mannschaft bemühe sich, das schon, aber „wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen“.

Alte Schule? Konzepttrainer? Laptoptrainer? Egal, das Notensystem, das im Fußball am Ende der Saison bei der Bewertung des jeweiligen Übungsleiters zum Einsatz kommt, ist so schlicht wie ehedem: erfolgreich oder nicht erfolgreich. Entweder wird es also im Nachgang dieser Spielzeit heißen, Lewandowski hat mit seiner stringenten, an den neuesten Erkenntnissen der Sportwissenschaft orientierten Methodik aus guten Zweitligaspielern tatsächlich sehr gute gemacht. Oder: Mit seiner Methodik überforderte der 44 Jahre alte Fußballlehrer seine Spieler, die eben nicht von ungefähr nicht in der Ersten, sondern in der Zweiten Liga beschäftigt sind.

Drei Wochen vor dem Rückrundenstart beim 1. FC Kaiserslautern ist jedenfalls immer noch ein gewisses Fremdeln zwischen Trainer und Spielern zu beobachten. Wobei es sich freilich nicht um ein zwischenmenschliches Problem handelt, dafür ist Lewandowski ein viel zu guter Typ, nein, Union hat unter seiner Führung weiterhin mit einem Theorie-Praxis-Problem zu kämpfen.

Falsches Timing

Immer wieder sah sich Lewandowski im Spiel gegen den FC Villareal II, der in der viergeteilten Dritten Liga Spaniens in seiner Gruppe die Tabelle anführt, zum Dazwischenfahren gezwungen. Beim Pressing stimmte das Timing nicht, beim Freilaufen war das Tempo nicht hoch genug und viel zu oft ließen die Mittelfeldspieler den Ball ohne Not nach hinten klatschen. In der zweiten Hälfte hielt sich Lewandowski mit seinen Einmischungen schließlich zurück, wohl auch, weil seine Mannschaft mehr mit Fußball denken denn mit Fußball spielen beschäftigt war. „Da waren wieder zehn Minuten, in denen wir beim Defensivverhalten wieder große Probleme hatten“, sagte Lewandowski.

Dass er sich mit seiner Lehre anpassen müsse, an die Zweite Liga, an die Qualität seines Kaders, diese Erkenntnis, habe er schon lange für sich gewonnen. Jetzt aber, in einer Phase, in der er zwei Mal täglich mit der Mannschaft arbeiten könne, „will ich, dass es einen Schritt weitergeht. Klar, das Weiterkommen ist nie einfach. Das ist auch ein Prozess, der wehtut. Ich muss mich auch auf die Mannschaft einstellen, auf die Voraussetzungen, die hier gegeben sind. Das ist ja meine Aufgabe. Und wenn ich es nicht hinbekomme, dann ist es ja auch meine Schuld, und ich kann es nicht auf einen anderen schieben.“

Wie weit Lewandowskis Fanatismus geht, hatte sich im Übrigen schon bei der Anreise ins Trainingslager gezeigt. Fast während des gesamten Fluges von Berlin nach Alicante hing er über seinem mobilen Rechner, sichtete eine Spielsequenz nach der anderen, machte unentwegt Notizen, während um ihn herum munter gequatscht oder eben geschlafen wurde. Zwei Stunden lang intensives Fußballstudium, jede Minute zählt, wenn gemäß der allgemeinen Überzeugung im Fußball des 21. Jahrhunderts am Ende Details über Sieg oder Niederlage entscheiden.


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