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UnionBerlin

1. FC Union Berlin: Weniger Stoff, mehr Leistung

Bahnt sich da ein guter oder ein schlechter Moment an? Damir Kreilach überzeugt auch ohne Kapitänsbinde.

Bahnt sich da ein guter oder ein schlechter Moment an? Damir Kreilach überzeugt auch ohne Kapitänsbinde.

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imago/Matthias Koch

Im letzten Spiel präsentierte Union Berlin gleich drei Kapitäne. Erst musste Amtsinhaber Benjamin Kessel verletzt raus, sein Einsatz gegen den Tabellenersten SC Freiburg (Sonnabend, 13 Uhr) ist aufgrund der schmerzenden Achillessehne ungewiss. Maximilian Thiel übernahm, und als er ebenfalls ausgewechselt wurde, übergab er an Sören Brandy. Der stand ihm am nächsten. An Damir Kreilach dachte Thiel nicht, obwohl der bis Ende Oktober der Spielführer des Teams gewesen war. Dann hatte ihn Trainer Sascha Lewandowski abgesetzt.

Es gibt Fußballer, die sich von so einer Degradierung nicht erholen. „Es ist so, als hätte man dir etwas genommen, was dir gehört“, klagte Thiago Silva etwa. Im Herbst nach der Heim-Weltmeisterschaft war er plötzlich nicht mehr Kapitän von Brasiliens Elf. Manche brauchen das Stück Stoff am Ärmel, sonst sind sie kraftlos. Seitdem die WM-Qualifikation läuft, wurde der Verteidiger nicht mehr in den Kader berufen.

Zwanghafter Positivismus

Damir Kreilach sieht nicht so aus, als ob ihm etwas fehle. Fidel steigt der 26-Jährige aus seinem Auto. Es scheint, als habe Sascha Lewandowski recht behalten: Der Mittelfeldmann spielt befreit auf, in vier Partien traf er zwei Mal, zwei weitere Tore bereitete er vor. Nur beim SC Freiburg spielt in Nils Petersen einer, der in dieser Saison bislang noch deutlich torgefährlicher ist. Aber stimmt das wirklich? Hat ihm Lewandowski nicht nur nichts genommen, sondern ihm sogar etwas gegeben? Nämlich die Freiheit? „Nach Tusche war es eine schwierige Aufgabe, Kapitän von Union Berlin zu sein“, sagt Kreilach.

Gerade mal ein Jahr war der Kroate in Berlin, als ihn der neue Trainer Norbert Düwel zum Spielführer ausrief. Ein Jahr nur, in dem Kreilach sein erstes deutsches Wort gelernt hat: Spielfeld. Ein Jahr, in dem er auf eben diesem Spielfeld Torsten Mattuschka sekundierte und ihm den Rücken freihielt, damit der sich ganz auf die offensiven Aha-Momente konzentrieren konnte. Dann ersetzte er den Liebling der Fans im Amt des Anführers, und das Stoff-Stück sollte als Autoritätskrücke dienen. Dass Düwel das auch so sagte, machte die Aufgabe nicht einfacher. Mattuschka habe sein Standing auch ohne Binde, sagte Düwel, anderen aber helfe sie. Es ist schwierig, wenn ein Kapitän nicht Vertreter der Mannschaft ist, sondern ein Werkzeug des Trainers. Düwel bezeichnete seine Entscheidung als „Signal an das Umfeld“, dass neue Strukturen entstehen.

Zuletzt lag er meist richtig

Pflichtbewusst ging Kreilach die Sache an. „Es ist die Aufgabe, in den schlechten Momenten mit jedem Spieler zu reden und immer positiv zu sein“, sagt er. Am Zwang des Positivismus kann man kaputtgehen, vor allem wenn es selten gute Momente zur Entspannung gibt. „Wenn es läuft, kann man auch an etwas anderes als Fußball denken“, sagt Kreilach. Die Gedanken waren nur selten frei.

Lewandowski reagierte auf Düwels Entwicklungshilfe mit einer Gegenhilfe: Er nahm Kreilach den Stützverband wieder ab, der sich seiner Meinung nach als Hemmnis erwiesen hatte. War schon die Ernennung nicht ein reiner Vertrauensbeweis gewesen, so war dies das Gegenteil. War er auf so viel externe Hilfe angewiesen? „Ich habe mich richtig gut gefühlt mit der Kapitänsbinde“, sagt Kreilach. Er war nicht verletzt gewesen, er hatte sich keinen Leistungsabfall innerhalb und schon gar keine Verfehlung außerhalb des Stadions zuschulden kommen lassen. Er könnte beleidigt resignieren. „Ich fühle mich so wie zu der Zeit, als ich Kapitän war.“

Der Glaube bleibt

Sportlich ist seine Bedeutung seither sogar gewachsen. Als flexible Offensivkraft, mal zwischen, mal hinter den Stürmern, entscheiden seine Überlegungen oft über Tor oder Gegentor: Setzt er die gegnerischen Verteidiger bei ihren Aufbaubemühungen unter Druck, verdichtet er das defensive Mittelfeld, hält er sich als Anspielstation für Konter bereit oder drängt er selbst aufs Tor? Zuletzt lag er meist richtig.

Obwohl es trotzdem nicht für Siege reicht, lässt er sich den Glauben nicht rauben und verweist auf die 32 Punkte, die Union geholt hätte, wenn nur eine Hälfte gespielt worden wäre. Damit liegt Freiburg auf Platz eins. „Es bedeutet etwas“, sagt Kreilach. Er meint das positiv. Doch bedeutet es vor allem, dass 15 Zähler in Hälfte zwei verloren gingen, auch da von der Auswechselbank wenig Impulse kamen. Bis zur Winterpause wünscht er sich nur eins: Punkte. „Damit wir mit freiem Kopf nach Hause fahren können“, sagt er. Zu Weihnachten möchte er in Kroatien ein bisschen ausruhen.