blz_logo12,9
UnionBerlin

50. Geburtstag des 1. FC Union Berlin: "Ich gehe nicht zum Fußball, ich gehe zu Union"

Eisern Union wird 50 Jahre alt.

Eisern Union wird 50 Jahre alt.

Foto:

Imago

An ihr erstes Mal im Stadion An der Alten Försterei kann sie sich nicht erinnern. Ob es Sommer war oder Winter und wie der Gegner hieß? „Ich weiß nur noch, dass es irgendwann im Jahr 2003 war, als mich Freunde mitgenommen haben und ich die Atmosphäre toll fand“, sagt Stefanie Fiebrig. Diese geschlossene Wand aus Köpfen, Schultern und rot-weißen Fahnen, diese Stimmung wie auf einem Rockkonzert, bei dem alle textsicher mitsingen, das hat sie beeindruckt. Dass auf einer Tribüne dann auch noch überlebensgroße Porträtfotos standen, auf denen Fans des 1. FC Union abgebildet waren, nahm sie zusätzlich für den Ort ein. „Kunst in einem Fußballstadion hatte ich nicht vermutet, das gefiel mir sehr.“

Stefanie Fiebrig stammt aus einem kleinen Ort in Märkisch-Oderland und lebt mit ihrer Familie in Pankow. Sie ist 40 Jahre alt, Juristin und Fotografin, sie ist Buchautorin und schreibt für Zeitschriften. Seit 13 Jahren ist sie Fan des 1. FC Union Berlin. Jenes Fußballvereins, der vor fünfzig Jahren, am 20. Januar 1966, in Ost-Berlin gegründet wurde. Als ziviles Gegenstück zum BFC Dynamo und zum FC Vorwärts, bei denen das Ministerium für Staatssicherheit und die Nationalen Volksarmee das Sagen hatten. Schon damals waren die „Eisernen“, wie die Union-Fans genannt werden, etwas Besonderes. Legendär ihre kalkulierte Provokation, wenn sie bei Freistößen lautstark skandierten: „Die Mauer muss weg!“

Aber weder diese Geschichten waren zunächst der Grund, warum Stefanie Fiebrig bald regelmäßig nach Köpenick fuhr, noch der Fußball. Sie begann im Stadion zu fotografieren. Sie wollte wissen, was das für Menschen sind, die dort hingingen. „Ich habe mit dem Rücken zum Spielfeld gestanden und in den Gesichtern der Fans das Geschehen auf dem Rasen abgelesen.“ Anfangs sah sie vor allem in enttäuschte Gesichter. Denn in jener Saison stieg die Mannschaft des 1. FC Union ab. Wieder mal. Man kann sagen, dass Stefanie Fiebrig zu ihrem Verein fand, als es ihm ziemlich schlecht ging. Sportlich und finanziell.

Podcast in der Küche

Das ist alles lange her. Inzwischen ist der Klub finanziell stabil und fest in der Zweiten Bundesliga verankert. Wobei: Man kann ja nie wissen, sagen sie in Köpenick. Unioner rechnen immer mit dem Schlimmsten, für sie sind ungefährdete Siege etwas Fremdes. Doch auch wenn die Mannschaft einen grottenschlechten Tag erwischt, eine Regel gilt für den Anhang auf den Rängen: Niemand pfeift das Team aus, und keiner verlässt das Stadion vor Spielende. Das wird neuen Besuchern, die kommen, weil sie die Atmosphäre mögen, schnell beigebracht. Meckern ist erlaubt – aber Meckern ist ja Diskutieren nach vorn.

Stefanie Fiebrig ist längst zur Fußballexpertin geworden. Im Podcast „Textilvergehen“, den sie 2006 initiierte, diskutiert sie nach jedem Spiel mit Freunden in ihrer Pankower Küche. Über das Spiel, über die Strategie, über die Leistungen der Spieler, aber auch über Themen wie Stadionsicherheit oder Fankultur. „Textilvergehen“, benannt nach einem Foul, bei dem ein Spieler am Trikot des Gegners reißt, bringt es auf inzwischen 245 Folgen.

Für die Anhänger von Union, sagt Stefanie Fiebrig, ist der Verein mehr als Fußball. Er ist Heimat. Sie hat ein Buch verfasst über diese Beziehung zum Klub. In dem Band mit dem Titel „Bring mich zum Rasen“ erzählt sie Geschichten vom Spielfeldrand über Leute, für die der 1. FC Union ein Teil ihres Lebens geworden ist. Wie eng die Verbundenheit ist, merkt man auch am „eisernen“ Liedgut im Stadion. Es gibt inzwischen mehrere Heimatlieder über Köpenick, bei denen auch jene mitsingen, die dort gar nicht wohnen.

Diese Identifikation mit dem Verein hat viel damit zu tun, dass die Fans ihr Stadion selbst gebaut haben. Als die Alte Försterei vor zwölf Jahren so marode war, dass der DFB die Spielerlaubnis verweigerte, schlug der damalige Berliner Sportsenator dem Klub einen Umzug in den sanierten Jahnsportpark nach Prenzlauer Berg vor. „Die Politik hat nicht begriffen, dass das Stadion dort sein muss, wo die Wurzeln des Vereins sind“, sagt Stefanie Fiebrig. Köpenick und Union, das gehöre nun mal zusammen. Wie sehr, könne man alle vierzehn Tage im Kiez auf den Straßen beobachten, „wenn bei Heimspielen Tausende Verrückte durchziehen und der Verkehr zusammenbricht“.

Stadionbau in Eigenregie

Nach zähen Verhandlungen mit der Politik erhielt der Verein einen Erbbaupachtvertrag für das Traditionsstadion. 2008 war Baubeginn. Gut 2 000 Union-Fans arbeiteten ein Jahr lang unentgeltlich, auch Stefanie Fiebrig packte mit an. Die Fans rissen die schiefen Tribünen ab. Sie betonierten die neuen Stufen. Sie strichen Wellenbrecher und Geländer. Sie mauerten Wände für Kassenhäuschen und verlegten Leitungen. Stefanie Fiebrig gehörte zu jenen, die Geländer abschliffen. Und sie schob Nachtwache im Stadion. Für Stunden schlief sie in jenem kleinen Häuschen mit der alten Anzeigetafel, auf der trotz elektronischer Alternative immer noch die Spielstände auf großen Schildern angezeigt werden.

Die Bauaktion der Fans, bei der der Verein zwei Millionen Euro an Umbaukosten sparte, sei das Beste gewesen, was der Verein je gemacht habe, sagt Stefanie Fiebrig. Aus der Not heraus, weil kein öffentliches Geld zur Verfügung stand, sei so eine Verbundenheit entstanden, die mit einer gigantischen PR-Aktion nicht zu erreichen gewesen wäre. Vereinspräsident Dirk Zingler, ein Baustoffunternehmer, erzählt, dass andere Klubchefs bei ihm anfragten, wie er das mit dem Stadionbau hingekriegt habe. Seine Antwort: So etwas geht nur, wenn die Vereinsführung aus der Szene kommt und weiß, was den Fans wichtig ist. Er sagt das nicht ohne Grund. Zingler ist selbst Fan, stand vor seiner Wahl 2004 mit in der Kurve.

Auch der Tribünenbau wurde mit der Hilfe der Fans finanziert. Vereinsmitglieder konnten eigens aufgelegte Stadion-Aktien kaufen. Jede kostete 500 Euro, mehr als zehn durfte keiner haben. 2,7 Millionen Euro kamen zusammen. „Auf diese Weise wird unsere Mitbestimmung zementiert, denn 44 Prozent des Stadions gehören durch die Aktien uns Fans“, sagt Stefanie Fiebrig, die zwei dieser rot-weißen Dokumente besitzt.

Rock auf dem Rasen

Das neue Stadion, das 2013 mit der neuen Haupttribüne im geklinkerten Stil der Industriearchitektur aus Oberschöneweide komplettiert wurde, ist ein Traum jedes Fußballromantikers. Keine Multifunktionsarena wie in München oder auf Schalke; es überwiegen Stehplätze. „Emotionen kann man nur im Stehen ausleben“, sagt Stefanie Fiebrig. Und noch etwas ist anders als in anderen Stadien: Es gibt keine aufdringliche Werbung. Kein Investor präsentiert die Eckbälle; in den Halbzeitpausen wird nicht auf Torwände geschossen. Dafür erschallt ohrenbetäubende Rockmusik.

Doch der Spagat zwischen Fußballnostalgie und Kommerz wird auch in Köpenick immer schwieriger. Dass mit den Erlösen aus 17 Heimspielen pro Saison die Millionenkredite des Stadionbaus nicht abzuzahlen sind, leuchtet selbst Fußballpuristen ein. Deshalb finden mittlerweile auch Konzerte und andere Events im Stadion statt. „Von irgendwoher muss das Geld ja kommen, auch weil sich die Stehplatztickets, die 15 Euro kosten, jeder leisten soll“, sagt Stefanie Fiebrig.

Eine derartige Aktion brachte Union Sympathie und Kritik zugleich ein. 2014, aus Anlass der Fußball-WM in Brasilien, wurden Hunderte von Sofas auf den Rasen im Stadion gestellt. Das Stadion, von den Fans Wohnzimmer genannt, verwandelte sich so ins „WM-Wohnzimmer“. Was in Dubai und Japan als charmante Art von Public-Viewing gelobt wurde, kam bei Teilen der eigenen Fans nicht so gut an. Sie kritisierten, der Klub lasse sich mit dem ungeliebten Weltverband Fifa ein.

Unioner zu sein, bedeute für jeden etwas anderes, sagt Stefanie Fiebrig. Der Begriff Wohnzimmer versinnbildlicht das besonders schön. Denn hier im Stadion, sagt sie, treffe sich gewissermaßen die Familie. Das jährliche Drachenbootrennen in Grünau, bei dem Hunderte durchs Wasser toben, gehört zum Vereinsleben bei Union. Ebenso die Fußball-Liga der Fanklubs mit Punktspielen und Tabelle; die Unterstützung für die Alte Försterei 2 in Südafrika, wo ein ausgewanderter Unioner für die Kinder seines Dorfes ein Stadion baut. Oder das Weihnachtssingen, dessen Teilnehmerzahl zuletzt bei 28500 lag und das Nachahmer in anderen Städten fand. „Man kann bei uns aber auch einfach nur Fußball gucken, Bier trinken und die Steaks und Fischbrötchen im Stadion genießen“, sagt Stefanie Fiebrig. Für sie selbst gilt, was etliche Fans über sich sagen: „Ich gehe nicht zum Fußball, ich gehe zu Union.“