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50-jähriges Jubiläum: Union Berlin, das ist mehr als Tradition und Werte

„Wir müssen zulassen, dass Menschen uns mögen, die nicht in Köpenick leben“: Union-Präsident Dirk Zingler glaubt, dass es für den Verein aus Ost-Berlin keine Grenzen gibt.

„Wir müssen zulassen, dass Menschen uns mögen, die nicht in Köpenick leben“: Union-Präsident Dirk Zingler glaubt, dass es für den Verein aus Ost-Berlin keine Grenzen gibt.

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Der Ball im Video fliegt durch Berlin. Durch ganz Berlin wohlgemerkt, nicht nur durch den Ostteil, wo der 1. FC Union vor 50 Jahren gegründet wurde. Zum Jubiläum hat der Sänger und Gitarrist Erik Lautenschläger dem Verein ein weiteres Lied geschenkt, und dazu wird auf der festlichen Mitgliederversammlung im Velodrom der passende Film mit dem stadtübergreifenden Flugball präsentiert. Eindrücklicher kann den mehr als 5000 Gästen nicht vor Augen geführt werden, was auf den Klub zukommt: Union soll sich aus der Nische heraustrauen. „Wir müssen uns als Verein öffnen und viel sichtbarer sein“, sagt Dirk Zingler.

Nach elfeinhalb Jahren an der Klubspitze hat sich der Präsident vorgenommen, den besonderen Anlass zu nutzen, um über das Wesen des Vereins aufzuklären. Die Kernaussage, die er in einer Presserunde vorab mitteilte, lautet: „Wir haben keine Grenzen.“

Mutig bleiben

Zum letzten runden Jubiläum vor zehn Jahren gab es ein Kaffeekränzchen auf dem Parkplatz und der Klubboss sprach unter einem klapprigen Pavillon. „Die kostenneutrale Outdoor-Veranstaltung unter Unionern passt zum Verein, der nun alles andere als nobel und dekadent ist“, hatte er vorher gesagt. 4784 Mitglieder zählte der Klub damals, heute sind es 12.524, die Mitarbeiterzahl hat sich auf 246 verdoppelt und ins Stadion kommen statt durchschnittlich 5903 Zuschauer inzwischen 20.018.#infobox

Offenheit und Wachstum gehen einher mit Angst vor Veränderung. Wer schon immer dabei war –wann dieses „immer“ beginnt, ist individuelle Definitionssache – wird von der Sorge geplagt, den Status als wahrer Unioner mit Neuankömmlingen teilen zu müssen oder ihn gar zu verlieren. Grenzen geben Sicherheit, weil sie ungebetene Gäste abhalten und helfen, sich eine eigene Welt zu schaffen und die Realität vor den Toren zu verdrängen. „Es gibt Menschen, die uns sektenartige Züge vorwerfen“, sagt Zingler, und ja: „Wir schützen uns gegenseitig.“ Das ist Teil dessen, wofür er Union liebt, er ist aber auch Unternehmer.„Wir haben im Profifußball nur eine Chance, wenn wir mutig bleiben“, sagt er.

So eine große Bühne wie im Velodrom hatte sein Verein noch nie. Klar, es gibt das Stadion an der Alten Försterei, aber dort kann der Verein den Zuschauern nur elf bis 14 Spieler präsentieren – und die machen nicht immer Werbung. Auf der Mitgliederversammlung hat der Klub daher aufgestockt. Auf der Bühne sitzen 300 Mitglieder und Fußballer. Jeder soll sehen, wer Union täglich mit Leben füllt. Für die Mitglieder und Ehrengäste sind 2000 Stühle im Innenraum verteilt, drumherum auf der Rennradbahn liegen die Fahnen der Fanclubs. Sogar die Ultras haben ihre heiligen Stoffbanner ausgehändigt. Auf dem Oberrang finden weitere 3000 Unioner Platz. „Die Menschen wollen genau das: zusammenkommen und sich feiern“, sagt Zingler. Und: „Uns selbst feiern können wir sehr gut.“ Die Selbstironie, auch sie gehört dazu. Es werden „alle Pokale“ präsentiert, die je gewonnen wurden: ein einziger aus dem Jahr 1968. Die alten Recken tragen die 30-Kilogramm-Trophäe auf die Empore.

Mitgliederversammlung im Velodrom und Jubiläumsfeier am Freitag in der Volksbühne – das mag alteingesessenen Fans missfallen, aber es ist Teil der Strategie: kurze Wege für die, die sich sonst stundenlang in S-Bahnen und Trams setzen, um an der Alten Försterei den Geist von Union zu spüren. „Wir müssen zulassen, dass Menschen uns mögen, die nicht in Köpenick leben“, sagt Zingler. Er will Menschen gewinnen, die das gut finden, für was Union steht. Mitbestimmung, Tradition und Werte nehmen einen großen Raum ein.

Stadionerweiterung als Konsequenz

Dennoch seien Tradition und Werte nur ein Teil des Fußballs, schränkt Zingler ein. „Am Ende geht es auch um Erfolg und sportliche Attraktivität“, sagt er. Als Beleg dient ihm die Querele anlässlich des Gastspiels von Borussia Dortmund am Sonntag. Vereinsmitglieder beschwerten sich, dass sie keine Karten ergattern konnten. Das Spiel war sofort ausverkauft, wohingegen es für die Solidaritätspartie gegen Austria Salzburg eine Woche später noch Karten gibt.

„Nur durch sportlichen Erfolg können wir in Zukunft als Profiverein eine Rolle spielen“, sagt Zingler. Und: „In Zukunft sind auch mal Leute, die dem Verein ganz nahe stehen, nicht dabei.“ Eine Minderheit werde unzufrieden sein, weil sie nicht reinkomme. Die Mehrheit aber soll guten Fußball geboten bekommen. Das ist sein Antrieb, die nächste Stadionerweiterung die Konsequenz. Selbst Sponsoren, die sich nicht an die Bestellfristen halten, müssen draußenbleiben.

26,3 Millionen Euro hat Union in der Saison 2014/2015 eingenommen, der angestrebte ausgeglichene Haushalt wurde zum siebten Mal hintereinander erreicht. „Wir können in der Zweiten Liga keine Gewinne erwirtschaften“, sagt Zingler. „Wir brauchen alles Geld, um einen wettbewerbsfähigen Kader zu finanzieren.“ Das Ziel ist klar: die Bundesliga. Die Union-Party soll größer werden und auf dem Rasen steigen – nicht im Innern einer Radrennbahn.


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