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Berliner Zeitung | Vor dem Spiel bei Fortuna Düsseldorf: Union Berlin ist viel zu nett zu seinen Gegnern
11. December 2015
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Vor dem Spiel bei Fortuna Düsseldorf: Union Berlin ist viel zu nett zu seinen Gegnern

Union-Trainer Sascha Lewandowski.

Union-Trainer Sascha Lewandowski.

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Freundschaft ist eine Tugend. Nur im Abstiegskampf kann Sascha Lewandowski sie überhaupt nicht gebrauchen. „Wir sind die netteste Mannschaft der Liga“, schimpfte er im Dienstagstraining. Die Spieler des 1. FC Union standen mit gesenkten Köpfen um ihn herum. Was war geschehen? Der eine defensive Mittelfeldspieler hatte den anderen umgegrätscht, der jüngere den älteren. Und Eroll Zejnullahu hatte sich umgehend bei Stephan Fürstner entschuldigt.

So hat sich der Trainer die Simulationsübung für das anstehende Spiel in Düsseldorf am Sonnabend (13 Uhr) nicht vorgestellt, er erwartet eine „intensive Atmosphäre“. „Wenn du dich nur auffressen lässt, hast du ein Problem“, erklärt Lewandowski seine Trainingsansage zwei Tage später im Pressegespräch. Sind die individuellen Fehler, die den späten Gegentoren und den daraus resultierenden Punktverlusten meist vorausgingen, ein Akt der Höflichkeit? Wohl nicht. Was ist also dran am Vorwurf des Trainers, der sagt, dass seine Spieler zuletzt zu passiv und zurückhaltend gewesen seien?

Viele Fouls und wenige gute Zweikämpfe

An der Foulstatistik lässt sich die überzogene Nettigkeit nicht festmachen, da liegt Union im Durchschnitt. Mehr Gelbe Karten errüpelte sich sogar nur ein Team. Die Zweikampfquote ist die viertbeste der Liga, nimmt man die Gesamtzahl der gewonnenen Duelle um den Ball als Maßstab, ist gar nur Leipzig besser. Auffällig ist nur, dass die Sachsen viel häufiger um den Ball kämpfen, weshalb ihre Erfolgsquote (48,4 Prozent) trotz Überlegenheit in absoluten Zahlen deutlich schlechter ist als die von Union (51,3 Prozent).

Liegt das Problem also darin, dass die Berliner den entscheidenden Zweikämpfen ausweichen? Lewandowski machte seinen Spielern in dieser Woche jedenfalls klar: Gegner ist Gegner, im Training wie im Spiel. In kleinen, hektischen Trainingsformen ließ er üben, wie man die vorgegebene Linie unter Stress durchhält. Gleichzeitig mahnte er, nicht alles zu erzwingen und Lösungen zu erkennen, bevor der Ball am Fuß klebt. Lockerheit und pausenlose Aufmerksamkeit zu vereinen, ist die hohe Kunst. Genau das bekommen die Unioner schon seit dem erstmaligen Anklopfen an den Aufstiegsrängen im Herbst 2013 (unter Uwe Neuhaus) nicht mehr hin. Sie sind überfordert.

Letzte Woche hatte Lewandowski mehr Standards trainieren lassen – mit der Folge, dass Freiburg drei Tore nach Standards erzielte. Das war schon unter seinem Vorgänger Norbert Düwel so: Was geübt wird, geht prompt schief. Werden die Berliner es in Düsseldorf mit der geforderten Härte übertreiben?

Hoffen auf die nächsten beiden Partien

Im Training wirkte die Ansage: Nach der Freundlichkeits-Kritik fällte Sören Brandy brachial Zejnullahu. „Hey!“, brachte der noch raus, als er waagerecht in der Luft lag. Der Zusatz „Alter“ blieb vor Schreck über den harten Aufprall unausgesprochen. „Sören würde eigentlich genau auf die Situation in Düsseldorf passen“, sagt Lewandowski. Brandy sei einer, der in schwierigen Momenten dagegen halte. Doch derzeit bringt der Angreifer das nicht auf den Platz. „Ich hatte nach den letzten Einwechslungen nicht das Gefühl, dass er dem Team weiterhilft“, sagt der Trainer.

Weder war unter Düwel alles schlecht, noch ist unter Lewandowski alles gut. Unglücklicherweise schafft es das Team nicht, das Positive der beiden Coaches zu vereinen. Ob die Grenze dessen erreicht sei, was der Kader lernen und umsetzen könne, wird Lewandowski gefragt. „Das werden die nächsten beiden Spiele zeigen“, antwortet er.

Trainer sollen ja immer Gründe nennen, deshalb wiederholen sich die Erklärungen. Auch vergangene Saison hieß es, dass die Elf zu freundlich spiele. „Ich glaube nicht, dass wir deshalb die Punkte liegen gelassen haben“, sagte Stephan Fürstner nach der Dienstagseinheit. Sein Kapitän Benjamin Kessel forderte dennoch: „Wir müssen ekliger spielen!“ Er appellierte auch an den Gemeinschaftssinn. Was man sich zusammen eingebrockt habe, müsse zusammen ausgelöffelt werden. Fressen und gefressen werden − Freundschaft ist in so einer Situation nicht ganz unwesentlich.