E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Weltcup der Skispringer in Klingenthal: Künstliche Natur

Der Kunstschnee in Klingenthal soll nicht nikotingelb sein wie im Vorjahr, sondern kokosnussweiß.

Der Kunstschnee in Klingenthal soll nicht nikotingelb sein wie im Vorjahr, sondern kokosnussweiß.

Foto:

propicture/Ralph Koehler

Klingenthal -

Der Büromitarbeiter sagt in schönstem Sächsisch: „Der Herr Ziron ist an der Schanze. Weil die heut’ den Schnee breitmachen. Es werden ’ne Menge Kamerateams und Fotografen dort sein.“ Alexander Ziron hat demnach wenig Zeit. Erstens, weil jetzt in Klingenthal alles glatt laufen muss. Und zweitens, weil alle wissen wollen, wie das funktioniert: Schnee im November, bei Plustemperaturen um die sieben Grad Celsius. „Die Pistenraupen drücken den Schnee gerade in Richtung Berg“, ruft der Geschäftsführer der Vogtland Arena Vermarktungsgesellschaft in sein Handy.

Am Mittwoch war der Auslauf im Grundlayout fertig. „Dann kommen ein paar bunte Striche drauf“, erläutert Ziron, „und es kann losgehen“ – mit dem Weltcupauftakt der Skispringer in Klingenthal. Mit der Qualifikation am Freitag, dem Teamspringen am Sonnabend, dem Einzelwettbewerb am Sonntag. 70 Springer aus 15 Ländern werden dabei sein: Olympiasieger Kamil Stoch, der Österreicher Gregor Schlierenzauer, die Deutschen Severin Freund, Andreas Wellinger oder Richard Freitag.

Der Schnee, den zwei Pistenbullys auf die Schanze am Schwarzberg planieren, ist künstlich produziert. Die finnische Firma Snowtek hat ihre Schneemaschinen nach Sachsen gekarrt, nachdem sie bereits die Winterspiele im subtropischen Sotschi mit weißen Hängen und Pisten ausgestattet hat. In die Vogtland Arena liefert sie nun 3 000 Kubikmeter Schnee. Dafür müssen 1,6 Millionen Liter Wasser her, „alles kostenlos aus dem öffentlichen Fließgewässer“, sagt Ziron. Es handle sich um einen Brauchwasserteich unweit der Arena.

Der Wettbewerbsdruck wird immer größer

„Das System funktioniert wie ein riesiger Kühlschrank“, erläutert Manfred Deckert. Das Wasser wird mit Salz angereichert, gekühlt und mit Druck in ein Silo gepresst. Die Konsistenz gleicht einem kokosnussweißen, sommerlichen Slush-Getränk. „Der Eisblock wird hochgepresst und oben abgeschabt.“ Beim Naturschutzbund Sachsen hält man das Ganze „klimapolitisch für ein falsches Signal“.

Deckert war früher Skispringer. 1980 gewann er in Lake Placid die olympische Silbermedaille von der Normalschanze für die DDR, 1983 die Vierschanzentournee. Heute ist er Oberbürgermeister der Vogtland-Gemeinde Auerbach und Präsident des Ausrichtervereins VSC Klingenthal. Er findet, dass man sich eben „was einfallen lassen muss im Zuge des Klimaveränderung“. Denn schließlich sei die Region glücklich, zum zweiten Mal den Weltcupauftakt auszurichten, „weil es eines der größten Highlights ist und wir froh sind, in dieser Liga spielen zu können“. Nur müssen die Kosten von etwa 110.000 Euro erst mal aufgebracht werden.

Der Wettbewerb ist nicht nur beim Springen groß, sondern auch zwischen den Veranstaltern. Zwar hat ein Erdrutsch kürzlich die türkische Schanze in Erzurum zerstört. Aber dafür trumpft Almaty in Kasachstan, das um die WM 2019 und Olympia 2022 buhlt, mit einem direkten U-Bahn-Anschluss auf. Im Dezember findet erstmals auf der 400-Millionen-Euro-Schanze in Nischni Tagil, Russland, ein Weltcup statt. In Südkorea stehen neue Olympiaschanzen bereit, auch die Chinesen möchten investieren. Außerdem will der Schweizer Kurort St. Moritz seine Olympiaschanzen für 11,5 Millionen Franken (9,2 Millionen Euro) aufmöbeln und sich bald den prestigeträchtigen Weltcupauftakt sichern.

„Natürlich ist das alles ein enormer Aufwand“, sagt Deckert, „aber wer den nicht betreibt, braucht sich nicht zu bewerben. Wer einmal raus ist aus dem Weltcup, kommt nicht mehr rein.“ Schließlich sei die Veranstaltung ein Wirtschaftsfaktor. „Gerade im November, in der Saure-Gurken-Zeit, ist mit dem Tourismus nichts los.“ Voriges Jahr habe es laut Deckert in Fernsehen, Radio und Printmedien 60 Millionen Zugriffe auf das Thema Skispringen im Vogtland gegeben. Die Hotels in der Region waren ausgebucht. Eine effektivere Werbung gebe es kaum.

Emotion und Atmosphäre

Für die Weltcupauftaktpremiere hatten sie damals ein Schneedepot angelegt, es mit Sägespänen bedeckt und den gelblichen Schnee auf Lastwagen an den Berg transportiert. Dann verblies starker Wind das Einzelspringen. Schlierenzauer und Anders Bardal verweigerten den Start. Was vom Weltcup blieb, waren Überschriften wie: „Skandal-Weltcup“, „Chaosspringen“ und ein finanzielles Defizit. Wie hoch es war? Ziron schweigt ins Handy. Er will keine Zahlen nennen. Aber er sagt, der Grund seien „fehlende Eintrittseinnahmen“ gewesen.

Der Ski-Weltverband (Fis) hat den Saisonauftakt nach Klingenthal vergeben, weil wir „einen traditionellen Ort in Mitteleuropa“ wollten, sagt Fis-Renndirektor Walter Hofer, „einen, wo Skispringen wirklich herkommt. Es ist wichtig, dass Skispringen mit Emotion und Atmosphäre verbunden wird.“ Deckert aber fehlt die regionale Identifikation, vor allem bei der Wirtschaft. Der Auerbacher Bürgermeister wünscht sich mehr Sponsorenengagement aus der sächsischen Region, sonst müsse man die Frage stellen, ob sich defizitäre Veranstaltungen sich auf Dauer lohnen.

Um wieder ein Schneedepot anzulegen, war der vorige Winter zu warm. Ziron sagt, die Schneeproduktion in diesem Jahr sei zudem geringfügig günstiger, „weil wir nur das produzieren, was wir brauchen“. Um die Sicherheit der Springer und auch die des TV-Programms zu garantieren, haben die Klingenthaler Windnetze gemietet. Ein finanzielles Risiko sieht Ziron in diesem Jahr auf den Veranstalter zukommen, wenn pro Wettkampftag weniger als 10.000 Zuschauer kommen. Wobei Klingenthal die Fans mit einem limitierten Souvenir lockt: Nach der Siegerehrung wird finnischer Kunstschnee in sächsischen Kaffeepappbechern verkauft.