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WM 2014: Marc Wilmots: „Ich hoffe, es wird ein schöner Sommer“

Marc Wilmots
Marc Wilmots
Foto: dpa

Nationaltrainer Marc Wilmots über die neu entfachte Liebe der Belgier zu seinem Team, die bei der WM 2014 in Brasilien als Geheimfavorit gilt.

Belgien nimmt erstmals seit 2002 wieder an einer WM teil. Damals hieß der Kapitän Marc Wilmots. Der ist mittlerweile 44 und seit 2012 Nationaltrainer Belgiens. Überraschend deutlich führte er sein Team gegen Kroatien und Serbien durch die Qualifikation für die Endrunde in Brasilien und auf Platz fünf der Fifa-Rangliste. Erstmals liegt das Land damit vor den Niederlanden. Ein Prestigeerfolg. Zum Interview bittet Wilmots in die Zentrale des belgischen Fußballverbands am König Baudouin-Stadion. Wilmots spricht Deutsch, nur einmal wechselt er ins Französische, wenn es um die Liebe zu seiner Heimat Belgien geht.

Herr Wilmots, im Stadion singen die Fans bei Länderspielen neuerdings in Vorfreude auf die WM „Brazil“, und alle Welt redet vom Aufschwung des belgischen Fußballs, erinnern Sie sich noch an den Tiefpunkt?

Puh. Das ist schwierig. Es gab so viele schwache Spiele. Aber eines der schwächeren war sicher 2006 das 0:0 daheim gegen Kasachstan in der EM-Qualifikation. Ohne eine einzige Chance. Da war kein Leben, da war nix mehr. Das war bitter.

Erfreulicher war die Qualifikation für die WM 2014. Was war sportlich der schönste Moment in diesem Jahr, die endgültige Qualifikation in Kroatien im Oktober?

Nein, das war das Spiel gegen Serbien im Juli. Wir hatten drei Wochen Vorbereitung, nach einer langen Saison. Das ist verdammt schwierig, da mental auf der Höhe zu bleiben. Die Spieler sind müde, und daheim warten die Frauen, mit der Hand an der Reisetasche und wollen in den Urlaub. Wir haben 2:1 gewonnen. Und Kroatien hat zeitgleich verloren. Das war ein großer Schritt auf dem Weg nach Brasilien.

Das ganze Land hat damals gefeiert. In Brüssel wurde die Partie auf dem Großen Markt übertragen. Es war, als hätte sich ein neues Band zwischen Team und Land gebildet?

Das war schon früher. Beim Sieg über die Niederlande 2012.

Zur Person

Triumphator: Als Fußballprofi gewann Marc Wilmots, Kosename „Willy, das Kampfschwein“, 1997 mit Schalke 04 den Uefa-Cup und nach seiner Rückkehr aus Bordeaux 2002 noch mal den DFB-Pokal.

Senator: Wilmots, geboren am 22. Februar in Dongelberg, ist auch als Politiker aktiv. Er ist Mitglied der liberalen Partei Mouvement Réformateur und war von 2003 bis 2005 Mitglied im belgischen Senat.

Ihrem Einstand als Nationaltrainer über den alten Erzrivalen …

… das war ein ungemein wichtiger Erfolg. Seither sind alle Länderspiele zu Hause ausverkauft. Und zwar binnen Minuten. Auch deshalb war es gut, das Spiel gegen Serbien auf einer Großleinwand im Zentrum von Brüssel zu zeigen.

Wann haben Sie eigentlich befunden, Sie könnten dem belgischen Fußball helfen?

Das habe nicht ich entschieden, sondern Dick Advocaat. Als er 2009 als Nationaltrainer hier anfing, hat er mich gefragt: „Du kennst das Land, du kennst das Team, du warst Kapitän. Willst du einsteigen?“ Wir haben eine Stunde geredet, dann war die Sache klar.

Sie haben nach Advocaats Abschied vor zwei Jahren dann die Leitung übernommen. War der Sprung in die erste Reihe groß?

Es ist mehr Verantwortung. Aber ich habe davor wahnsinnig viele Partien gesehen, Systeme studiert, Gegner beobachtet und Spieler gescoutet. Auch in den belgischen Jugendmannschaften. Ich wusste, was da nachkommt.

Die Fußballwelt war eher überrascht, was da alles nachkommt aus Belgien. Mit Folgen. Im Sommer sind viele Spieler zu großen Klubs gewechselt SSC Neapel, Manchester United, Chelsea FC. Aber nicht alle sind glücklich. Kevin De Bruyne etwa kommt in Chelsea kaum zum Einsatz. Haben Sie mit Coach José Mourinho darüber gesprochen, als er zuletzt zu Gast war beim Länderspiel?

Ich habe nicht mit ihm geredet, ich habe nur dafür gesorgt, dass er einen guten Platz kriegt.

Chelsea hat vier belgische Spieler unter Vertrag. Profitiert Mourinho von Ihrer Arbeit?

Mourinho profitiert von gar nichts. Er hat vier belgische Spieler, aber nur Eden Hazard spielt. De Bruyne sitzt auf der Tribüne und zwei sind ausgeliehen. Mourinho braucht den Erfolg. Wie jeder Coach. Auch ich. Wir sind beide Trainer und haben viel Respekt voreinander.

Aber wird die fehlende Spielpraxis von vielen Ihrer Spieler wie Tom Vermaelen, Nacer Chadli oder De Bruyne nicht zum Problem?

Die Spieler sind auch groß geworden durch die Nationalelf. Die Erfolge haben das Interesse geweckt von großen Klubs, darüber wollen wir jetzt nicht jammern. Wir haben jetzt Dezember. Es gibt noch den Januar und eine Transferperiode. Dann kommt der März und der April. Die Spieler wissen, um was es geht. Es geht ja nicht um die Qualität, sondern um Spielpraxis und den nötigen Rhythmus. Du hast in der Nationalelf nämlich wenig Zeit, deshalb müssen die Automatismen stimmen. Aber ich frage: Gibt es ein Problem? Bis jetzt nicht. Wir haben eine perfekte Qualifikation gespielt.

Belgiens Goldene Generation: Eden Hazard (oben) und Romelu Lukaku.
Belgiens Goldene Generation: Eden Hazard (oben) und Romelu Lukaku.
Foto: imago

Die letzten beiden Testspiele gegen Kolumbien und Japan daheim gingen verloren ...

.. also, ich bin nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Mit dem, was ich auf dem Platz von meiner Elf gesehen habe, kann ich aber leben. Doch wir verlieren nicht gerne. Das ist doch klar. Aber es ist November. Da ist das alles noch kein Problem. Wenn wir da sein müssen, sind wir da.

Die Niederlagen kommen Ihnen vielleicht gar nicht so ungelegen. Belgien wurde als Geheimfavorit gehandelt. Die heimische Presse hat selbst nach der Niederlage gegen Kolumbien einfach kurzerhand geschrieben, Kolumbien sei eben „das Belgien Lateinamerikas“. Sind Sie diese geheime Last des Favoriten erst einmal los?

Also Favoriten sind Brasilien und Argentinien. Auch Chile und Kolumbien schätze ich hoch ein. Und aus Europa Spanien und Deutschland.

Und Belgien?

Wir haben eine gute Generation, aber sind noch nicht so weit. Wir wollen guten Fußball zeigen.

Und wie sieht Ihre Idee von gutem Fußball aus?

Die ist sehr einfach, aber sehr radikal. Meine Idee ist, dominant zu spielen. Und du darfst auf dem Platz keine Angst haben.

Das klingt ein wenig nach Trainer Huub Stevens, mit dem Sie auf Schalke gearbeitet haben. Gibt es ein Vorbild als Coach.

Ich habe in meiner Profi-Karriere viel erlebt. Aber ich bin nicht der Typ, der Dinge abkupfert. Du musst immer deine eigene Idee verfolgen. Ich mache das so, wie ich will. Und dabei folge ich meinem Bauchgefühl.

Ihr Bauchgefühl hat Sie weit gebracht. Le Soir hat zum Thronwechsel im Sommer eine Liste der 100 wichtigsten Belgier veröffentlicht, die der neue König treffen sollte. Auf eins Platz standen Sie?

Das interessiert mich, ehrlich gesagt, sehr wenig. Ich mache meine Arbeit mit sehr viel Emotion und Leidenschaft. Ich lebe dafür. Und dass die Menschen glücklich sind mit ihrem Nationalteam, macht mich natürlich stolz.

„Die vorgestellte Gemeinschaft von Millionen gewinnt mehr Anschaulichkeit in der Gestalt von elf Stars“, hat der Historiker Eric Hobsbawm über die integrierende Kraft des Sports gesagt. Wie wichtig ist die Nationalelf für Belgien?

(Wilmots wechselt ins Französische): Der Erfolg bringt Vertrauen. Ich liebe mein Land. Ich bin ein Patriot. Ich liebe meine Farben. Und ich glaube, dass die Menschen das spüren. Wir haben das Maximum gegeben. Wir sind nach zwölf Jahren wieder zurück. Und ich hoffe, es wird ein schöner Sommer. Die Menschen werden glücklich zusammenkommen und zusammen feiern. Das ist Identifikation. Mit dem Fußball. Mit der Tradition. Und mit dem Land.

Das Interview führte Peter Riesbeck.

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