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Berliner Zeitung | Sprache: Die ungeliebte Rechtschreibreform
11. August 2015
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Sprache: Die ungeliebte Rechtschreibreform

„Fatatak“ statt „Vatertag“ – in einigen Schulen werden Fehler nicht korrigiert.

„Fatatak“ statt „Vatertag“ – in einigen Schulen werden Fehler nicht korrigiert.

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dpa

Zugegeben, es hätte noch schlimmer kommen können. Denn im ersten Entwurf für eine Rechtschreibreform blieb kaum ein Stein auf dem anderen: Der „Kaiser“ wurde zum „Keiser“, der „Staat“ zum „Stat“, der „Frevel“ zum „Frefel“. Fremdwörter erschienen in Pseudo-Eindeutschung: „Hobbi“, „Träner“, „Schossee“, „Restorant“ oder „Pitza“.

Gott sei Dank wurde dieser Reformentwurf einer Professorenkommission aus den 80er-Jahren noch abgeschmettert. Doch die deutschen Kultusminister hatten es sich unbedingt in den Kopf gesetzt, die deutsche Schriftsprache zu reformieren, um sie zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Im August 2005 – genau vor zehn Jahren – wurde dann tatsächlich bundesweit eine neue Rechtschreibung für Schulen und Behörden verbindlich. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen zogen erst ein Jahr darauf nach.

Die Rechtschreibreform war falsch

Mittlerweile distanzieren sich ehemals Verantwortliche. Die Reform sei ein Fehler gewesen, sagte Bayerns Ex-Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), Chef des Rates für deutsche Rechtschreibung. Bereits 2006 hatte die heutige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zugegeben: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“ Schon die Reformfassung von 1996 stieß auf harte Kritik. In einigen Bundesländern fanden sogar Volksbegehren dagegen statt. Doch das Bundesverfassungsgericht erklärte 1998 die Einführung der Reform für rechtmäßig. Es folgten bis 2006 mehrere Nachbesserungen in besonders strittigen Feldern. Am Ende stand eine „Reform light“.

Der Duden empfiehlt die alte Schreibweise

Ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen. Längst hört man nichts mehr vom Rat für deutsche Rechtschreibung, der 2004 gegründet wurde, um die Entwicklung der Schriftsprache zu beobachten und notfalls weitere Korrekturen vorzunehmen. Die Aufregung von einst ist einem pragmatischen Herangehen gewichen. Das beginnt beim Duden, der viele der strittigen Reformvarianten einfach dadurch umgeht, dass er die alte Schreibweise empfiehlt: etwa „Portemonnaie“ statt „Portmonee“ oder „Grizzlybär“ statt „Grislibär“.

In der Praxis existieren verschiedene Rechtschreibungen nebeneinander. Wörterbuch- und Schulverlage sowie viele Medien folgen weitgehend den reformierten Regeln von 2006. Fachbücher und Romane erscheinen dagegen oft in der alten Rechtschreibung – je nach Wunsch der Autoren. Der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann (Rowohlt, 2005 ) zum Beispiel ignoriert völlig die Reform – bis hin zur Verwendung des „ß“ statt des „ss“. Und dieses Buch ist in vielen Schulen sogar Abiturstoff.

Solche Widersprüche stärken den Eindruck, dass es heute egal sei, wie man schreibt. Die Bedeutung der Rechtschreibung an den Schulen ist zurückgegangen. Diktate seien „völlig out“, sagte ein Lehrer aus Bayern. Rechtschreibfehler in Arbeiten schlügen sich kaum noch auf die Noten nieder. Eine Studie des Germanisten Uwe Grund zeigte schon 2008, dass Schüler doppelt so viele Fehler machten wie vor dem Inkrafttreten der Reform. Bei Stern TV berichtete ein Uni-Dozent sogar von haarsträubenden Fehlern in den Arbeiten von Lehrerstudenten. Viele wüssten auch am Ende des Studiums nicht, „wie Rechtschreibung funktioniert“.

Kinder schreiben weniger, dafür lebendiger

Aber hier wirken offenbar auch andere Entwicklungen. Heute wird insgesamt weniger gelesen und geschrieben. Facebook, Twitter oder WhatsApp fördern den sofortigen Austausch, bei dem es um Sprachökonomie geht, nicht um Rechtschreibung. Das hat auch überraschende Folgen. So schreiben Kinder heute weniger, aber dafür origineller und lebendiger. Das ergab eine Studie, für die Viertklässler den Inhalt eines Kurzfilms nacherzählen sollten. Wie der Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski in der Süddeutschen Zeitung sagte, seien viele auch durchaus in der Lage, von der „Chat-Sprache“ auf das „Standardregister“ umzuschalten. Schülern mit Lernproblemen falle der Wechsel schwer, doch das habe andere Gründe.

„Fatatak“ statt „Vatertag“

Probleme schaffen oft die Schulen selbst. Zum Beispiel durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen, die an vielen Grundschulen eingesetzt wird. Hier sollen Schüler in den ersten ein bis drei Schuljahren so schreiben, wie sie hören und sprechen, also etwa „Toa“ statt „Tor“, „Rat“ statt „Rad“ oder „Fatatak“ statt „Vatertag“. Fehler werden nicht korrigiert. Solche Entwicklungen haben mit der Rechtschreibreform nichts zu tun. Wer sich als Lehrer an den Duden hält, der verfügt über einen recht zuverlässigen Orientierungspfad zur Ausbildung der Kinder. Denn auch Behörden oder die Wirtschaft halten sich daran. Und Rechtschreibung muss geübt werden. Hier aber werden Legastheniker herangebildet. Und das ganz ohne Not.