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Spuren in der Mitte Berlins: Das Lenin-Glasfenster bei den HU-Juristen: Provokante Bereicherung

Nutrimentum spiritus" - Nahrung für den Geist - verkünden goldene Lettern über dem Eingang der "Kommode" am Bebelplatz. Als Königliche Bibliothek zwischen 1775 und 1780 erbaut, wurde sie 1910 der Universität zum Geschenk gemacht, heute ist hier die Juristische Fakultät der Humboldt-Universität untergebracht. Unter dem Schriftzug befindet sich ein unscheinbares Fenster, neben dem Eingangsportal ragen vier Metallbolzen verwaist aus der Wand. An ihnen war bis 1990 eine Tafel befestigt mit der Aufschrift: "Lenin // arbeitete / im Jahre 1895 / in diesem Gebäude // ehemals Königliche Bibliothek". Im Zuge einer Nacht-und-Nebel-Aktion ist die Tafel 1990 entfernt worden.Die Publikation "Lenin in Berlin", herausgegeben 1980 vom Museum für Deutsche Geschichte, gibt detailliert Auskunft über die Stationen Lenins, der die Stadt zwischen 1895 und 1917 insgesamt zwölf Mal besucht hatte. Während seines Aufenthaltes in Berlin im Sommer 1895 wohnte Lenin in der Flensburger Straße in Moabit. Am 14. August wurde er unter der Nummer 11 als Wladimir Uljanow, Rechtsanwalt, Flensburger Straße 12, in das Lesejournal der Bibliothek eingetragen. Hier studierte er im Großen Lesesaal "Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik" von Marx und Engels, Marx "Herr Vogt" und Engels "Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei".Kunst als Waffe1944/45 wurde die "Kommode" bis auf Teile der Außenfassade zerstört und erst im Zuge der Wiederherstellung der historischen Bebauung 1968 wieder hergerichtet. Während die Außenansicht historisch belassen wurde, entsprach die Innengestaltung den damals modernen Ansprüchen. 1969 dann wurde das Gebäude der Humboldt-Universität übergeben, untergebracht wurde hier die Sektion Marxismus-Kommunismus. In Erinnerung an Lenins Literaturstudium an diesem Ort, schuf der Künstler Frank Glaser 1968 ein farbiges Glasfenster für den in "Leninsaal" umbenannten Großen Lesesaal. Es ziert auf der Rückseite das eingangs erwähnte unscheinbare Fenster über dem Eingang der "Kommode". Im Sinne der Kunst als Waffe im Kampf für den Sozialismus, zeigt das Fenster Lenin bei seinem Bücherstudium oder im Gespräch mit Arbeitern, Intellektuellen, Soldaten; unter wehender roter Fahne marschiert er in einer Gruppe von Demonstranten, über allem prangen in einem Halbrund stürmende Revolutionäre. Überlebensgroß weist ein weiterer Lenin mit ausgestrecktem Arm vorwärts. Hinter ihm stehen Marx und Engels, so wie sie tausendfach auf Transparenten bei den jährlichen Maidemonstrationen abgebildet waren.Der Zweck und die MittelDas Fenster zählt zu einer der wenigen Darstellungen, die den Bildersturm von 1990 überstanden haben. Wie die Hinweistafel am Eingang der "Kommode" war die überwiegende Zahl der Darstellungen von Marx, Engels und Lenin aus dem Stadtbild entfernt worden, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine neue Ära der Geschichtsschreibung begann. Lenin galt bis zur Öffnung der Archive als der Held der Oktoberrevolution, sein Name war untrennbar verbunden mit den tief greifenden revolutionären Umgestaltungen im ehemaligen zaristischen Russland. Doch längst gilt als erwiesen, dass ihm zur Durchsetzung seiner Ziele nahezu jedes Mittel recht war. Lenin gilt als Urheber des Schreckens von Erschießungen, provozierten Hungersnöten und Epidemien. Stalin, Mao und Pol Pot zählen zu Lenins gelehrigen Schülern. Der Historiker Alain Besancon beschreibt den "Leninistischen Kommunismus" und den Nationalsozialismus als "zweieiige Zwillinge", nach Ziel und Methoden vergleichbar und "gleichermaßen verbrecherisch". Lenins überlebensgroße Abbildung im Lesesaal ist also provokante Bereicherung, Nahrung für den Geist der angehenden Juristen, die unter dem Blick des Revolutionärs, für den der Zweck die Mittel heiligte, deutsches, internationales sowie das Menschenrecht studieren.


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