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Stasi-IM „Thomas“: Der falsche Freund

Haus 1 auf dem Stasi-Gelände an der Normannenstraße in Berlin. Foto: Hannibal

Haus 1 auf dem Stasi-Gelände an der Normannenstraße in Berlin. Foto: Hannibal

Erfurt -

Für zahlreiche Kommilitonen war er „ein guter Freund“. Als Theologiestudent mit österreichischem Pass galt Aleksander Radler, Jahrgang 1944, in Ost-Berlin nicht nur als Exot, sondern als eine durchaus vertrauenswürdige Person. Doch mehrere Studenten mussten ihre Vertrauensseligkeit in der DDR mit mehrjährigen Haftstrafen bezahlen: IM „Thomas“ gab sein Wissen bereitwillig an die Staatssicherheit weiter.

So auch den Brief eines jungen Studenten aus Jena, der 1968 der Westverwandtschaft freimütig seine Überlegungen zur Flucht aus der DDR schilderte. „Wir sind zu jung, um uns erschießen zu lassen“, schrieb er offenherzig und ergänzte, das Schreiben werde „von einem Österreicher“ in West-Berlin abgeschickt. Doch stattdessen landete der Brief direkt bei der Stasi. Über seine Erfahrungen mit dem vermeintlichen Freund berichtete der damalige Student zusammen mit weiteren Opfern in dieser Woche in einer öffentlichen Veranstaltung im Erfurter Kirchenamt.

Aleksander Radler wurde von der Stasi-Bezirksverwaltung Frankfurt/Oder geführt. Doch weil die Akte von IM „Thomas“ im Herbst 1989 von Stasi-Mitarbeitern zerrissen wurde, kamen die Aktivitäten des Theologen erst nach Jahrzehnten ans Licht. In der heutigen Stasi-Unterlagenbehörde Frankfurt wurden die entsprechenden Aktenschnipsel seit 2012 in mühevoller Kleinarbeit zusammengepuzzelt. Bisher wurden daraus mehr als 2 800 Seiten. Sie dokumentieren den Zeitraum von 1963 bis 1989.

24 Jahre Spitzeldienste

Eine derart lange IM-Tätigkeit, zu der sich Radler am 4. Oktober 1965 handschriftlich verpflichtet hatte, überraschte selbst Kenner der Materie: Die durchschnittliche IM-Tätigkeit liegt zwischen zehn und 15 Jahren. Die Stasi ihrerseits zeigte sich gegenüber Radlers treuer Mitarbeit nicht kleinlich. Sie finanzierte ihm mehrfach nicht nur theologische Fachliteratur sowie den Lebensunterhalt großzügig mit West-Mark. Für sie galt das Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie auch „als international bekannter Gelehrter“.

Deshalb konnte die Stasi schließlich zum 1. Oktober 1988 die Berufung Radlers zum ordentlichen Theologieprofessor an der Jenaer Universität durchsetzen – „ein langjähriger Wunsch des IM“, wie die Akte vermerkt. IM „Thomas“ seinerseits blieb bis zum Ende der DDR seiner Stasi-Verpflichtung treu. Sie begann mit dem Verrat der Studenten aus Thüringen und betraf West-Berliner Fluchthelfer ebenso wie Fluchtwillige aus der DDR und nicht zuletzt Kirchenkreise.

Darüber hinaus offenbaren die rekonstruierten Akten zu Aleksander Radler nach Angaben der Thüringer Unterlagenbehörde Hunderte von Informationen über innerkirchliche Sachverhalte, Personen und Institutionen. IM „Thomas“ indes, seit dem Ende der DDR Pfarrer in Schweden, tat nach der Konfrontation mit seiner Stasi-Vergangenheit genau das, was die meisten Stasi-Spitzel tun: Er leugnete.

In Schweden führte Radler bis 2012 ein beschauliches Leben als Pfarrer und Stadtrat. Recherchen schwedischer Journalisten und die Konfrontation mit seinen Opfern zwangen den heute 70-Jährigen, seine Ämter aufzugeben. (epd)


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