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Sterbehilfe: Schuldig aus Nächstenliebe

Die Frage, ob Ärzte Patienten beim Suizid assistieren dürfen, bleibt auch nach dem Gerichtsurteil umstritten.

Die Frage, ob Ärzte Patienten beim Suizid assistieren dürfen, bleibt auch nach dem Gerichtsurteil umstritten.

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dpa

Das letzte Abendmahl ist im Internet auf Video zu sehen. Maria „Moek“ Heringa, 99, sitzt in ihrem Ohrensessel, sie schaut in die Kamera löffelt aus einer großen Schale einen Joghurt – versetzt mit Schlaftabletten. Am nächsten Morgen war Maria Heringa tot. Ihr Sohn Albert hat das tödliche Mahl zubereitet, um seiner Mutter den Wunsch nach dem Sterben zu ermöglichen. Albert Heringa hat auch das Video ins Internet gestellt, er wollte in den Niederlanden eine Debatte über die Sterbehilfe auslösen.

Schuldig, aber ohne Strafe

Die ist am Dienstag im Land vollends entbrannt. Ein Gericht im niederländischen Zupthen hat Heringa wegen Beihilfe zur Sterbehilfe schuldig gesprochen, aber keine Strafe verhängt. Das Gericht bleibt damit unter dem Strafmaß der Staatsanwaltschaft, die drei Monate auf Bewährung gefordert hatte. Aber auch ein mildes Urteil ist kein Freispruch. Deshalb hadert Albert Heringa mit dem Richterspruch. „Ich bin schuldig befunden worden. Deshalb können Menschen in einer ähnlichen Situation auch nicht offen handeln“, lautet sein Urteil.

Der Tod ist nie einfach. Der Tod und das Recht schon gar nicht. Auch in den Niederlanden. Dort ist Sterbehilfe zwar seit dem Jahr 2001 erlaubt, sie ist aber an enge Bedingungen geknüpft, etwa eine unheilbare Krankheit. Zudem muss sie durch einen Arzt begleitet werden. Maria Heringas Hausärztin aber hat deren Wunsch zu sterben abgelehnt.

Deshalb hat Albert Heringa sein Vorgehen von einem Filmemacher begleiten lassen. In 24 Minuten erinnert sich die Familie an Maria Heringa und beschreibt, wie in ihr der Wunsch nach dem Tod reifte. „Meine Mutter war immer eine unabhängige Frau, selbstständig und eigensinnig“, so Albert Heringa, ein Mann von 71 Jahren, hoher Stirn und Herman-Van-Veen-haftem Haarkranz. Die Enkel erinnern sich an die Ferien bei ihrer Oma. „Bei ihr war immer alles erlaubt“, sagt Enkelin Minne. Aber auch: „Es gibt keine Pflicht zum Leben.“

Maria Heringa war noch geistig fit. Dennoch mochte sie nicht mehr weiterleben. „Alt wird man von allein, aber niemand lehrt einen mit dem Alter zu leben“, habe sie gesagt, erinnert sich ihre Enkelin Minne. Ihre Oma habe schließlich jegliches Essen verweigert. Nach langen Debatten hat Albert Heringa der Mutter den tödlichen Mix zubereitet.

Das Gericht hat dafür nun kritische Worte gefunden. So habe Heringa seine Mutter allein mit dem tödlichen Mahl im Altersheim zurückgelassen, obwohl Komplikationen hätten auftreten können.

Am nächsten Morgen um halb Sieben meldete sich das Altersheim. Und später auch die Staatsanwaltschaft. Der Fall und das Urteil vom Dienstag haben in den Niederlanden aber eine heftige Debatte ausgelöst. „Ich vermisse einen Anstoß zu einer gesetzlichen Klärung“, sagt Albert Heringa.

Parlament soll handeln

Das Gericht jedenfalls mochte keinen außergewöhnlichen Notstand erkennen. Auch hätte Heringa die Meinung eines zweiten Mediziners einholen müssen, nachdem die Hausärztin seiner Mutter die Sterbhilfe abgelehnt hatte. Das Gericht hat freilich anerkannt, dass Heringa aus Nächstenliebe gehandelt habe.

Schuldig aus Nächstenliebe ist aber ein merkwürdiges Urteil. Die niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE) hat deshalb zuletzt tausende Unterschriften für eine Petition gesammelt. Der Verein will, dass sich das Parlament mit dem Fall befasst. „Wir hatten eine Strafe mit Auflagen erwartet“, sagt die Vorsitzende Petra de Jong. Sie interpretiert das Urteil als Aufruf an die Politik, den gesellschaftlichen Umständen Rechnung zu tragen und das Gesetz zur Sterbehilfe zu ergänzen.



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