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Stimmkrankheiten: Sprech-Stunde

Olaf Meißner verlor seine Stimme im August 2013 in einem Operations-Saal. Als der Berliner Arzt auf der Intensivstation aufwachte, da konnte er nur noch flüstern. Meißner litt an einem Bronchialkarzinom, als dieses operativ entfernt wurde, musste auch sein Rekurrensnerv gekappt werden, weil der Tumor drum herum gewachsen war. Der Rekurrensnerv verläuft schlingenartig rund um die Aorta im Brustkorb und steuert Muskeln im Kehlkopf und damit auch die beiden etwa ein bis eineinhalb Zentimeter langen Stimmlippen. Diese müssen zusammenkommen und vibrieren, damit ein Ton entsteht. Fällt der Nervus recurrens aus, dann ist eine Stimmlippe gelähmt, sie kann nicht mehr schwingen.


Etwa 10.000 Deutsche erleiden pro Jahr wie Olaf Meißner eine solche Stimmbandlähmung, genannt Recurrensparese. Häufig passiert das als Kollateralschaden bei einer Operation am Herzen oder an der Schilddrüse, in sehr seltenen Fällen kann die Lähmung durch das Beatmen während einer Vollnarkose entstehen oder sie kann Folge einer Erkrankung sein. In 50 bis 80 Prozent der Fälle gehe der Nerv allerdings kaputt, ohne dass man wisse warum, sagt Markus Hess, Facharzt für Phoniatrie, der sich auf Stimmerkrankungen spezialisiert und im Herbst in Hamburg zusammen mit einer anderen Ärztin die Deutsche Stimmklinik eröffnet hat.

Olaf Meißner war zwar froh, dass die Operation ansonsten gut verlaufen war, der Verlust seiner Stimme war für den Allgemeinmediziner, der in Lankwitz eine eigene Praxis führte, aber eine Katastrophe. Er konnte so schlicht nicht mehr arbeiten. Und auch im Privatleben führte der Stimmverlust zu Problemen. „Mein damals vierjähriger Sohn rannte mal bei einem Spaziergang voraus und auf eine Tankstelleneinfahrt zu, ich konnte nichts machen, nicht Stopp rufen“, erzählt der 46-Jährige. Man fühle sich ohne Stimme oft vollkommen ohnmächtig, sagt er. Er hat sich dann eine Hundepfeife angeschafft und mit seinem Sohn verabredet, dass er stehen bleiben muss, wenn er die hört. Meißner fühlte sich oft stigmatisiert, wenn ihn beim Einkaufen alle anschauten und er konnte nicht mehr telefonieren, das musste seine Frau für ihn erledigen. „Manchmal war ich sehr verzweifelt, ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.“ Olaf Meißners Existenz als Arzt stand auf dem Spiel.

Bereits auf der Intensivstation begann die logopädische Behandlung, verbessert hat sich Meißners Stimme dadurch allerdings nicht. Später versuchte es Meißner mit einer Reizstrombehandlung. Dabei wird isoliert die gelähmte Muskulatur stimuliert, das heißt durch einen Stromimpuls zu einer Muskelkontraktion gezwungen. Zunächst werden Elektroden auf der Haut aufgebracht, der Patient lässt dann eine geringe Menge Reizstrom fließen und übt damit mehrmals täglich zu Hause. So soll der Nerv stimuliert werden. „Aber auch dadurch hat sich gar nichts getan“, berichtet Meißner. Er fragte eine Phoniaterin, ob operativ etwas zu machen sei, sie hat einfach abgewunken. Meißner versuchte weiter, Hilfe zu finden, doch das war ziemlich schwierig.

Markus Hess wundert das nicht. Die Phoniatrie, die sich mit Störungen der Stimme, des Sprechens, der Sprache und des Schluckakts beschäftigt, ist eine eher junge medizinische Disziplin, Fachärzte dafür gibt es erst seit 20 Jahren und das Fachgebiet wird innerhalb der Hals-Nasen-Ohrenkunde eher stiefmütterlich behandelt. Für viele innovative Therapien gibt es nicht mal Abrechnungsziffern für die Erstattung durch die Krankenkassen. Dabei leiden etwa 5 Prozent der Kinder an Heiserkeit, bei den Erwachsenen haben Hess zufolge schätzungsweise 3 Prozent Probleme mit der Stimme. „In der Welt der Kommunikation ist die Stimme wichtiger geworden, wir reden viel, wir reden mehr als je zuvor“, sagt der Phoniater. Ohne Stimme könne man kaum mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Die Ursachen für Stimmprobleme sind vielfältig, die Stimmlippen extrem empfindlich. Neben dem Ausfall des Rekurrensnerv können schon Veränderungen im Submillimeter-Bereich dazu führen, dass die Stimme heiser und rau wird. Solche Veränderungen werden beispielsweise durch Polypen, also gutartige Wucherungen, hervorgerufen, durch Zysten, Knötchen, die durch übermäßigen Gebrauch der Stimme entstehen können, durch Warzen, die von Viren verursacht werden, oder durch Ödeme. Diese Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe sind für normale Menschen häufig kein Problem, für Sopransänger dagegen bedeuten sie das Ende ihrer Karriere. Und auch bösartige Tumore können die Stimme beeinträchtigen, die aber sind eher selten.
Eine weitere Phoniaterin sagte Olaf Meißner, sie sehe sehr wohl eine Möglichkeit zur Operation, in der Charité sollten aufwändig die Knorpel, an denen die Stimmlippen aufgehängt sind, gedreht werden, doch auch diese Möglichkeit zerschlug sich. Irgendwann wurde Meißner dann auf Markus Hess aufmerksam, mit dem sein Schwager, der im Bereich Medizintechnik tätig ist, schon zusammengearbeitet hatte.

Olaf Meißner erlangte seine Stimme wieder im Februar 2014, in der Stimmklinik von Hess auf dem Gelände der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Klinik ist eine in Deutschland ziemlich einmalige Einrichtung, weil man sich dort multidisziplinär ausschließlich mit Stimmproblemen beschäftigt und sie ambulant oder auch in Kooperation mit dem UKE stationär behandelt. Neben Phoniatern sind dort auch Logopäden, Osteopathen und Stimmtherapeuten beschäftigt.

In den USA gebe es viele sogenannte Voice Clinics, sagt Hess, der in Washington geboren und in Hessen aufgewachsen ist. Er habe sich da einiges abgeguckt und das nach Deutschland bringen wollen. „Es gibt viel Neues an Diagnostik und Therapie, aber das wird hierzulande häufig noch nirgendwo praktiziert“, sagt der 55-Jährige, zu dessen Patienten auch zahlreiche Berufssprecher, Opernsänger und Schauspieler gehören. Ein großes Thema ist auch die Altersstimme, eine mit zunehmendem Alter dünner werdende Stimme und auch Transsexuellen kann in der Stimmklinik geholfen werden, beispielsweise, wenn sie eine höhere Stimme haben wollen.

Statt einer aufwändigen Operation entschied der Spezialist, seinem Patienten erst einmal Calciumhydroxylapatit in die gelähmte Stimmlippe zu spritzen. Dieses resorbierbare Mittel wird auch für Schönheits-OPs eingesetzt, in Meißners Fall sollte es der Stimmlippe mehr Volumen geben, damit sie wieder näher an die andere Stimmlippe rückt. Auch Hyaluronsäure kann bei diesem Eingriff eingesetzt werden. Die Phonochirurgie ist in Deutschland noch eine relativ junge Domäne, erst in den 60er-Jahren wurde der Terminus erfunden, Einspritzungen werden erst seit etwa 15 Jahren gemacht.

Der ambulante Eingriff unter Vollnarkose dauerte nur 15 Minuten. Nachdem Meißner aus der Narkose erwacht ist, stand er auf und sagte: „Ich habe jetzt Hunger, lass uns Kaffee trinken und Kuchen essen.“ Seine Frau und sein Hund haben sich richtig erschrocken, weil sie plötzlich wieder seine deutliche Stimme vernahmen.

„Meine Stimme war kein Problem mehr, ich war unglaublich erleichtert und hatte wieder eine ganz andere Lebensqualität“, erzählt Meißner. Doch im Herbst wurde seine Stimme wieder brüchig, denn das resorbierbare Implantat wird vom Körper nach einigen Monaten abgebaut. „Das ist so eine Art Probefahrt vor einer dauerhaften Lösung“, erläutert Hess. Denn in manchen Fällen aktivieren sich gelähmte Stimmlippen nach einer Weile wieder von selbst. Wenn das nach sechs Monaten allerdings nicht der Fall ist, dann rutscht die Wahrscheinlichkeit dafür auf unter ein Prozent.

Deshalb bekam Olaf Meißner in einer zweiten Operation als dauerhafte Lösung eine so genannte Thyreoplastik eingesetzt. Dieses Verfahren wurde zwar 1915 zum ersten Mal in Leipzig ausprobiert, dann aber erst in den 70er-Jahren von einem Japaner wieder entdeckt. Dabei wird über einen kleinen Hautschnitt auf Kehlkopfhöhe ein kleiner Keil aus Silikon auf die Stimmlippe gesetzt.

Meißners Stimme ist heute fast wieder die alte. Auf seiner Handy-Mailbox ist noch seine frühere Stimme zu hören. Nach der Operation klingt er nur ein bisschen älter und angestrengter als früher. Und wenn er viel geredet hat, dann werde seine Muskulatur am Kehlkopf müde und das Sprechen strenge ihn an, erzählt er. Aber damit könne er gut leben. Auf jeden Fall kann der 46-Jährige wieder als Arzt praktizieren.

Der Berliner Arzt ist froh, dass ihm in der Hamburger Stimmklinik geholfen wurde. „Es ist nicht einfach bei Stimmproblemen Hilfe zu finden und die richtige Therapie zu bekommen“, so seine Erfahrung. „Keiner interessiert sich so richtig für das Problem und da läuft viel nach Schema F und ich glaube, vielen Patienten werden hilfreiche Therapien vorenthalten.“

Hilfe für Betroffene bieten die Deutsche Stimmklinik in Hamburg, Tel.: 040/ 51313007, Mail: kontakt@stimmklinik.de, www.stimmklinik.de oder die Klinik für Audiologie und Phoniatrie der Charité, Campus Mitte, Luisenstraße 13, Tel.: 030/450 555 125, audiologie-phoniatrie.charite.de



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