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Streitgespräch über Stasi-Unterlagen: „Wir sind eine ganze Generation weiter“

Thomas Krüger: Allerdings ist eine Struktur, die bisher sinnvoll war, nicht in Beton gegossen.

Thomas Krüger: Allerdings ist eine Struktur, die bisher sinnvoll war, nicht in Beton gegossen.

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berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Am Donnerstag jährt sich die Erstürmung der Stasi-Zentrale zum 25. Mal. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, und Lutz Rathenow, Beauftragter für die Stasi-Unterlagen in Sachsen, diskutieren über den Umgang mit den Akten.

Meine Herren, aus der Erstürmung entstand die Stasi-Unterlagenbehörde. Nun berät eine Kommission, was aus ihr wird. Was meinen Sie?

Thomas Krüger: Es war ein bürgerschaftlicher Akt, die Akten des Geheimdienstes den Bürgern zuzueignen. Das begründet einen besonderen Status des Themas, dem man seit 1990 sehr konstruktiv beigekommen ist. Allerdings ist eine Struktur, die bisher sinnvoll war, nicht in Beton gegossen.

Lutz Rathenow: Uns war damals sofort klar, dass wir es hier mit einem besonderen Dokumenten-Konvolut zu tun haben, das es ermöglicht, die Puzzles der Diktatur zu sichten und zu deuten, auch um sich die eigene unterdrückte Geschichte zurückzuholen. Das alles muss in eine zukunftsfähige Nutzung der Unterlagen transformiert werden. Ich sehe die jetzige Situation, und hier vor allem die in Sachsen. Ich bekomme jeden Tag Anfragen von Leuten, für die die Akten ungeheuer wichtig sind. Insofern sehe ich Korrekturbedarf in dem Sinne, dass die gute Arbeit der Behörde den schwieriger werdenden Anforderungen angepasst werden muss. Die Akten sind kein fester Fundus. Sie müssen zum Teil bereits restauriert werden.

Krüger: Man muss aber schon sagen, dass die Virulenz der Akten heute eine ganz andere ist als 1990. Fragen wie „Hat mich mein Partner oder mein Arbeitskollege bespitzelt?“ stellen sich heute so nicht mehr. Wir sind eine ganze Generation weiter. Insofern sind die Verfahren, die das Bundesarchiv in hoch professioneller Weise eingeübt hat, möglicherweise ein Gewinn, die Beschäftigung mit den Stasi-Unterlagen in die nächste Generation hinein zu verlängern. Mir wäre sehr wichtig, dass der besondere Zugang zu den Akten gewahrt bleibt.

So wie jetzt?

Krüger: Ja. Man sollte aber auch nach der Effizienz fragen: Was ist eigentlich die vernünftigste Struktur, um die anstehenden Aufgaben zu erfüllen? Der Gesetzgeber hat deutlich gemacht, dass für Bildung andere Einrichtungen zuständig sind – die Landeszentralen und die Bundeszentrale für politische Bildung sowie Hunderte von Bildungsträgern. Es geht darum, den Fundus der Stasi-Unterlagen in die regulären Strukturen politischer Bildung zu überführen. In dem Maße, in dem die Nachfrage nach den Stasi-Akten sinkt, wird Bildung wichtiger.

Rathenow: Die Nachfrage geht zurück, weil wir den Leuten raten, nicht in jeder Konstellation unbedingt Neuanträge zu stellen, oder eher in anderen Akten nachzuforschen. Generell gehen die Anträge nicht zurück. Der Druck ist gerade im ländlichen Raum noch da. Ich komme etwa in Rundfunkstudios. Danach fragt mich der Techniker: Soll ich jetzt meinen Antrag stellen? Gleiches geschieht bei Taxifahrern.

Krüger: Die Nachfrage geht generell zurück. Das ist ein nicht zuletzt biologischer Prozess. Denn eine Generation, die das alles nicht erlebt hat, die fragt auch nicht mehr nach.

Rathenow: Doch.

Krüger: Aber nicht in dem Umfang wie vor 25 Jahren. Deshalb sollte man in dieser Debatte auch nicht irrlichtern und riesige Apparate aufrechterhalten. Im Übrigen gibt es auch ein Recht der Menschen, keinen Antrag zu stellen. Man sollte die Geschichte ohnehin nicht nur aus der Perspektive derer diskutieren, die in diesen Behörden arbeiten. Das wird leicht esoterisch.

Rathenow: Politische Bildung ist zweifellos wichtig. Wir als Landesbeauftragte versuchen, die Verknüpfung mit den Stasi-Akten vorzunehmen. Allerdings sind die Akten nicht auf die effizienteste Weise zugänglich. Die Gesetze sind nicht praxisnah genug, etwa beim Datenschutz. Teilweise wird sinnlos geschwärzt, was Mutmaßungen in die falsche Richtung lenkt. Ich fürchte nur, dass das Bundesarchiv die Akten nicht besser erschließen kann. Es hat keine Zeit und keine Leute.

Krüger: Das Personal der Behörde würde ja ins Bundesarchiv integriert, womöglich sogar mit einer eigenen Abteilung.

Rathenow: Aber wenn man nur das Schild austauschen will, dann kann man es auch ganz lassen.

Sie, Herr Rathenow, möchten den Status quo also beibehalten, und Sie, Herr Krüger, möchten umsteuern?

Krüger: Ja. Vor 25 Jahren sind zwei Bereiche in die Behörde integriert worden, die heute besser anders strukturiert würden. Behörden-Forschung ist eigentlich ein Unding. Das können Institute machen wie das Institut für Zeitgeschichte in München oder das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Und bei der politischen Bildung haben wir eine hervorragende Infrastruktur, die ich schon beschrieben habe und bei der man die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur als Plattform noch dazu nennen muss. Dabei geht es allerdings um einen größeren Kontext, denn die Wahrheit der DDR liegt nicht nur in den Stasi-Akten. Also müssen wir den Blick weiten.

Rathenow: Damit blendet man die kleineren Substrukturen aber möglicherweise aus. Für mich gibt es immer mehr unerforschte Bereiche. Ein Beispiel: Roland Jahns heimliche Wiedereinreise in die DDR nach seinem Rausschmiss, bei der er zwei Tage lang offenbar nicht entdeckt wurde. Nun fragt sich: Wurde er wirklich nicht entdeckt? Warum forscht das keiner nach? Ansonsten muss man sich die Substanz des bürgerschaftlichen Engagements vor Ort angucken. Wo viel da ist, kann sich die Bundesbehörde zurückziehen. Dafür könnten Landesbeauftragte und Bildungsinstitutionen Aufgaben übernehmen. Die Forschung kann ausgelagert werden, aber nicht nur in bestehende Einrichtungen. Es müssten auch neue gegründet werden an Orten, wo Bürgerrechtler sehr aktiv waren wie in Leipzig oder Jena.

Krüger: Das kann man schlecht anordnen. Es gibt überdies eine relativ mobile Forschungslandschaft. Die DDR-Forschung ist geradezu gewuchert. In der alten Bundesrepublik hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Durchdringung des Nationalsozialismus diesen Stand erreicht hat. Wir brauchen heute mehr Popularisierung der Forschungsergebnisse.

Rathenow: Aber auch wenn die Behörde irgendwann geschlossen wird: Heute hat der Bundesbeauftragte eine bundesweite Ausstrahlung. Ihre Zeitung wird nicht mehr so oft über das Thema berichten, wenn er als Ansprechpartner fehlt.

Krüger: Ich bin da anderer Meinung. Wir brauchen kein Aufarbeitungskombinat. Wir brauchen keine zentrale Instanz, die uns sagt, wie Vergangenheit zu erklären ist. Denn Vergangenheit ist immer interpretierte Gegenwart. Deshalb braucht es vielfältige Angebote.

Rathenow: Das ist richtig. Doch der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen ist ein Teil dieses Angebots. Es würde ihm gar nicht gelingen, ein Kombinat zu bilden. Dazu sind andere Akteure wie das DDR-Museum oder das Haus am Checkpoint Charlie viel zu stark. Von daher wäre es ein Verlust an Pluralität, wenn es die Behörde nicht mehr gäbe.

Das Gespräch führte Markus Decker.