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Studie der Otto-Brenner-Stiftung zur "Querfront": Was Pegida-Fans und Anhänger der Linkspartei verbindet

"USA, Hände weg von Russland", steht bei einer Montagsdemonstration in Berlin, organisiert unter anderem von Pegida, auf einem Plakat.

"USA, Hände weg von Russland", steht bei einer Montagsdemonstration in Berlin, organisiert unter anderem von Pegida, auf einem Plakat.

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imago/IPON

Man muss im Internet nicht lange nach ihnen suchen. Da gibt es in den sozialen Netzen nicht nur fremdenfeindliche Pöbeleien hier und die Verteufelung westlicher Russland-Kritiker dort. Es gibt auch Sätze wie diesen: „Die USA scheinen unter Mithilfe der Merkel-EU ganz bewusst Flüchtlinge für Europa zu produzieren!“ Der Satz vereint Feindbilder, die man völlig verschiedenen Milieus zuschreiben würde. Er kommt, in vielen Varianten, mal von Pegida-Fans, mal von Sympathisanten der Linkspartei. Mal wird auf Artikel verwiesen wie „USA bezahlt Schlepper: Das sagt Österreichs Geheimdienst über Flüchtlinge“ – mal werden seriöse Quellen verlinkt.

So tickt inzwischen eine ganze Szene: Echte Informationen – kaum jemand bestreitet die Mitschuld der US-Politik im Irak an der Geburt des Islamischen Staats – werden vermischt mit Vorurteilen und Falschmeldungen, die im linken Spektrum ebenso Interessenten finden wie im rechten. So entstehen auch gemeinsame politische Forderungen, für die bereits Tausende demonstrierten: als „Querfront“ von Rechts und Links.

Auf allen Kanälen

So beschreibt es eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die nächste Woche veröffentlicht wird. Der Medienexperte Wolfgang Storz hat die Hintergründe und Verbindungen der führenden Akteure dieser „Querfront“ recherchiert, hat sie interviewt, ihre Newsletter, Magazine und Videos analysiert. Das Ergebnis der 50-seitigen Studie: Einer überschaubaren Zahl zentraler Akteure – von denen einige eine linke, andere eine rechte Vergangenheit haben – ist es gelungen, eine eigene, stabile Öffentlichkeit aufzubauen. Als Publizisten, Verleger und Aktivisten versorgen sie ihr Publikum mit Magazinen, professionellen Online-Videos und Büchern.

Insgesamt sei das Netzwerk „in der Lage, die für die Akteure bedeutsamen Entwicklungen aktuell mit professionell hergestellten crossmedialen Angeboten zu begleiten und so einem ständig wachsenden Publikum verlässlich eigene Deutungen dazu anzubieten“, heißt es.

Ersten größeren Zulauf verzeichnete die Szene Anfang 2014, als viele unzufrieden mit der Berichterstattung über die Annexion der Krim waren. Als zentrale Köpfe des Netzwerks hat Storz nur eine Handvoll Leute ausgemacht. Am prominentesten dürfte der Ex-Radiomoderator Ken Jebsen sein, der als Internet-Star, TV-Gast des deutschsprachigen Kreml-Senders „RT“ und als Demo-Redner vor allem bei Jüngeren bekannt wurde. In der Online-Umfrage eines Fachmagazins gelangte er unter Deutschlands zehn wichtigste Journalisten.

Jebsen schreibt auch für Compact, das Kreml-freundliche, anti-amerikanische und national gesinnte Monatsmagazin von Jürgen Elsässer. Der ehemalige Linke erreicht mit dem Heft bereits 30.000 Käufer. Zu seinen Konferenzen erscheinen Hunderte zahlende Gäste, dazu „Querfront“-Köpfe wie Jebsen und Entsandte des Kremls, um über Deutschlands Souveränität oder die Zerstörung der Familie zu reden.

Die Wechselbeziehungen zwischen den Akteuren sind vielfältig. Es bestehen zahlreiche, aber lockere Kooperationen, die „auf gegenseitigem Vertrauen basieren“. Inhaltlich haben die Akteure aber eher gemeinsame Feindbilder als Ziele. Sie stellen sich gegen die USA und die EU, den Euro – und die Medien, die mit „denen da oben“ paktierten. Typisch ist eine pro-russische Haltung und der Vorwurf an westliche Eliten, „Kriegstreiber“ zu sein. „Das Netzwerk eint eine Haltung, die einen homogenen Nationalstaat und tradierte Lebensweisen wertschätzt und demokratisch-liberale Gesellschaftsentwürfe ablehnt“, so die Studie. „Bevorzugt wird das Gesellschaftsbild einer autoritären, nichtliberalen ,Volks-Demokratie‘, die von einer starken Führung und von Elementen direkter Demokratie geprägt ist.“

Die Szene ist abgeschottet von der gesamtgesellschaftlichen Weltsicht und wird auch von den klassischen Medien ausgegrenzt. Aber es gebe sowohl Anknüpfungspunkte in die Mitte der Gesellschaft, als auch an ein weit größeres Netzwerk, das von der Friedensbewegung bis zu AfD und Pegida reicht.

Ufologie und Rechtspopulismus

Im Interview bezeichnet Elsässer sich als „Journalisten und politisch-publizistischen Aktivisten“ – eine Zwitterstellung, die typisch für die Szene ist. So erkannte Storz, anders als bei Pegida, nirgends das Ziel, eine Organisation zu gründen oder an Wahlen teilzunehmen. Die Publikationen bestehen fast nur aus den politischen Positionen der Akteure. Zugleich investieren sie ihre Einnahmen stets in weitere Produktionen, um so ihre Positionen über immer neue Kanäle zu verbreiten.

Ausnahme ist der Kopp-Verlag, dessen Chef Jochen Kopp als Verleger von Esoterik und Ufologie begann – und es mit Euro-Kritik und Rechtspopulismus zum expandieren Mittelständler brachte. Sein Autor Udo Ulfkotte verkaufte von seiner Schmähschrift „Gekaufte Journalisten“ schon 140.000 Exemplare – und klebt damit fest auf den Bestsellerlisten des Mainstreams.


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