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Stürze dich in den unentwirrbaren Prozess: zum Lob des Schlagzeugers Michael Wertmüller: Komm nicht ins Offene!

Oktober 2001. Die Dinge spitzen sich zu. Zum Beispiel bei den Tagen neuer Musik in Donaueschingen. Schwerste Metal-Drones krachen in fragiles Streichergewebe. Musiker des Kammermusikensembles Neue Musik Berlin, längst ungesund rotköpfig, ackern am Rande der Belastbarkeit. Tempi, die keiner mehr zählen kann, elektrische Lärmbreitseiten, verfisselter Violinenfilz. Wer soll denn einen 19,7/256stel-Takt angemessen spielen, während die Notenblätter auf dem Rechner vor jedem Musiker in je anderer Geschwindigkeit vorüberziehen, die dann wiederum von einem Generalcomputer gesteuert werden, der, so der Komponist, "wie ein fünfzehnarmiger Dirigent" funktioniert? Der langhaarige Komponist wird's wissen.Vorübergehend fiebrig süße Dämmerpassagen geraten unter schwere Tonblöcke. War das eben die zart digitalisierte Sprengung eines Ozeandampfers auf dem Trockendock des Todesmetals? Wieso haben das zwei Vögel überlebt? Irgendwann ist es kurz still. Beifall brandet auf, Buhrufe brechen durch, werden lauter und schließlich wieder von brausenden Begeisterungsschreien übertont. Wer hat hier Donaueschingen gerockt? Michael Wertmüllers Komposition "Die Zeit. Eine Gebrauchsanweisung" wurde aufgeführt. Seit spätestens damals wissen die Freunde Neuer Musik, was Berliner Free-Jazz-Fans, Metal-Heads und Kenner elektronischer Randerscheinungen in den vergangenen Monaten in kurzen Abständen immer wieder nahe gebracht wurde: Wertmüller macht keine Gefangenen, sowohl die Komplexitätsskala als auch jene, die körperliche Belastung von Musikern misst, ist nach oben offen.In der Musik scheint es körperliche Entwicklungen zu geben, die weitgehend unbeeinflusst von den ästhetischen Milieus voranschreiten, in denen die Besitzer der Körper sich aufhalten. In der digitalen Tanzmusik, an den schillernden Rändern der Metal-Kultur, aber auch in Free Jazz, Improv und gewissen Sparten neuer Musik haben sich in den letzten zehn Jahren Stile und Spielweisen entwickelt, die bei extremsportlichen Körpereinsatz den alten Gegensatz von Komplexität und Intensität aushebeln. Ob komplexes Breakcore-Gewitter oder Death-Metal-Kanonaden, es gilt nicht mehr, dass im Moment der Ekstase sich die Einfachheit des Hochgefühls durchsetzt. Von der wilden Tanzmusik von Venetian Snares bis zum Fake-Death-Metal von Killl verläuft die Achse der konzentrierten Hochgeschwindigkeit, der wirrköpfig verwirbelten Hochekstase, eines ausweglosen und gerade darum befreit stimmenden Dauergetrampels. Und auch ein Komponist wie der Siemens-Preisträger Brian Ferneyhough treibt seine Interpreten seit Jahrzehnten durch gezielte und geschickt gesetzte Überforderung über den Umweg der Konzentration zum physischen Maximum. Komm nicht ins Offene! Stürze dich in den unentwirrbaren Prozess!Dennoch sind die Kontakte zwischen den Milieus selten, geschweige dass mal einer systematisch und synthetisch mit dieser Entwicklung arbeitet. Respektspersonen aus dem Bereich der Neuen Musik haben sich nur selten mit dem Extremen von Rock und Jazz beschäftigt. Ausnahmen wie Vinko Globokar, Michel Portal oder Richard Teitelbaum bestätigen die Regel, sind aber auch als Vorläufer einer zweiten Generation zu nennen, zu der man John Zorn, Heiner Goebbels oder Otomo Yoshihide rechnen könnte. Die haben zwar alle entweder als wandlungsfähige Grenzgänger oder als postmoderne Monteure den Begriff des Zeitgenössischen erweitert. Fast immer war aber die Attraktion und das Risiko des Grenzübertritts an sich schon der entscheidende Einsatz. Nicht so bei Wertmüller, bei ihm gibt es einen anderen Ausgangspunkt: eine Verbundenheit der Genres und Milieus, die schon Bestand hat, bevor einer kommt, dem das auffällt und der die Dinge zusammenbringt. Beobachterunabhängig, sozusagen. Ihr Gemeinsames ist ihr Neues: der Umgang mit neuen Technologien, Medien, vor allem aber einer neuen Körperlichkeit.Einen großen Teil seiner Zeit verbringt der Komponist Wertmüller, der unter anderem in Berlin bei Dieter Schnebel studiert hat, als Schlagzeuger in verschiedenen Bands. Um 1990 waren John Zorn, Bill Laswell und diverse Freunde dieses Autors nicht die einzigen, denen Gemeinsamkeiten zwischen dem damals neuen Speed- und Death-Metal und den Ekstasetechniken des Free Jazz der späten 60er auffielen. Aber niemand hat daraus eine so überzeugende Synthese gewonnen wie die Schweizer Band Alboth!. Sie klang, als hätte Cecil Taylor nie mit einer anderen Band als Napalm Death zusammengespielt. Hatte irgendjemand den genretypisch grunzenden, fauchenden, brüllenden Sänger des Death Metal und das hypernervöse, rasende Piano des freien Jazz bei der Geburt getrennt? Oder gingen nur die damals zeittypischen Wiedervereinigungsmetaphern mit einem durch? Ein ultrapräzises und hochenergetisches Getrommel grundierte diese unerwartete Harmonie. Der Schlagzeuger aber war Michael Wertmüller. Auch als solcher wirkte er meist ziemlich fünfzehnarmig, auch wenn man beim Nachzählen hinterher doch immer nur bis zwei kam.Wertmüller hielt den Kontakt zu allen beteiligten musikalischen Welten. Und fügte noch einige hinzu. Zunächst indem er Komponist wurde. Für die befreundete Schweizer Band Steamboat Switzerland schrieb er die Werke auf der Platte "Wertmüller". Mit deren Bassist Mariano Pliakas wirbelte er durch verschiedene Ensembles von und mit Peter Brötzmann. Bei den großen Brötzmann-Tagen im letzten Herbst in Berlin konnte man ihn in den verschiedensten Konstellationen erleben. Zuletzt war er in Berlin mit seiner neuen Band Ives#1 beim Club Transmediale oder in der Akademie der Künste zu erleben. Soeben erschien "Live At Tonic - Farewell" von Pliakas/Brötzmann/ Wertmüller: ein fulminanter Gruß an einen von Gentrifizierung und Bespaßungskultur gemordeten Club in Manhattan.Bei Ives#1 arbeiten Wertmüller und Pliakas mit dem Sänger Thomas Mahmoud und dem Computermusiker Gerd Rische zusammen, dem Leiter des Studios für elektroakustische Musik an der Akademie der Künste. Mahmoud war Sänger bei Von Spar, reflektiert erregten Politrockern, die eine Weile als amtliche Nachfolge der Goldenen Zitronen gehandelt wurden. Offensichtlich war er aber an Nachfolge nicht dauerhaft interessiert. Heute hat man das Gefühl, alte Stimmüberforderungspartituren von Hans Joachim Hespos ("Palimpsest", 1971) träfen in seinem Rachen auf die Geister vergessener Großgrunzer des Death-Metal-Genres wie Chuck Schuldiner. Ives#1 ist wahrscheinlich die erste Band in Wertmüllers Geschichte, die man nicht mehr als Mischung aus, Reaktion auf oder Amalgam von verstehen kann, sondern nur noch als den nächsten großen Schritt. Als das, was passiert, wenn man die Geduld und die Insistenz aufbringt, sich nicht immer und immer gleich befreien zu wollen, sondern die Komplexität der konzentrierten Körper und Computer durchzuarbeiten und durchzurütteln, ohne an irgendein blöde erlösendes Ende kommen zu wollen oder müssen zu meinen.------------------------------Ohne an irgendein blöde erlösendes Ende kommen zu wollen oder müssen zu meinen.------------------------------Foto: Michael Wertmüller an seinem Gerät, hier beim Enjoy-Jazz-Festival 2006