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Südafrika: Engel über dem Stadion

Tausende warten vor dem Präsidentengebäude in Pretoria, um sich von Mandela zu verabschieden. Doch viele kommen vergeblich.

Tausende warten vor dem Präsidentengebäude in Pretoria, um sich von Mandela zu verabschieden. Doch viele kommen vergeblich.

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AFP

Johannesburg -

Dass Johannesburg ausgerechnet während der Trauerwoche um Nelson Mandela vom Regen überschwemmt wird, dafür kann keiner die Veranstalter verantwortlich machen. Schon eher, dass das lange vorbereitete Ereignis wie eine mittelmäßige politische Kundgebung ausfällt, die keinen der Besucher zu Tränen rührt. Nun aber sieht sich die Regierung noch mit einer ganz anderen Peinlichkeit konfrontiert: Dass der Übersetzer, der die von fast hundert gegenwärtigen und ehemaligen Staats- und Regierungschefs besuchte Feier in die Sprache der Gehörlosen übertrug, entweder ein Betrüger oder ein Dilettant oder ein nicht ganz ungefährlicher Kranker war.

Die Gebärden, mit denen der 34 Jahre alte Thamsanqa Dyantyi die Reden einiger der mächtigsten Menschen der Welt tauben Menschen in allen Erdteilen verständlich machen sollte, seien „vollkommen unverständlich“ gewesen, beschwerte sich die US-Schauspielerin Marlee Matlin: „Ungeheuerlich!“ Der Mann habe „wie ein Kind“ gestikuliert und in die Hände geklatscht, sagte David Buxton, Chef der britischen Gehörlosen-Vereinigung: „Der sogenannte Übersetzer hat wohl niemals in seinem Leben einen Kurs in Zeichensprache belegt.“

Aus dem Gefuchtel Dyantyis wollten Gehörlose Begriffe wie „Schaukelpferd“ oder „Fahrzeugpanne“ vernommen haben. Der offizielle Übersetzer habe nicht einmal das Wort für „Danke“ in der Gebärdensprache parat gehabt, geschweige denn die international vereinbarten Zeichen für Nelson Mandela oder Barack Obama.

Während sich der Angegriffene zunächst stolz über seine Leistung zeigte, änderte er die Tonart, als sich das wahre Ausmaß des Skandals abzeichnete. Er muss während der vierstündigen Veranstaltung einen schizophrenen Schub erlitten haben, gab Dyantyi inzwischen als Erklärung bekannt: „Ich habe Engel ins Stadion fliegen gesehen und daraufhin sofort gewusst, dass ich mich in einer äußert schwierigen Situation befinde.“ Er wisse um seine psychische Verfassung: „Ich sehe dann oft Dinge, die mich jagen. Manchmal werde ich dann auch gewalttätig.“ Inzwischen ist er abgetaucht.

Gestikulierend stand Dyantyi auch direkt neben Obama. Dessen Secret Service fragt sich nun, wie der Mann die Überprüfung durch die Sicherheitsdienste überstand. Der ANC, der staatliche Fernsehsender SABC sowie die Regierung schieben sich die Verantwortung für die peinliche Panne nun gegenseitig zu: „Ich kenne den Typen nicht. Er arbeitet nicht für uns. Fragen Sie die Regierung“, sagte ein ANC-Sprecher.

Andere Besucher der Gedenkveranstaltung waren gegenüber den Gehörlosen übrigens kaum im Vorteil: Wegen der miserablen Tonübertragung konnten die fast 70.000 im Stadion versammelten Gäste den Redebeiträgen kaum folgen.

Aber auch nach der Gedenkveranstaltung gab es Pannen: So hat die Polizei große Mühe, den Ansturm von Trauernden zu bewältigen, die ihre in Pretoria aufgebahrte Ikone ein letztes Mal sehen wollen. Nach stundenlangem Warten werden jeden Nachmittag viele von ihnen wieder nach Hause geschickt.

Ihre Enttäuschung lassen sie an den Absperrzäunen aus. Am Donnerstag tauchte schließlich auf Twitter ein Foto des aufgebahrten Mandela auf. Solche Aufnahmen waren strengstens untersagt. Es soll sich aber um eine Fälschung gehandelt haben.

Inzwischen sind die Veranstalter um Schadensbegrenzung bemüht. Im Fernsehen wurden die Journalisten angewiesen, alle Passagen aus der Übertragung der Gedenkveranstaltung herauszuschneiden, in denen der Staatspräsident mit Buhrufen und Pfeifkonzerten bedacht wurde. Die Tilgung dieser Panne ist offenkundig am wichtigsten.