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SWR und WDR lassen die Fusion der ARD-Digitalsender Eins Plus und Eins Festival im letzten Moment platzen: Wir sind uneins

Wir sind eins, schreibt die ARD seit gut einem Jahr in die Abspänne ihrer Sendungen im Ersten Programm, um die Zusammengehörigkeit der neun Landessender zu demonstrieren. Zwischen SWR und WDR ist es derzeit mit der Einigkeit allerdings nicht weit her - im Gegenteil: Intern ist von "atmosphärischen Störungen" die Rede, sogar von "Funkstille" zwischen den Anstalten.Grund ist die geplante Fusion der beiden Digitalsender Eins Plus und Eins Festival. Der erste kümmert sich um Service- und Wissensthemen und wird vom SWR betreut, der zweite ist beim WDR angesiedelt und zeigt Kultur und Unterhaltung. Durch eine Zusammenlegung beider Kanäle, die sich explizit an ein jüngeres Publikum wenden, hätte die ARD mit einem Schlag zu ZDFneo aufschließen können.Doch dazu kommt es nicht: Die Fusion ist überraschend gescheitert. Und das, obwohl das Konzept Ende des vergangenen Jahres fertig ausgearbeitet auf dem Tisch lag. Nach Informationen der Berliner Zeitung konnten sich SWR und WDR auf höchster Ebene allerdings nicht auf eine einheitliche Ausrichtung eines gemeinsamen Senders einigen.SWR-Intendant Peter Boudgoust formuliert es diplomatisch: "Ausschlaggebend waren vor allem finanzielle Gründe. Wir haben erkennen müssen, dass wir, auch wenn wir die Etats beider Kanäle zusammenlegen, weit davon entfernt sind, einen Jugendkanal realisieren zu können."Das ist nicht ganz einleuchtend: Durch die Zusammenlegung wären ja - ganz im Gegenteil - Verbreitungskosten zu sparen gewesen, die Redaktionen hätten auf einen gemeinsamen Etat ohne doppelten Verwaltungsaufwand zurückgreifen können. Das Problem liegt wohl eher in den unterschiedlichen Zielvorstellungen. Boudgoust glaubt fest an die Notwendigkeit eines Jugendkanals - seine WDR-Amtskollegin Monika Piel, die gerade erst den ARD-Vorsitz von Boudgoust übernommen hat, sprach sich zuletzt gegen ein solches Projekt aus.Eins Festival ist bisher vor allem auf 30- bis 50-jährige Zuschauer ausgerichtet. Beim WDR will man auf jeden Fall an dieser Fokussierung festhalten, weil sich dadurch Schnittmengen mit den bereits existierenden Programmen der ARD ergeben, die im Digitalen wiederholt werden können. Um dem Sender ein unverwechselbares Gesicht zu geben, werden auch eigene Sendungen - wie die Kulturshow "Einsweiter" - entwickelt.Im SWR hingegen glaubt man, sich stärker an den ganz Jungen, also den 14- bis 29-Jährigen orientieren zu müssen - wohl auch auf Druck der jungen Hörfunkwellen, die im Internet positive Erfahrungen mit Bewegtbild gemacht haben und nun mit Unterstützung der SWR-Hörfunkdirektion darauf drängen, stärker ins reguläre Fernsehen eingebunden zu werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Fernsehen künftig einen Teil der Verantwortung für Eins Plus an den Hörfunk abgibt - manche glauben: zu viel.In der kommenden Woche trifft sich zum ersten Mal die neue Arbeitsgruppe Programmwerkstatt, in der Entwickler von Eins Plus mit Kollegen der Hörfunkwellen SWR3 und Das Ding sitzen. Gemeinsam soll über neue Sendungen nachgedacht werden. Sylvia Storz, Hauptabteilungsleiterin Programmkoordination in der SWR-Fernsehdirektion, gibt sich Mühe, mögliche Interpretationen sofort zu korrigieren: "Es wäre ein grobes Missverständnis zu glauben, dass auf diesem Weg Eins Plus als Jugendkanal installiert werden würde." Auf die Frage, warum es nicht früher zur Kooperation mit dem Hörfunk kam, sagt sie: "Manche Ideen brauchen eine Weile, bis man sie hat."Sicher sei in jedem Fall, dass Eins Plus "grundsätzlich seinen gegenwärtigen Charakter als Ratgeber- und Servicekanal" behalte: "Dafür sorgt schon der gesetzliche Auftrag". Tatsächlich ist Eins Plus im Rundfunkstaatsvertrag eindeutig - und vor allem unveränderbar - als Programm mit den Schwerpunkten Service und Wissen festgeschrieben. Bei einer Fusion mit Eins Festival hätte man diesem Themenkorsett entgehen können. In der jetzigen Konstellation ist das nicht möglich, zumindest wenn der SWR keinen medienpolitischen Ärger heraufbeschwören will.Auch Boudgoust beschwichtigt deshalb: "Wir werden Eins Plus nicht umgestalten, sondern in diesem Programm Spielflächen schaffen, wo wir Formate für jüngere Zielgruppen ausprobieren." Wie das aussehen soll - Servicethemen auch für 16-Jährige? - lässt der Intendant offen.In jedem Fall wird eine Einbeziehung der ganz jungen Zuschauer ganz andere Mittel erfordern, weil das Programmarchiv der ARD bisher nicht gerade von Sendungen für junge Erwachsene überläuft. Vieles müsste neu produziert werden. "Dass Eins Plus künftig mehr Geld zur Verfügung steht als bisher, entspricht nicht der Realität", erklärt Storz jedoch. Und so versucht man sich beim SWR an der Quadratur des Kreises. Ein Service-Sender, der auch ganz jung sein soll, was Geld kosten wird, aber mit gleichbleibendem Etat. Ein Kunststück.Sehr viel klarer scheint die Zukunft von Eins Festival zu sein. Aus dem von Intendantin Piel freigegebenen "Innovationstopf" sollen Mittel für neue Sendungen an den Digitalkanal fließen, der sich im Herbst noch einmal neu präsentieren will: "Der Name Eins Festival ist zwar historisch gewachsen, aber nicht optimal", sagt Helfried Spitra, Leiter der Hauptabteilung Zentrale Aufgaben Fernsehen im WDR und gleichzeitig Eins-Festival-Chef. "Wir wollen zur Internationalen Funk-Ausstellung relaunchen und denken über einen neuen Namen nach, auch das Design soll sich ändern."Auf die Zusammenarbeit mit den anderen Landessendern will Spitra trotz gescheiterter Fusion setzen: "Das Ziel war immer, über Kooperationen Situationen zu generieren, die dem Kanal helfen, aber auch in die anderen Anstalten hineinstrahlen und die Verjüngung auf breitere Füße stellen." Derzeit werden neue Programmideen pilotiert, unter anderem mit dem BR und dem RBB. Es geht um "Gesprächssendungen mit unterhaltsamen Elementen". Dazu verspricht Spitra: "Der WDR wird bei Eins Festival stärker in die Vorleistung gehen."Für die Zuschauer ist die geplatzte Fusion dennoch eine schlechte Nachricht: Weil die ARD nach wie vor erklären muss, warum sie zwei Digitalsender braucht, um sich zu verjüngen, anstatt die Kräfte in einem Programm zu bündeln, das als ZDFneo-Pendant wahrgenommen werden könnte.Oder der Senderverbund ändert einfach bald sein Motto, um es an die Realität anzugleichen: "Wir sind uneins" würde derzeit jedenfalls deutlich besser passen.------------------------------Foto: Der Digitalsender Eins Plus kümmert sich um Service und Wissenschaft und den tropischen Baumfrosch.Foto: Knacki Deuser moderiert "Nightwash" auf Eins Festival.