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Syrische Flüchtlinge: Verzweifelte deutsche Verwandte

Auf der Flucht: Eine Gruppe Syrer, darunter ein Verletzter, verlässt das Land auf Pferden. Diese Menschen gelangten in den Libanon – die Nachbarn haben mehr als 2,7 Millionen aufgenommen.

Auf der Flucht: Eine Gruppe Syrer, darunter ein Verletzter, verlässt das Land auf Pferden. Diese Menschen gelangten in den Libanon – die Nachbarn haben mehr als 2,7 Millionen aufgenommen.

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AP/dpa/Hussein Malla

Berlin -

Es ist eine grausame Lotterie: Welche Verwandten sollen sie aus dem Bürgerkrieg in Syrien ins sichere Deutschland holen? Den Onkel mit der Tante, die als Richterin und Alawitin von Islamisten wie vom Assad-Regime bedroht wird? Oder vielleicht besser zwei der vielen Neffen und Nichten?

Der 24 Jahre alte Aram Ali und seine Mutter müssen Entscheidungen treffen, vor die keiner gestellt werden will. Seit 14 Jahren lebt der gebürtige Syrer mit den raspelkurzen Haaren und dem dunklen Brillengestell in Deutschland, inzwischen hat er den deutschen Pass und studiert Jura in Hannover.

Ein täuschendes Versprechen

Weil er als Student nicht viel arbeiten kann und seine Mutter mit ihrer Änderungsschneiderei auch kein großes Einkommen hat, dürfen sie nach den Vorgaben der deutschen Behörden von ihren um ihr Überleben kämpfenden Verwandten lediglich zwei zu sich nach Deutschland holen. Ihm komme es so vor, „als ob Großverdiener eine Chance haben, weiterzuleben. Die Angehörigen von Geringverdienern können dagegen in Syrien auf den Tod warten“, sagt Aram verbittert.

Pro Asyl hat den jungen Studenten zusammen mit zwei anderen in Deutschland lebenden Syrern zum Pressegespräch mit Journalisten in Berlin eingeladen. Sie sollen berichten, wie schwer es ist, Angehörige im Rahmen des Familiennachzugs hierherzuholen. Denn das Versprechen, Verwandte von in Deutschland lebenden Syrern großzügig aufzunehmen, sei eine Täuschung, klagt Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl. 76.000 Aufnahmeanträge liegen nach Angaben der Flüchtlingsorganisation bundesweit bereits vor, Plätze gibt es aber nur für 5000 Flüchtlinge.

Bund und Länder hatten bislang die Aufnahme von insgesamt 10.000 syrischen Flüchtlingen zugesagt. Die Plätze im ersten Kontingent für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge sind bereits ausgeschöpft. Das zweite im Dezember beschlossene Programm für Familienangehörige läuft gerade erst an. Daneben gibt es Länderprogramme zum Nachzug von Verwandten mit den besagten strengen Bedingungen. Burkhardt sieht es so: „Der Bund privatisiert die Kosten und schmückt sich mit der großen humanitären Geste.“

Auch Z. ist verzweifelt. Die 61-jährige gebürtige Syrerin mit dem deutschen Pass lebt seit über 30 Jahren in Köln. Ihren Namen möchte sie nicht veröffentlicht wissen, zu groß ist ihre Angst vor den Behörden, auf deren Gunst sie angewiesen ist. Denn sie hofft noch immer, dass sie ihren Bruder aus Damaskus mit seiner Frau und den drei Kindern zu sich holen darf. Mit belegter Stimme erzählt sie, dass die Familie nur durch Glück vor Kurzem einen Raketeneinschlag in ihr Wohnzimmer überlebte.

Doch Bedingung für die Reise in die Sicherheit ist, dass Z. 3000 Euro netto im Monat zur Verfügung hat – illusorisch für die Frau, die 900 Euro im Monat verdient. „Ich habe alle meine Freundinnen angerufen, ich habe die Caritas und die Kirche gefragt“, erzählt die schmale Frau mit den krisseligen Haaren und fängt an zu weinen. „Wie soll ich nur dieses Geld auftreiben? Was soll ich nur meinem Bruder sagen? Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Alle Türen sind zu“, sagt sie und wischt sich die Tränen weg.

Die Hürden sind gigantisch hoch, sagt Günter Burkhardt. Dabei ist Deutschland nicht ohne Grund für viele Syrer attraktiv. Viele haben Verwandte hier, die seit Jahrzehnten in Deutschland wohnen und inzwischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Zu wissen, dass sie in Sicherheit und Frieden leben können, während ihre Tanten, Onkel, Nichten oder Cousins in Homs, Aleppo oder Damaskus die Hölle durchmachen, lässt viele hier verzweifeln. Und die Lage wird immer dramatischer: Nachbarländer wie der Libanon oder Jordanien haben bereits so viele Flüchtlinge aufgenommen, dass die Akzeptanz immer geringer wird. Schon, um die immer brisantere Lage in der Region etwas zu entschärfen, wäre es geboten, mehr Menschen nach Deutschland zu lassen, fordert Pro Asyl. Ägypten hat bereits die Grenzen dicht gemacht für Syrer, die über Libyen einreisen wollen. In das deutsche Aufnahmeprogramm kommen aber nur die Syrer, die sich in einen Anrainerstaat Syriens gerettet haben.

Dass sie für die deutsche Bürokratie im falschen Land saß, musste auch Maya Alkhechen schmerzlich erfahren. Die 30-Jährige war mit ihrem Mann und den beiden kleinen Söhnen vor dem Bürgerkrieg nach Ägypten geflohen. Dort hoffte sie, ein Visum für Deutschland zu bekommen – immerhin leben ihr Bruder und ihre Mutter hier, sie war in Essen aufgewachsen, hatte ihr Abitur dort gemacht und sprach fließend deutsch. Nach Syrien ging sie vor acht Jahren, weil sie in Deutschland als Geduldete keine Möglichkeit hatte, eine Ausbildung zu machen. Wenn sie gewusst hätte, dass man sie nicht mehr zurücklässt, sie wäre nie gegangen, erzählt sie. Denn für die Syrer war sie immer die Deutsche, sie selbst merkte dort, wie fremd ihr das Land in vielen Dingen war. Doch ihre Bindung zu Deutschland sei der deutschen Botschaft in Kairo egal gewesen. „Das war die größte Enttäuschung.“ Und ins Bundesprogramm schaffte sie es nicht, weil sie in Ägypten war. „Uns blieb nur das verdammte Boot.“

Maya Alkhechen hatte Glück. Sie und ihre Familie überlebten die mörderische Fahrt über das Mittelmeer nach Italien und durften in Essen bleiben, obwohl sie nach den Dublin-Regeln in Italien Asyl hätten beantragen müssen. Ein Happy End gibt es dennoch nicht, denn nun zittert die gesamte Familie um ihre Schwester Rima. Auch sie sitzt in einem falschen Land fest, nämlich in Libyen. Einem Land, das gerade selbst in Chaos und Gewalt versinkt. „Letzte Woche habe ich mit ihr telefoniert, sie weiß nicht mehr, wie lange sie es dort noch aushalten kann. Es wurde geschossen, sie geht mit ihren Kindern nicht mehr vor die Tür“, berichtet Alkhechen. Entweder ihre Schwester kehrt zurück nach Syrien – oder sie wartet, bis das letzte Ersparte aufgebraucht ist und sie auf der Straße betteln muss. „Vor dieser Frage stand ich vor acht Monaten auch.“ Maya Alkhechen entschied sich, die Fahrt über das Mittelmeer zu wagen. Es ist gut gegangen. Doch sie hat Angst, dass ihre Schwester nicht so viel Glück haben wird.