image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Terrororganisation IS rekrutiert: Islamischer Staat wirbt auf sozialen Medien

Terroristen der IS an einem Kontrollpunkt in Kurdistan

Terroristen der IS an einem Kontrollpunkt in Kurdistan

Foto:

Reuters

Frau Saltman, der Terrorist, der den US-Journalisten James Foley enthauptet hat, soll ein Brite sein. Welche Rolle spielen ausländische Kämpfer in der IS-Miliz?

Schätzungen zufolge gibt es 500 britische IS-Kämpfer, europaweit gehen wir von 2 000 bis 3 000 aus. Dass sie die Enthauptung von einem Briten durchführen ließen, hat mehrere Gründe. Sie demonstrieren uns damit, dass auch jemand aus der westlichen Gemeinschaft sich in einen radikalen Kämpfer der IS-Terrorgruppe verwandeln kann. Das ist schockierend, denn wir können uns nicht vorstellen, dass jemand, der hier im Westen aufgewachsen ist, so radikalisiert werden kann.

Es bringt uns auch den Terror näher.

Ja. Sie sagen uns, jeder westliche Moslem kann ein IS-Kämpfer werden. Und das Video kann zur Propaganda eingesetzt werden.

Aber wie können solch brutale Videos dazu führen, dass sich junge Männer dem IS anschließen?

Die Radikalisierung ist ein langwieriger Prozess. In der Regel findet die Vorbereitung dafür offline statt. Wir wissen, dass Extremisten sich gezielt an junge Männer in Universitäten oder im Gefängnis wenden. Früher haben wir das im Umfeld von Moscheen beobachtet, das hat nachgelassen. Die Menschen sind sensibler für solche Anwerbeversuche geworden.

Wie gewinnen sie Ausländer für den Dschihad?

Den jungen Männern wird erzählt, dass der Westen die Muslims schon immer unterdrückt hat. Online gibt es das entsprechende Material, das Gewalttaten gegen Muslims zeigt. Dann sagen sie, sie würden helfen, dass Muslims wieder die Macht gewinnen. Untermauert wird das durch die religiöse Komponente eines völlig falsch interpretierten Islams, mit dem die Gewalt theologisch gerechtfertigt wird.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke?

Eine ganz entscheidende. Der Islamische Staat hat den Umgang mit den sozialen Netzwerken radikal verändert und nutzt sie auf eine neue und sehr innovative Weise, wie wir es bei keiner anderen terroristischen Gruppe zuvor gesehen haben. Zwar haben auch andere Extremisten wie die Al-Shabaab-Miliz in Kenia beim Angriff auf das Einkaufszentrum in Nairobi getwittert, aber der Islamische Staat hat eine richtige Strategie für die sozialen Medien entwickelt.

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Leute, die Menschen in Syrien und im Irak abschlachten, eifrige Twitterer und Nutzer sozialer Netzwerke sind.

Da IS vor allem junge Männer anzieht, überrascht es nicht, dass soziale Netzwerke eine so große Rolle spielen. Jeder 16-Jährige ist vertraut mit Twitter, Instagram oder Youtube. Die jüngere Generation besitzt eine ganz andere digitale Kompetenz als Regierungsvertreter oder Anti-Terrorismusexperten.

Was können wir tun?

Derzeit beobachten wir, dass sich nur eine sehr kleine Minderheit von Leuten in den sozialen Netzwerken gegen die Radikalen stellt. Es müssten aber viel mehr Menschen sein. Wir müssen eine Gegenbewegung schaffen, die sich gegen die Propaganda im Netz stellt. Das kann aus einer theologischen Perspektive geschehen, von moderaten Imamen und religiösen Führern, die erklären, dass der Koran nicht sagt, dass du andere Menschen töten darfst. Auch junge Muslims könnten sich im Netz stärker gegen solche radikalen Stimmen stellen.

Warum geschieht das so wenig?

Die moderaten Muslims fühlen sich nicht wohl bei dem Gedanken, im Internet gegen Extremisten Stellung zu nehmen. Sie fürchten, dass sie dann Opfer einer extremistischen Gruppe werden könnten. Es gibt auch die Tendenz gerade der zweiten und dritten Generation in Europa, nicht als Moslem aufzufallen.

Und das ist ein Fehler?

Ja, wir haben bei Rassismus oder Homophobie gesehen, dass es hilft, wenn man solche Postings im Netz nicht unwidersprochen stehen lässt. Wenn sich heute einer im Internet rassistisch oder homophob äußert, gibt es eine große Community, die online dagegen vorgeht. Bei islamistischer Propaganda geschieht das leider nicht.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.