Theater

„Die letzte Kommune“ am Grips Theater: Alters-WG mit Veteranen der Mitbestimmung

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Das Leben ist schöner, wenn man nicht allein ist.
Das Leben ist schöner, wenn man nicht allein ist.
Foto: David Baltzer

68er-Klischees kommen im Grips Theater durchaus authentisch rüber. "Die letzte Kommune" heißt das neue Stück von Peter Lund und Thomas Zaufke - drei energetische Stunden zwischen Sentimentalität und Schnoddrigkeit.

Mitunter kann auch die Schwarzmalerei schön und bunt ausfallen: „Manchmal ist das Leben total beschissen“, mault Enkel Philipp (Paul Jumin Hoffmann) mit rotzigem Charme zu seinem Großvater Friedrich hinüber, „ändert sich das irgendwann mal?“ − „Das“, gibt der große alte Grips-Theaterkopf Dietrich Lehmann gibt mit knochentrockenem weisem Witz zurück, „ändert sich nie“. Den beiden sind gerade die Frauen weggelaufen. Sechzig Jahre Altersunterschied, aber die Probleme bleiben irgendwie immer gleich. Hat auch was Tröstliches.

Das Grips Theater eröffnet seine Saison mit einem reichen Generationen-Musical „Die letzte Kommune“, aus der Feder des eingefleischten Musiktheaterkomödien-Duos Peter Lund und Thomas Zaufke. Kurz bevor Opa Friedrich von seiner Tochter ins Pflegeheim abgeschoben wird, fasst er gemeinsam mit seinem Kommunen-Kumpel von anno 1968 Hannes (mit Rockerzopf und roter Hammer-und Sichel-Gürtelschnalle: Christian Giese) den Entschluss, eine Alterswohngemeinschaft aufzumachen.

In die WG zieht bald nicht nur die launig umherflirtende, pflegeheimflüchtige Josi (Regina Lehmnitz) ein, sondern auch der Nachwuchs: Hannes’ ökologisch engagierte Enkelin Lotte (Maria Perlick) und der obdachlose Lebenskünstler Atze (Kilian Ponert).

Bis sich die wilde Mischung gefunden hat, braucht es etwas Anlauf. Nach vierzig von gut hundertachtzig Minuten kommt erst der zweite Song, der eigentlich einen Auftakt signalisiert: „Red nicht. Mach es!“ Aber dann hebt der Abend in der Regie von Franziska Steiof ab, findet den idealtypischen Grips-Rhythmus im Wechsel von Sentimentalität und Schnodderigkeit.

Harte Konfliktthemen rund um Altersdemenz, Pflegeverantwortung und Selbstbestimmung bis hin zum Freitod werden mit schnellen, aber sorgfältigen Strichen in das tendenziell sozialharmonische Gemälde eingebracht. Dazu gibt es dezenten Pop-Rock mit Saxophon-Unterstützung, Gruppenchoreographien und einmal gar einen bestechend eleganten Cha Cha Cha, wenn Regine Seidler und Jens Mondalski als Eltern in mittleren Jahren ihre Lasten als „Sandwich-Generation“ besingen.

Man denkt sich derzeit häufiger: Die 68er sind eigentlich die neuen Ostfriesen; Witze über das Kommunenleben zünden so sicher wie ein Tischfeuerwerk an Silvester. Landauf, landab (etwa in Potsdam) läuft gerade John von Düffels Soap-Komödie über eine altlinke WG „Alle sechzehn Jahre im Sommer“.

Auch in „Die letzte Kommune“ wird viel mit Stereotypen aus der alten Zeit jongliert, wird viel verlacht. Aber am Grips, dem traditionsreichen Mitbestimmungstheater, wird solch ein Lachen doch selbstreflexiver, authentischer, nie sarkastisch. Und nie nur einseitig rückwärtsgewandt: „In jedem alten Sack steckt ein junger Sack, der sich wundert, was mit ihm passiert“, sagt Friedrich einmal. Ein Brückenschlag zwischen den Generationen.

Die letzte Kommune, Grips Theater, 5., 7., 8. Okt., 28.-30. Nov., 19.30 Uhr, Karten unter Tel.: 39 74 74 77

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