Theater

Schaubühne Berlin: Dann sterben sie noch heute

Von 
Thomas Bading und Ingo Hülsmann entspannen sich in der Wanne.
Thomas Bading und Ingo Hülsmann entspannen sich in der Wanne.
Foto: David Baltzer
Berlin –  

Glanzvoll verwahrlostes Erbe: Alvis Hermanis inszeniert Gorkis „Sommergäste“ an der Schaubühne - eben jenes Stückes, das in der Peter-Stein-Inszenierung von 1974 zum Inbegriff der Schaubühnen-Ensemble-Legende geworden ist.

Haben sie in der Schaubühne mit Absicht die Heizung ein bisschen höher gedreht? Oder ist das schon ein auf das körperliche Empfinden übergreifender Effekt der Einbildung? Liegt es an den zirpenden Zikaden? An der in erotischen Träumen schwitzenden Dame auf dem abgeranzten Kanapee?

Lösen die üppig durch die geborstenen Fenster herein- und die abblätternden Wände hinaufwuchernden Pflanzen den Brutkasten-Effekt aus? Es wird jedenfalls immer schwüler und stickiger in der einstmals opulenten und eleganten Sommerfrische-Villa, die in einer seit Jahrzehnten andauernden Sommerfäule vor sich hin gammelt: eine Datscha im lautmalerisch-matschigen Sinn des Wortes.

Und die Leute, die in ihr vegetieren, heißen nicht weniger schlapp: Datschniki. So lautet der Originaltitel von Maxim Gorkis „Sommergästen“, eben jenes Stückes, das in der Peter-Stein-Inszenierung von 1974 zum Inbegriff der Schaubühnen-Ensemble-Legende geworden ist. Wie jung sie alle waren! Und wie alt die Jungen heute sind! Am Freitag, nach dem dreieinhalbstündigen Premierenabend setzte in Berlin schädelzermürbendes Dunstglocken-Tauwetter ein. Zufall?

Mit letzter Kraft

Der inszenatorische Ansatz des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis und seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Kristine Jurjane ist von narkotischer, verwahrloster Prächtigkeit. Wenn nicht der Gatte jener feucht träumenden Warwara (Ursina Lardi) Rechtsanwalt Sergej Bassow (Ingo Hülsmann) mit letzter, schniefender Kraft einen Selbstmordversuch unternehmen würde, brächte der Abend überhaupt keine Energie auf, um in Gang zu kommen. Bassow legt sich im Halbdunkel eins von den Kabeln um den Hals, die aus dem in Sowjetzeiten nachgerüsteten, also in den Stuck gerammten Sicherungskasten quellen, und lässt sich fallen: Kabelriss, Kurzschluss, Zündung, das Licht geht an. In den Augen der defilibrierten Warwara schwimmt noch ein Rest von Seligkeit. Sie ist ihrem Gatten nicht übertrieben böse für diese Störung und auch die dösig-aggressive Zudringlichkeit, mit der er sich nun über sie hermacht, lässt sie in ihrer stumpfen Biegsamkeit über sich ergehen. Ist auch egal.

Andere weich- und schwerknochige Vertreter einer sterbenden Klasse kommen, gehen oder bleiben. Sie fallen übereinander her, klagen, saufen, lesen, schimpfen, versuchen sich erfolglos zu suizidieren und schlafen mitten im Leiden übereinander hingestreckt immer mal wieder ein. Eine Handlung, die von der Stelle rücken würde, gibt es nicht. Man sieht fast die zerfetzten Nerven wie feuchte Zotten aus den Figuren hängen und über den Boden schleifen, es gibt keine Scham mehr, keine Rücksicht in dieser von Sattheit und Schlafübermaß verwahrlosten Luxus-Welt.

Die Müdigkeit ist natürlich ansteckend. Sogar der im Durcheinander der Bühne herumtappende, hier und da ein Leckerli aufspürende und mit schmatzender Lebenslust Wasser saufende Hund nimmt zwischendurch die Gelegenheit für ein kultiviertes Nickerchen wahr. Es scheint fast, als würde Hermanis eine Séance mit dem Publikum feiern wollen, ein freundschaftliches, alle metaphysischen Grenzen verwischendes Sleep- and Dream-in. Manche Zuschauer nehmen das Angebot vertrauensvoll an, aber sie verpassen doch etwas.

Ohne Hut

Im schönsten Moment des Abends schießen Ernst Stötzner die Tränen in die Augen. Er ist der reiche Onkel namens Doppelpunkt, der seine Fabriken verkauft hat und nun seine Millionen im Einkaufswagen herumschiebt. Im Kreis der Sommerfrischler fällt ihm auf, wie einsam er ist, und dass er auch noch seinen Hut verloren hat.

Der lustigste Moment gehört Niels Bormann, wie er im Zorn die Sofakissen traktiert, weil Warwara in aller Kraft- und Ratlosigkeit sein Liebesgeständnis unerwidert lässt. Auch eindrücklich: Robert Beyer und Cathlen Gawlich, wie sie als überfordertes, sich heulend hassendes Elternpaar eine scheppernde Hausmanns-Sexnummer hinbrettern, ohne erst die Stahlrohrstühle abzustellen, immerhin: Leben! Und wie starr der starre Blick von Judith Engel als zu früh Vertrocknete starrt − bevor er doch noch schmilzt.

Wenn man den Augenzeugen der Stein-Aufführung von vor knapp vierzig Jahren glauben will (man kann versuchen, es anhand der auf DVD verfüglichen Verfilmung nachzuprüfen), bestand die Kraft der Inszenierung in der Homogenität des Ensembles, in der Menschwerdung auch der kleinsten Nebenrolle.

Das ist in der Schaubühne heute nicht der Fall. Viel zu oft überlagert die Regieanweisungserfüllung das eigentliche Spiel. Was ist zum Beispiel mit David Ruland los? Sein Samyslow ist nichts als ein debiler Sabbertrottel. Und Ingo Hülsmann kann sich seine Jetzt-bin-ich-dran-Manieriertheit auch nicht verkneifen. Jenny König und Moritz Gottwald, die die nächste Generation verkörpern, hat Hermanis so gut wie weginszeniert. Vielleicht hätte er sie einfach streichen sollen. Vielleicht gibt es keine nächste Generation. Peter Stein würde unbedingt zustimmen, schade, dass er nicht mal vorbeigekommen ist.

Sommergäste 18., 21., 22., 25. Dezember, 8., 9. Januar, jeweils 19.30Uhr in der Schaubühne, Tel.: 890023

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