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Todenhöfer zum Atomabkommen: „Verzicht auf Triumphgeheul“

Jürgen Todenhöfer,73, war von 1972 bis 1990 CDU-Bundestagsabgeordneter; später machte er sich als Kenner der islamischen Welt einen Namen und schrieb das Buch „Du sollst nicht töten“.

Jürgen Todenhöfer,73, war von 1972 bis 1990 CDU-Bundestagsabgeordneter; später machte er sich als Kenner der islamischen Welt einen Namen und schrieb das Buch „Du sollst nicht töten“.

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dpa

Herr Todenhöfer, im Atomstreit mit dem Iran scheint ein Durchbruch gelungen zu sein. Zufrieden?

Ja. Die Weichen für eine vernünftige Lösung sind gestellt. Außerdem ist die Welt vorerst vor einem gefährlichen Krieg Israels und der USA mit dem Iran bewahrt. Die USA versuchen es – anders als in Afghanistan, dem Irak und Libyen – erfreulicherweise zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder mit Verhandlungen statt mit Krieg.

Haben die Sanktionen gewirkt?

Es waren nicht die Sanktionen, die den Iran in die Knie gezwungen haben. Teheran hat den USA vielmehr schon vor dreieinhalb Jahren einen umfassenden, konstruktiven Verhandlungsvorschlag gemacht. Ich habe ihn damals selbst überbracht. Er ist im Kern Grundlage der heutigen Lösung. Damals hatte Barack Obama jedoch Sorge, eine Übereinkunft mit dem seinerzeitigen Präsidenten Ahmadinedschad nicht durch den Kongress zu bekommen und seine Wiederwahl zu gefährden.

Es handelt sich um eine Übergangslösung. Hält sie?

Ja, denn die USA und der Iran wollen das Problem lösen. Es gibt allerdings Widerstände – in konservativen Kreisen des Irans und im US-Kongress. Die deutsche Politik sollte mithelfen, sie zu überwinden. So sollten wir auf jedes Triumphgeheul verzichten. Für die Iraner ist ganz wichtig, dass ihre nationale Würde respektiert wird. Das ist nach über 30 Jahren Isolation verständlich. Obama müssen wir unterstützen, in dem wir klar machen, dass diese Lösung im Interesse Amerikas liegt.

Es gibt auch Widerstand in Israel.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spielt in dieser Frage eine historisch unglückliche Rolle. Er handelt überhaupt nicht im Interesse seines Landes. Er will sich offenbar aus innenpolitischen Gründen das Feindbild Iran erhalten. Dabei wird es Israel schwer haben, in einer Welt von Feinden zu überleben. Durch eine Aussöhnung der USA mit dem Iran könnte sich am Ende auch das Verhältnis Israels zum Iran normalisieren. Dafür gibt es jetzt viel größere Chancen.

In westlicher Wahrnehmung rühren die Konflikte auch daher, dass der Iran die israelfeindliche Hisbollah im Libanon und die israelfeindliche Hamas in Gaza unterstützt.

Sie haben zu recht gesagt: westliche Wahrnehmung. Die USA haben alle Länder des Mittleren Ostens, die nicht auf der amerikanischen Linie liegen, systematisch dämonisiert und zu Feinden des Weltfriedens stilisiert, die man dann militärisch angreifen müsse. Iran ist jedoch kein aggressives Land. Es hat in den letzten 150 Jahren kein anderes Land angegriffen, die USA aber allein seit dem Zweiten Weltkrieg 37. Und in der Region geht ohne den Iran nichts mehr. Die Lage im Mittleren Osten ist äußerst angespannt. Sie erinnert an die Lage auf dem Balkan vor dem Ersten Weltkrieg.

Ist die Lösung eine Zeitenwende?

Ja, wenn der Westen auch bei den anderen Krisen in der Region Verhandlungen den Vorrang vor Kriegen gibt.

Das Gespräch führte Markus Decker.