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Über Berlin reden
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Lassen Sie uns über Berlin reden (VI): „Die Stadt ist voller Aggressionen“

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Nur zu Besuch: Florian Lukas hat Berlin vor acht Jahren den Rücken gekehrt und ist ins Umland gezogen. Erst mit diesem Abstand konnte er die Stadt wieder ertragen.
Nur zu Besuch: Florian Lukas hat Berlin vor acht Jahren den Rücken gekehrt und ist ins Umland gezogen. Erst mit diesem Abstand konnte er die Stadt wieder ertragen.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Florian Lukas musste erst aus Berlin wegziehen, um sich wieder mit seiner Heimatstadt anzufreunden. Im Interview erzählt der Schauspieler, was er an Bayern mag und warum es auch ganz normal sein kann, sich nicht die ganze Zeit anzuschnauzen.

Herr Lukas, seit Sie 2007 „Nordwand“ drehten, machen Sie jedes Jahr eine Bergtour. Möchten Sie im nächsten Leben in einer Hütte in den Bergen wiedergeboren werden und nicht mehr in Berlin?

Au ja.

In Bayern vielleicht?

Ich mag die Bayern. Tut mir leid.

Das macht doch nichts. Was mögen Sie an ihnen?

Ich mag den Dialekt, die Wirtshauskultur. Im Biergarten wird man mit einem verbalen Schulterklopfen begrüßt und ist willkommen. Diese bayerischen Wirtshäuser sind ein Querschnitt der ganzen Bevölkerung. In Berlin findest du so etwas eigentlich nur im Ikea-Restaurant, dass Leute aus allen Schichten in einem Raum sitzen und Kaffee trinken. Diese Separierung ist auch etwas ganz Komisches an dieser Stadt.

Ist diese Separierung in München nicht viel stärker als in Berlin? Dort funktioniert sie doch ausschließlich über Geld.

Finden Sie? Wer schon mal im Borchardt war, der sieht das vielleicht anders.

Also treffen wir Sie eher im Hofbräu am Alexanderplatz?

Auf keinen Fall. Das ist kein Ersatz für bayerische Wirtshäuser. Das ist Tourismus und Disneyland.

Nun sind Sie in diesem Leben ja nicht in den Bergen geboren, sondern im platten Berlin. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Heimatstadt?

Berlin ist meine Stadt, mehr als jede andere. Aber Heimat? Die ist, glaube ich, verloren gegangen. Ich bin ja im Prenzlauer Berg aufgewachsen, und dort fühle ich mich fremd. Wie ein Tourist.

Wegen all der Soja-Latte-Trinker und der Mütter vom Kollwitzplatz?

Es sind einfach die Leute, die dort leben. Mit denen habe ich nicht viel gemeinsam. Ich behaupte mal, es fehlt dort die Lebenseinstellung, dass Berlin eine Stadt sein sollte, in der jeder seinen Platz hat. Prenzlauer Berg ist zu bürgerlich – in einer eigentlich proletarischen Umgebung. Stöckelschuhe auf Berliner Pflaster, das passt halt nicht zusammen. Ich kenne den Bezirk ja noch aus einer Zeit, die heute niemanden mehr interessiert.

Aus den 70er- und 80er-Jahren, aus Ihrer Kindheit und Jugend also. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Damals habe ich Prenzlauer Berg nicht bewusst als bedrückend empfunden. Die marode Bausubstanz, das Heruntergekommene habe ich nicht wahrgenommen, weil ich es nicht anders kannte. Mir fiel erst auf, wie es dort aussah, als ich Jahre später meinen ersten Film wieder sah, der 1990 am Wasserturm gedreht wurde. Da stellte ich fest, wie tot und deprimierend es dort war.

Wann hat die Entfremdung mit Prenzlauer Berg angefangen?

Einige Zeit nach der Wende. Ich habe 1992 mein Abitur gemacht und war zu der Zeit viel in Cafés in Mitte und Prenzlauer Berg unterwegs. Damals kamen schon die Leute aus Schöneberg rüber und hingen vor der Szenebar „Obst und Gemüse“ auf der Oranienburger Straße ab, zwischen all der Hundekacke. Was daran gut sein sollte, habe ich nicht mehr verstanden. 1998 war mir die ganze Gegend schon sehr fremd geworden, da habe ich mich dann verabschiedet. Ich wollte von diesem Gepose und Schickimicki weg.

Und in Kreuzberg, wo Sie dann hinzogen, ging es Ihnen besser?

Ja, in Kreuzberg 61 habe ich mich sehr wohlgefühlt. Dort fand ich das Berlin wieder, das ich vorher verloren hatte. Allerdings fing ich auch früh an, viel zu reisen. Und stellte dabei fest, dass es nicht normal ist, sich die ganze Zeit anzuschnauzen.

Sie meinen die sprichwörtliche Berliner Schnauze?

Da musste ich mich echt umstellen. Gerade in München, wo es vielleicht auch ruppig zugeht, aber mit mehr Herzenswärme. Die Leute dort haben sich sehr gewundert über meinen Tonfall, und für mich war das total normal. In dieser Hinsicht hat sich Berlin zwar verändert, weil viele Leute von auswärts hierher gekommen sind. Aber immer noch gilt, wenn du dich in normalen Berliner Kreisen bewegst, verdienst du dir mit ’ner Ansage überhaupt erst Respekt und Gehör. Das finde ich sehr anstrengend, nach wie vor.

Sind Sie inzwischen frei von der Berliner Ruppigkeit?

Ich bin auch ein typischer Berliner mit diesem Gemeckere. Aber es ist doch peinlich, wie manche Busfahrer oder Bahnmitarbeiter die Leute behandeln, die hierher kommen. Und wie jetzt so ein Touristenbashing einsetzt. Das ist doch das Beste an Berlin überhaupt, dass die Leute hierher kommen, dass man all diese Sprachen hört.

2004 sind Sie mit Ihrer Familie nach Kleinmachnow gezogen. Weil Ihnen Kreuzberg auch zu viel wurde?

Mit kleinen Kindern wurde die Gegend echt zu anstrengend. Man bewegt sich nur auf diesen Spielplätzen. Ständig muss man aufpassen, dass man nicht von irgendwelchen Autos oder Fahrradfahrern umgenietet wird, nur weil man es mit dem Kinderwagen nicht rechtzeitig über die Ampel schafft. Niemand hält einem die Tür auf oder hilft beim Kinderwagentragen.

Ist Berlin also kinderfeindlich?

Vielleicht hat sich das geändert, aber vor zehn Jahren habe ich das so empfunden. Die Schulsituation war auch ein Argument, aus Kreuzberg wegzugehen. Wenn man sich mit seinen zwei Mädchen Schulen anschaut und dann als Deutscher von türkischen Jungs beschimpft wird, das fand ich nicht akzeptabel. Ich hatte auch keine Lust, meine Kinder eine Dreiviertelstunde durch die Stadt zu fahren. Insofern hat Kleinmachnow unser Leben echt einfacher gemacht.

Das klingt nach einem Befreiungsschlag. Endlich raus aus Berlin!

Na klar. Seit ich nicht mehr gezwungen bin, ständig hier zu sein, habe ich mich sogar wieder ein bisschen mit Berlin angefreundet. Seit zwei Jahren habe ich wieder eine Wohnung in Kreuzberg. Aber in Kleinmachnow können die Kinder sich frei bewegen, mit einer Selbstständigkeit, die sie in der Stadt nicht hätten. Man kann dort für sich sein, nah an der Natur, während die Stadt einfach voller Aggressionen ist.

So schlechte Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ganz ehrlich, wenn Berlin irgendwann die billigen Mieten nicht mehr hat, verliert die Stadt das einzige große Pfund. Die Infrastruktur ist armselig, die Architektur planlos. Du wirst angeschrien, weil dein Fahrradlicht blinkt und kein Dauerlicht hat. Schauen Sie sich das S-Bahn-Chaos an oder die schlecht ausgebauten und gefährlichen Fahrradwege. Berlin ist nach wie vor eine Autostadt, das ist echt peinlich.

Was meinen Sie mit planloser Stadtarchitektur?

Ich lese gerade „Spazieren in Berlin“ von Franz Hessel aus den 20er- Jahren. Er beschreibt darin auch viel Architektur, die verschwunden ist, und da blutet mir nach wie vor das Herz. Ich fühle mich in Berlin wie in einer Art repariertem Ruinenfeld

Welche Gebäude fehlen Ihnen besonders schmerzlich?

Was fehlt, ist eine Stadtstruktur, Sichtachsen, ein urbanes Gefühl. Ich bin immer traurig, wenn ich nach London oder Paris fahre, in all diese unzerstörten Städte mit Tradition in der Baugeschichte. Ich vermisse zum Beispiel das Stadtschloss, das muss ich echt sagen.

Und den Palast der Republik?

Den vermisse ich nicht, weil das einfach ein hässliches Gebäude war.

Am Schloss mäkeln viele herum, es koste zu viel und bediene eine gewisse Retroverknalltheit.

Na bitte, wenn jemand Ideen zu einer besseren Architektur anzubieten hat, gerne! Das ist aber nicht gelungen in den letzten Jahrzehnten. Mir fällt kein gelungener Neubau ein, außer vielleicht ein paar Häuser am Pariser Platz. Es hat einfach niemand mehr geschafft, aus Berlin eine funktionierende Stadt zu machen. Und es gibt zu wenig Leute in der Stadt, die Verantwortung übernehmen und Geschmack haben. Das Einzige, was denen einfällt, sind diese Bären.

Sie meinen die Buddy-Bären?

Ja. Schrecklich. Das ist wirklich provinziell.

O. k., Herr Lukas, das Interview neigt sich dem Ende zu. Liegt Ihnen noch etwas auf dem Herzen?

Habe ich schon darüber gesprochen, was ich an Berlin mag?

Ja. Sie mögen Kreuzberg.

Nach wie vor. Wenn ich sage, das ist meine Stadt, spreche ich von Kreuzberg. Weil es ein vielfältiger Stadtteil ist, der nicht mit hippem Luxus verfälscht wurde. Es gibt dort nach wie vor eine gute Mischung. Das ist in Deutschland einmalig und fühlt sich nicht so provinziell an wie viele andere Teile der Stadt.

Das Gespräch führten Anne Vorbringer und Marcus Weingärtner.

„Reden wir über Berlin ...“ heißt unsere Interviewreihe im Lokalteil. Alle bisher erschienen Gespräche lesen Sie in unserem Online-Dossier zur Serie.

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