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Über Berlin reden
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Lassen Sie uns über Berlin reden (VII): „Berliner sind handfest“

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Als Cynthia Barcomi ihr Café eröffnete, hatte sie keine Ahnung, wie man das macht. Heute ist sie erfolgreich.
Als Cynthia Barcomi ihr Café eröffnete, hatte sie keine Ahnung, wie man das macht. Heute ist sie erfolgreich.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann
Berlin –  

Ob KaDeWe, Adlon, das Jüdische Museum, oder die US-Botschaft: Alle wollen Cynthia Barcomis Bagels, Brownies und New York Cheesecake. Im Interview erzählt die Amerikanerin, wie sie es geschafft hat, ein Stück ihrer Heimat in Berlin zu etablieren.

Frau Barcomi, Sie sind 1985 nach Berlin gezogen. Das war eine Zeit, in der Berlin als grau und düster galt und in erster Linie Wehrdienstverweigerer in die Stadt kamen. Was hat Sie hergeführt? Sie waren 21, Tänzerin und lebten in New York.

Ich war völlig naiv. Ich hatte mein Studium abgeschlossen und viel von Pina Bausch gesehen, eine Form des Tanztheaters, die wir in Amerika nicht haben. Das fand ich interessant. Und ich dachte, dass es für mich als Amerikanerin viel besser ist, in Europa zu leben und Amerika zu besuchen als umgekehrt. In Berlin habe ich sofort die Windpocken bekommen. Ich dachte, ich sterbe gleich.

An Windpocken stirbt man nicht.

Das weiß ich auch, aber damals konnte ich kein Deutsch, und im Krankenhaus hörte ich nur das Wort Windpocken. Es klang gefährlich.

Was haben Sie damals in Berlin gemacht?

Ich habe ein Zimmer in der Grolmannstraße am Savignyplatz gefunden und einen Deutschkurs am Goethe-Institut in der Knesebeckstraße belegt. Das klingt schön, aber ich war sehr, sehr einsam. In New York hatte ich immer das Gefühl, dass ich von zu vielen Sachen umgeben bin, die mein Leben bestimmen. Dass ich dem Leben hinterher jage. In Berlin war plötzlich nichts, was mich gejagt hat.

Haben Sie an Rückkehr gedacht?

Es war wirklich sehr unangenehm, aber ich dachte, da musst du durch. Dann habe ich Frauke Hoffmann kennengelernt, eine Tänzerin, die in New York studiert hatte. Da dachte ich, okay, hier ist eine Gemeinsamkeit. Das ist ein Anfang. Nun lebe ich länger in Berlin als sonst wo auf der Erde. Ich fühle mich jetzt hier zu Hause. Ich liebe Amerika, aber meine Kinder würde ich da nicht großziehen wollen.

Wieso denn das nicht?

Europa ist viel ausgewogener. Und wir lieben es, dass unsere Kinder zweisprachig aufwachsen.

Glauben Sie, dass alle Ausländer in Berlin das so empfinden?

Als Ausländer geht man durch verschiedene Phasen, glaube ich. Wenn man am Anfang die Sprache nicht gut kann, kriegt man wegen der Sprachbarriere einiges nicht mit. Dann lernt man die Sprache und stellt fest, dass die Deutschen ganz anders sind als die Amerikaner. Danach kommt die Zeit, wo man das persönlich nimmt. Man findet die Berliner so unfreundlich. Und dann lernt man die Berliner Art schätzen. Berliner sind so handfest.

Sie haben drei Töchter und einen Sohn, die alle in Berlin geboren wurden. Ihr Sohn heißt Jaeger. Wie sind Sie denn auf diesen Namen gekommen?

Mein Mann und ich sammeln Uhren, und Jaeger LeCoutre ist eine Uhrenmarke. Als ich schwanger war, sagte mein Mann: Lass uns ihn Jaeger nennen. Ich sagte: Kannst du dir nicht einen anderen Namen ausdenken? Das wird nicht einfach für ihn. Aber ich habe zugestimmt. Jaeger ist jetzt acht und geht auf die Pestalozzischule. Die liegt im Wald.

Ihre ersten Jahre in der Stadt fielen mit dem Fall der Mauer zusammen. Hat diese Zeit sie geprägt?

Ich habe ständig gestaunt. Sonntags wurde Ananas auf der Straße verkauft, und Bananen und Orangen, all diese Südfrüchte. Berlin war wirklich im Aufbruch, aber ich war Tänzerin. Ich habe mein Leben nur im direkten Bezug mit der Bühne verstanden, ich hatte keinen Gesamtüberblick.

1994 haben Sie etwas ganz anderes begonnen. Sie haben Ihr erstes „Barcomi’s“-Café aufgemacht. Das war ein winziger Laden in Kreuzberg, wo sie Bagels gebacken und Kaffee geröstet haben. Wie ist es dazu gekommen?

Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwei Kinder und wollte mich von meiner Familie lösen, einfach etwas anderes machen. Etwas, das eine riesengroße Herausforderung für mich ist. Ich weiß gar nicht, wie ich auf diese Idee gekommen bin. Kuchen backen konnte ich von meiner Mutter und meiner Großmutter. Amerikanisches Gebäck ist ja nicht unbedingt die hohe Kunst, Amerikaner backen jeden Tag. Wie man Kaffee röstet, wusste ich überhaupt nicht. Das habe ich in der Staatsbibliothek nachgelesen. Mit meinem Konzept bin ich zu verschiedenen Banken gegangen, die alle den Kopf geschüttelt haben. Ausländerin, Frau, Gebäck? - Danke, nein!

Haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Im Gegenteil. Ich hatte zwar keine Ahnung, aber dadurch hatte ich auch keine Grenzen. Ich wusste einfach nicht, dass man es so wie ich nicht macht.

Würden Deutsche auf diese Weise ein Geschäft eröffnen?

Oh Gott, auf keinen Fall! Selbstständigkeit in Deutschland, da ist jeder Schritt wie eine Prüfung. Deutsche bereiten sich darauf vor.

Am Anfang lief Ihr Café nur schleppend.

Die Berliner kannten keine Bagels, deshalb hatten die Banken auch gesagt, oh Frau Barcomi, was für ein Risiko! Ich dachte, was für ein Risiko meinen die, ich kriege das gut hin. Ich meine, Amerikaner gehen in einen neuen Laden rein und sagen, ich mag das oder ich mag das nicht. Die Deutschen haben bloß das Gesicht gegen die Scheibe gepresst. Ich dachte okay, jetzt merkst du, was ein Risiko ist. Nicht panisch werden. Tief durchatmen. Dann habe ich Bagels an Angelschnüren ins Fenster gehängt. Das hat Leute reingelockt.

Inzwischen haben Sie zwei große Cafés, eins in der Bergmannstraße, eins in den Sophie-Gips-Höfen. Sie haben jahrelang das KaDeWe und das Adlon beliefert, Rezepte für Schwartau entwickelt. Sie schreiben Kochbücher. Sie arbeiten für das Deutsche Guggenheim Museum, für Nike, Kiehls, die amerikanische Botschaft und das Jüdische Museum. Warum kommen die alle zu Ihnen?

Weil wir ein Stück Amerika in Berlin sind. Ohne die amerikanische Flagge an der Wand und bunte Streusel auf dem Zuckerguss.

Genießen Sie es eigentlich Chefin zu sein? Dass Sie dirigieren und nicht mehr dirigiert werden?

Ja. Ich bin die Choreographin. Es ist mein Geschäft. Es gibt da Spielraum, aber keine Grauzone. Das will ich nicht, dann ist es nicht mehr meins, sondern irgendeine Idee.

Das klingt so, als seien Sie ein unangenehme Chefin.

Ich bin die Person, die die Entscheidungen trifft. Ich mache weder etwas besser noch etwas schlechter als andere, aber ich treffe die Entscheidungen. Ich gehe jeden Tag selbst in die Küche und gucke mir den Teig an. Weil das möglich sein muss, will ich mich auch nicht an weitere Geschäfte binden.

Aber am neuen Flughafen wollten Sie doch einen Laden aufmachen.

Die Idee fand ich gut, weil „Barcomi’s für Berlin steht. „Barcomi’s gibt es nur in Berlin. Zum Glück hat sich der Investor gegen uns entschieden.

Sie sind eine jüdische Familie. Welche Rolle spielt Religion bei Ihnen zu Hause?

Wir gehen in die Synagoge. Aber wir sind nicht streng.

Feiern Sie Weihnachten?

Wir feiern Weihnachten und Chanukka. In Deutschland gab es Anfang der 20er Jahre so eine Reformbewegung, die haben Weihnukka gefeiert, mit einem Baum und dem achtarmigen Kerzenleuchter. Die haben versucht, sich zu assimilieren.

Ist es das, was Berlin ausmacht?

Die Mischung. Die Gegensätze. Ausländer, die ihre Kultur herbringen. Viele unterschiedliche Leute an demselben Platz. Andererseits gibt es die Fälle von Schlägereien und rassistischen Überfällen, wo man die Luft anhält. Gerade in letzter Zeit. Ich nehme nicht die S-Bahn, ich fahre immer mit dem Auto. In New York habe ich mich viel sicherer gefühlt, weil es viel besser überwacht ist. Viele stört es auch, dass viele Ausländer nicht richtig Deutsch können.

In New York können viele Ausländer nicht richtig Englisch und es stört keinen Menschen.

Das stimmt. Den Leuten ist das egal. Hier haben Ausländer mit deutschem Pass, die genauso deutsch sind wie Angela Merkel, ein Problem sich zu integrieren, wenn sie die Sprache nicht sprechen.

Das Interview führte Annett Heide.

„Reden wir über Berlin ...“ heißt unsere Interviewreihe im Lokalteil. Alle bisher erschienen Gespräche lesen Sie in unserem Online-Dossier zur Serie.

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