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Über Berlin reden
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Über Berlin reden (IX): „Wowereit regiert wie ein Sonnenkönig“

Politikwissenschaftler und Kabarettist Hannes Heesch parodiert am liebsten Wowereit.
Politikwissenschaftler und Kabarettist Hannes Heesch parodiert am liebsten Wowereit.
Foto: AKUD/Lars Reimann
Berlin –  

Der Politikwissenschaftler Hannes Heesch spielt beim Kabarettistischen Jahresrückblick im Mehringhoftheater mit. Er parodiert den Bundespräsidenten und den Regierenden Bürgermeister - und hat einiges über die Hauptstadt zu erzählen.

Kanzlerin Angela Merkel ist dabei, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, Bundespräsident Joachim Gauck und natürlich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Der Kabarettistische Jahresrückblick im Mehringhoftheater ist so beliebt, dass alle Vorstellungen ausverkauft sind. Fünf Kabarettisten liefern sich Rededuelle, darunter Hannes Heesch, der sich unter anderem mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit beschäftigt. Wir sprachen mit ihm über das Jahr 2012.

Wie ergiebig war denn Berlin im Jahr 2012 für einen Kabarettisten?

Sehr ergiebig. Es gab ja reichlich Pannen.

Die verschobene Eröffnung des neuen Großflughafens bietet vermutlich Stoff für den größten Gag.

Als Berlin-Thema lag der Flughafen von Anfang an auf der Hand. Man konnte ja zunächst davon ausgehen, das wird die große Party, das große Event.

Dann mussten Sie plötzlich Ihr Programm ändern...

Als Gruppe planen wir zwar erst ab September für den Jahresrückblick, aber Gedanken macht man sich früher. Plötzlich ist der Flughafen zur Berlin-Krise geworden. Fast so wie zur Blockade 1948, da konnte man Berlin ja nur aus der Luft erreichen. Jetzt ist es umgekehrt, da kann man Berlin nicht mehr aus der Luft erreichen, zumindest nicht über den neuen Flughafen.

Zur Person: Hannes Heesch

Hannes Heesch ist 47 Jahre alt und wuchs in Hamburg auf. 1987 kam er nach Berlin, um an der FU Politikwissenschaft zu studieren. Heute ist Heesch Dozent in der Erwachsenenbildung, unter anderem am Goethe-Institut. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Charlottenburg.

Als Kabarettist parodierte er schon Willy Brandt, Helmut Schmidt, Franz Müntefering, Gerhard Schröder – und immer wieder gern Klaus Wowereit.

Er gründete Kabarettgruppen, trat in Mitternachtsshows auf oder im NDR-Satiremagazin „Extra 3“. Seit 15 Jahren ist er beim Kabarettistischen Jahresrückblick. Karten für den Jahresrückblick gibt es übrigens noch für das Gastspiel in der Komödie am Kurfürstendamm vom 13. bis 15. Januar 2012.

Wie stellen Sie das Desaster auf der Bühne dar?

In Form einer Pressekonferenz, die von Christoph Jungmann als Kanzlerin moderiert wird, das Publikum darf Fragen stellen. Ich spiele den Wowereit, Bov Bjerg den Referenten, Horst Evers den Technik-Chef des Flughafens und Manfred Maurenbrecher den Baudezernenten aus dem Landkreis Dahme-Spreewald, der schon frühzeitig gewarnt hat und im Gegensatz zu den Mitgliedern des Aufsichtsrates auch mal rausgefahren war zur Baustelle.

Könnten Sie in einer anderen Stadt auch so ein Kabarett machen?

Klar. Nehmen Sie nur die Hamburger mit ihrer Elbphilharmonie, die Stuttgarter mit Stuttgart 21. Die Kommunen übernehmen sich mit diesen Großprojekten. Früher sind die Kosten ja auch bei allen möglichen Vorhaben explodiert, aber die Häuser sind wenigstens eröffnet worden. Die Staatsoper unter Friedrich dem Großen war ja auch so ein Großereignis, die wurde innerhalb von drei Jahren hochgezogen, allerdings ohne solche Brandschutzauflagen wie heute. Und bei der jetzigen Sanierung weiß man wieder nicht, wann die fertig wird.

Sie haben sich als Kabarettist auf Klaus Wowereit spezialisiert und parodieren ihn. Was reizt Sie so an ihm?

Er ist ein interessanter Typ, ich mag ihn. Wobei mögen das falsche Wort ist. Ich habe ja auch Westerwelle parodiert und bin weit von Sympathien entfernt, was ihn betrifft. Wowereit hat durchaus schon Dinge für Berlin bewirkt, beispielsweise mit seinem Satz, ,und das ist auch gut so‘, als er seine Homosexualität öffentlich gemacht hat. Durch solche Statements kann man schon deutlich zur weiteren Verbesserung eines gesellschaftlichen Klimas der Toleranz und Offenheit beitragen. Auf der anderen Seite regiert Wowereit aber wie ein Sonnenkönig und sitzt die Probleme aus. Er lacht viele Themen einfach weg, das lässt sich fürs Kabarett gut aufgreifen.

Wie stellen Sie denn Wowereit dar, mit Perücke?

Ich föhne mir nur die Haare leicht zur Seite und nehme ein Gel. Dann trage ich ein etwas eleganteres dunkles Jackett und dazu eine einfarbige Krawatte, eine blaue oder rote, die meist so ein bisschen glänzt wie bei ihm. Und ich gehe in der Imitation stark über die Stimme.

Welche Haltung ist typisch für ihn?

Sich lächelnd zurücklehnen und genießen, ganz nach dem Motto: Es läuft doch alles. ,Berlin ist so attraktiv, dass wir gar keinen Flughafen brauchen.‘

Woher kennen Sie Wowereit so gut?

Ich habe Unmengen über ihn und von ihm gelesen, das muss sein. Ich nehme seine Auftritte auf Video oder DVD auf und gucke sie mir dann zu Hause an, studiere seine Stimme, seine Mimik und Gestik.

Sie parodieren Wowereit seit sieben Jahren, wie hat er sich verändert?

Der Wowereit dieses Jahres ist nicht mehr der alte. Er strahlt inzwischen eine gewisse Amtsmüdigkeit aus. Er wirkt auch bedrückt in diesem Jahr, klar durch die Flughafengeschichte, und die Staatsoper hat er auch noch im Schlepptau.

Kennen Sie ihn persönlich?

Nein.

Und er war auch noch nie bei Ihren Auftritten im Mehringhoftheater?

Nein, Walter Momper war mal hier, vielleicht hat der ihm von unserem Programm erzählt.

Welche anderen Berliner Skandale waren 2012 noch reif fürs Kabarett?

Die Verfassungsschutzaffäre, also das Schreddern von Akten unter Frank Henkel als Innensenator. Das ist schon ein Kuriosum, dass ein Referatsleiter für Rechts- und Linksextremismus rechts und links nicht auseinanderhalten kann.

Eine Parodie auf Henkel gibt es nicht?

Der hat noch nichts Markantes und eher eine nüchterne, sachliche, verwaltende Art, das ist fürs Kabarett schwierig.

Dafür ist Joachim Gauck offenbar gut geeignet. Sie spielen ihn in diesem Jahr auch.

Gauck liegt mir, diese verkniffene Mundpartie, die spitzen Lippen bei den Vokalen. Zu ihm kann man ja auch schöne doppelbödige Geschichten erzählen.



Zum Beispiel?

Dass ausgerechnet ein Taxifahrer als der typische Berliner Durchschnittsbürger noch vor der ganzen politischen Elite und der großen Öffentlichkeit erfährt, dass Gauck Bundespräsident wird. Das passt ins Klischee, man trifft einen Berliner Taxifahrer als erstes am Flughafen und schon hört man das Neuste über Berlin. Der Taxifahrer hatte Gauck im Februar am Flughafen aufgenommen und sollte ihn nach Hause fahren. Dann bekommt Gauck den Anruf von Merkel, sagt dem Fahrer, hinter Ihnen sitzt der neue Bundespräsident‘ und will auf einmal zum Kanzleramt.

Normalerweise hätte der typische Berliner Taxifahrer, der immer alles anzweifelt und einen Spruch parat hat, doch gesagt, ,nu is man jut‘ und hätte Gauck zu einer Notfallambulanz gebracht, weil er das nicht geglaubt hätte. Aber er hat ihn tatsächlich zum Kanzleramt gefahren, was wieder dafür spricht, dass Stereotype und Vorurteile über den typischen Berliner glücklicherweise nicht immer der Weisheit letzter Schluss sind. Beinahe hätten wir die Szene mit ins Programm genommen.

Warum haben Sie es nicht getan?

Wir haben dann lieber den ersten Besuch Gaucks, der ja auch Theologe ist, in einer Neuköllner Moschee aufgegriffen. Wie er dort von Luther spricht und der Reformation, mit seinen italienischen Markenschuhen Probleme hat oder einen Kompass dabei hat, um sich nach Mekka auszurichten. Eine Nummer, die auch schön zu Berlin passt mit seinen verschiedenen Kulturen und Religionen.

Wie üben Sie Ihre Parodien?

Mit lauter Stimme, unter der Dusche, im Arbeitszimmer, auch auf der Straße, wenn ich mich unbeobachtet fühle. Und ich übe natürlich auch vorm Spiegel, ob die Mundpartie so hinhaut und die Ähnlichkeit in der Mimik da ist.

Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky würde sich vielleicht auch für eine Parodie eignen.

Ich glaube, sein Bekanntheitsgrad ist noch nicht groß genug für eine Rolle im Kabarett. Wenn Buschkowsky Senator werden würde, dann vielleicht ja.

Heilmann?

Wer?

Der Justizsenator. Oder Finanzsenator Nussbaum?

Im Moment sehe ich kaum noch jemanden aus der Berliner Politik, der sich fürs Kabarett eignet. Renate Künast hatte ich mal versucht, als sie Bürgermeisterin werden wollte. Aber an ihr bin ich gescheitert.

Was ist so schwierig an ihr?

Sie hat so eine Mischung aus verkniffen und kämpferisch und charmant. Ich bekam diese Gratwanderung nicht hin, habe nicht den richtigen Ton getroffen, dieses Schnodderige. Andere konnten das besser.

Das Gespräch führte Sabine Deckwerth.

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