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Überall hüpfen kleine Aaron-Doubles / Das Kids-go-Music-Festival in der Arena: Pop aus 1,20 Meter Augenhöhe

Welche Musik haben Erstkläßler eigentlich vor zwanzig Jahren gehört? Waren es nicht fröhliche Kinderlieder oder die Schlager der Eltern und älteren Geschwister? Heute tummeln sich Sieben- und Achtjährige mit großer Selbstverständlichkeit in den Konzertarenen. Für die Kinder gibt es nicht nur eigene Festivals, sondern auch spezielle Fernsehsender, Shows und Zeitschriften, die intensiv über Pop berichten und ein gut ausgebautes Netz für Merchandising unterhalten. Mit Postern, Mützen und T-Shirts wird wesentlich mehr Geld umgesetzt als mit dem Verkauf von CDs. Bezeichnenderweise starten die Karrieren fast aller Boygroups derzeit in Deutschland, wo Eltern offenbar das meiste Taschengeld lockermachen. Anführer der aktuellen Kiddie-Popwelle ist der erst zehnjährige Aaron Carter. Hier hat das Management um Johnny Wright, der schon die Backstreet Boys und N SYNC etabliert hat, ein cleveres Spin-off bewiesen: Der blonde Knirps ähnelt seinem älteren Bruder Nick, dem umschwärmten Liebling der Backstreet Boys. Aaron, aufgebaut als "Backie" für die Kleineren, durfte sich im Vorprogramm der Vorbilder ausprobieren und ist mittlerweile als Hauptakteur unterwegs. Seine Fans müssen sich einiger Mühen unterziehen. Endlos ringelt sich die Schlange vor der Arena, viele brauchen mehr als zwei Stunden, um in die Halle zu kommen. Hier ist noch einmal drei Stunden Stehen angesagt, ohne Pause. Die größte Schwierigkeit ist ganz profan: Aus 1,20 Meter Augenhöhe ist vom Geschehen auf der Bühne kaum etwas zu sehen, nicht jedes Mädchen wird von einem starken Papa mit breiten Schultern begleitet. Meist sind die Mütter mitgekommen, die mit dem netten Hopse-Pop mehr anfangen können. Den Nachmittag eröffnet "Take Five", die neueste Truppe aus dem Hause Wright. Den Fünf merkt man deutlich an, daß sie erst kürzlich zusammengestellt wurden. Sie haben außer hastigen Turnübungen zum Vollplayback nicht viel zu bieten die Stimme des 17jährigen Ryan ist bei Ansagen total heiser, beim Gesang jedoch ganz glatt. Routinierter geht es zu bei 911 und No Authority, die sich in Repertoire und Auftreten kaum unterscheiden, mit poppigem HipHop und souligen Balladen die Wartezeit verkürzen. Dann endlich geht der Geräuschpegel rapide in die Höhe: Aus einer Pappmauer schälen sich mit Super-Star-Attitüde Aaron und seine zwei Mittänzer heraus. An Selbstbewußtsein fehlt es dem Unternehmen sowieso nicht: Im Intro seines Albums wird Aaron zum Nachfolger von Michael Jackson stilisiert. Auch Mama Carter, die ihren Sohn begleitet, auf seinen Unterricht, eine Spielstunde sowie seine Nachtruhe achtet, weist den Vergleich mit dem Mega-Star nicht zurück: Jackson habe ähnlich früh begonnen wie ihr Sohn. Wenn Aaron mal im Stimmbruch sei, könne er doch wie Michael im Falsett weitersingen, erklärte Miss Carter jüngst Journalisten.Doch derzeit ist Aarons herausragende Begabung nicht sein helles, reines Kinderstimmchen, sondern die Ähnlichkeit mit Bruder Nick und eine erstaunliche Kaltschnäuzigkeit im Umgang mit mehreren tausend Fans, die er dirigiert und zum Mitsingen anstiftet. Diese Star-Rolle scheint ein einziges großes Spiel für ihn zu sein. Dazu tobt sich das 1,35 Meter kleine Kind in den extraweiten Klamotten auf der Bühne aus, schlägt Rad und springt ununterbrochen auf und ab. Wenn er Balladen wie "I m Gonna Miss You Forever" singt, wirkt er auf Ältere natürlich drollig. Seine Posen und Gesten erscheinen wie eine Parodie der HipHop-Szene, seine Songs klingen, als würde man alte Soul-Platten mit 45er Geschwindigkeit abspielen. Wie stark Aaron Carter schon als Trendsetter wirkt, zeigt ein Blick in die Halle: Überall hüpfen kleine Aaron-Doubles herum, die seine Latzhose und seinen Haarschnitt tragen. Nur wenige Mädchen nehmen die Liebeslieder ernst von der Hysterie eines Konzerts der Backstreet Boys ist die Veranstaltung weit entfernt. Beim abschließenden Auftritt von Gil verlassen viele Kinder samt Eltern die Halle. Der 15jährige Sohn des früheren Schlagersängers Abi Ofarim soll mit seiner Band offenbar den Hansons nacheifern, die letztes Jahr mit "MmmmmBob" einen Hit hatten. Doch bei Gil wirkt, was eben noch rührend war, schon gut kalkuliert.


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