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UN-Konferenz in Lima: Wie der Klimawandel Peru verändert

Extrem karg ist die Landschaft in den peruanischen Anden. Landwirtschaft ist durch den Wassermangel in vielen Gegenden kaum noch möglich.

Extrem karg ist die Landschaft in den peruanischen Anden. Landwirtschaft ist durch den Wassermangel in vielen Gegenden kaum noch möglich.

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imago/Westend61

Cusco -

Wenn man alleine bei Nebel in den ungastlichen Höhenlagen der Anden unterwegs ist, dann zeigt sich der Berggeist Apu Tapaccocha manchmal. Marcos Mejía hat ihn selbst gesehen. Ihm erscheint der Apu auch im Traum, und er hat ausdrücklich gebilligt, dass die Menschen hier oben, über 4000 Meter Höhe, drei Lagunen anlegen, um sich mit Wasser zu versorgen. Dass der Apu Tapaccocha – die Lagunen heißen so wie er – zugestimmt hat, sagt Mejía, erkennt man schon daran, dass das Werk ohne Unfall gelungen ist und seinen Zweck erfüllt.

Mejía hat einen weißen Bogen Karton mit hinaufgenommen an den mittleren der drei Seen. Am Ufer breitet er ihn aus und legt zwei Sträußchen rosa Nelken drauf. Seine Begleiter suchen aus einer Handvoll Koka-Blätter die schönsten aus, knien nacheinander vor dem Bogen nieder, hauchen die blassgrünen Blättchen an und bringen sie dem Apu dar.

Sie sprechen ein Gebet, einige bekreuzigen sich dazu. Dass alle Besucher Nichtraucher sind und deshalb Zigaretten als Opfergabe ausfallen, nimmt der Apu nicht übel, versichert Mejía; man kann ihn aufs nächste Mal vertrösten. Auch dass kein Duftwässerchen zur Hand ist, macht nichts. Mejía greift ins Wasser, holt das Fläschchen vom letzten Mal hervor und tröpfelt jedem etwas in die Hände: Ein Freundschaftsbeweis des Apu.

Man kann dieses Schamanentum natürlich als irrational abtun. Mejía und seine Kollegen – sie treffen sich einmal im Jahr und nehmen die Rauschdroge Ayahuasca, um ihre spirituellen Kräfte zu stärken – sind der Ansicht, dass die Sterne heutzutage schwächer leuchten, dass die Tage kürzer sind, dass die vielen Erdrutsche und -beben die Erdachse verschoben haben.

Aber unterscheidet sich dieser Befund, wenn auch anders ausgedrückt, so sehr von dem Gefühl, das viele Menschen in Europa beschleicht: Dass die Welt aus den Fugen geraten ist? Gelangt die Kosmovision der Anden nicht zum gleichen Schluss wie die westliche Wissenschaft: Dass der Mensch die Natur über die Grenze ihrer Zerstörung hinaus beansprucht hat?

Von Verschmutzern und Saubermachern

An diesem Montag beginnt in Lima die Welt-Klimakonferenz, auch COP20 genannt. Wie üblich halten sich die Erwartungen in Grenzen. „Die USA, China und Japan sagen uns schon, wo es langgeht“, meint etwa Mario Saravia, der zu Condesan, einer Organisation zur Förderung nachhaltiger Landwirtschaft in den Anden, gehört. „Alle werden irgendwas ankündigen, und niemand wird sich zu irgendetwas verpflichten“. Das Vertrauen, dass im Rahmen der UN ein Klimaabkommen zustande komme, sei längst verspielt, sagt die Gruppe Peru COP 20, in der sich peruanische Gewerkschaften, Kirchen, Nichtregierungsorganisationen vereint haben.

Warum hat sich das Klima so verändert? Mejía sagt, die Apus wendeten sich ab, weil „wir sie mit der Bibel in der Hand ansprechen“. Das geht nicht gegen die katholischen Geistlichen, die sich, jedenfalls in den Hochanden, seit Jahrhunderten mit den Apus arrangiert haben, sondern gegen die „evangélicos“, die neuen Heilskirchen, die in den Berggeistern den Satan sehen. Aber Mejía fügt eine zweite Erklärung hinzu; sie mündet in eine Anklage, der man auch in Europa nicht widersprechen würde: „Die Industrieländer sind die Verschmutzer, und wir sind die Saubermacher!“

Saubermacher jedenfalls im engeren Sinne. Vielleicht wagt sich nach der Konferenz ja der eine oder andere der 12.000 Teilnehmer hinauf auf die Puna, das karge Hochland in den südlichen Anden. Denn dort oben kann man sehen, was der Klimawandel bereits in einem fragilen Naturraum anrichtet. Und wie sich die Kleinbauern den neuen Lebensverhältnissen anpassen, die die Treibhausgase der Industrieländer erzeugt haben.

"Früher konnte man sich darauf verlassen, dass der Regen rechtzeitig kam", sagt Florencio Tunquipa, „heute fällt er unregelmäßiger und viel stärker, und der Wind hat zugenommen“. Seine Ernten wurden immer kleiner, deshalb ging er 2002 nach Huancarani, eine Kreisstadt in der Region Cusco. Glück hat ihm das nicht gebracht. „Ich habe hart gearbeitet auf dem Bau, aber das Geld hat trotzdem nie gereicht, um die Familie zu ernähren“.

Es geht um das Elementare

Als er 2010 auf seinen Acker zurückkehrte, hatte er wieder Pech. Finanziell unterstützt von der deutschen Welthungerhilfe, hatte Arariwa, ein regionaler Verein zur Förderung nachhaltiger Landwirtschaft, ein Projekt für vom Klimawandel betroffene Kleinbauern gestartet. Aber Florencio kam zu spät, das Programm hatte schon begonnen. „Wenn ich noch könnte, ich würde gleich morgen früh anfangen“, sagt er.

Dass er das will, liegt an seinem Nachbarn Julián Quispe. Der hat nämlich teilgenommen und ist eine Art Musterbauer geworden. Strahlend erzählt der 35-Jährige, was er heute alles anders macht. „Wir haben einen Gemüsegarten angelegt, und was wir da ernten, das haben wir früher einfach nicht gegessen“. Die K’eñwa-Bäume schützen die Beete vor Wind, im Stall quieken Dutzende von Meerschweinchen, die gute Preise erzielen, und was Juliáns acht Kühe und 14 Lamas hinterlassen, wird zu organischem Dünger aufbereitet, der die Erträge um bis zu 80 Prozent erhöht. Viele Arten zu pflanzen, damit wenigstens einige die Unbilden des immer verrückteren Wetters überstehen, und die Aufforstung mit Kiefern, bei denen sich ganz von alleine Pilze ansiedeln, die man verkaufen kann, das sind weitere Techniken der Anpassung.

Aber zuallererst geht es um das Elementare: Wasser. „Sembrar el agua“, sagen sie hier oben, das Wasser säen. Gemeint sind all die Techniken, um die Niederschläge besser zu nutzen, indem man sie speichert. Darum geht es auch bei den Lagunen von Wassermeister Mejía, die ebenfalls mit Unterstützung der Welthungerhilfe in den Bergen im Umland der Provinzstadt Ayacucho angelegt wurden. Sie haben keinen Abfluss, sondern lassen ihr Wasser in den Boden sickern, wo es die viel tiefer gelegenen Quellen speist und damit 330 Familien zugutekommt. Man sieht es von hier oben nicht, aber die grünen Flecken stechen so leuchtend aus der grau-braunen Gebirgslandschaft hervor, weil sich dort ein Sprinkler dreht: die Ernte des gesäten Wassers.

Das Wissen der Vorväter

Es ist, ein paar Einsprengsel der Modernität ausgenommen, das Wissen der Vorväter, das gegen den Klimawandel ins Feld geführt wird. Ein merkwürdiger Widerspruch: Warum muss den Andenbauern heute das beigebracht werden, was unzählige Generationen vor ihnen beherrschten? Erstens wegen der Guerrilla-Gruppe Leuchtender Pfad, die in den Achtzigern aktiv war.

Die Armee schlug zurück, die Bauern gerieten zwischen die Fronten. Im Klima allgemeinen Terrors war nicht mehr daran zu denken, die Felder zu bestellen. Und zweitens, weil die Agrarwissenschaft das traditionelle Wissen diskreditiert, sagt Magdalena Machaca, 46, Geschäftsführerin des Vereins Bartolomé Aripaylla. Die Agraringenieurin hat es an der Uni selbst erlebt: „Was da gelehrt wurde, war zum großen Teil nicht auf unsere Bedingungen anwendbar“. Das bezieht sich nicht nur aufs Technische: Zwischen Land-Wirtschaft und Agrokultur besteht ein himmelweiter Unterschied.

Modern wirtschaften, das wurde in den Anden jahrzehntelang gepredigt. „Du gibst deinen Kartoffeln doch irgendwelche Hormone“ – bis heute bekommt das noch einer der Bauern von seinen Nachbarn zu hören, der mit organischem Dünger prächtige Erfolge erzielt.



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