22.02.2012

Mein Leben: Scherben erben

Von Eugen Egner

Absolut nichts begriffen. „Kein Mensch begreift hier etwas.“ Wer war da gestorben?

Fest steht, dass jemand gestorben war, tot aufgefunden unter, wie es hieß, rätselhaften Umständen. Aber wer war da gestorben? Ein alter Freund, eine Freundin oder eine unbekannte Person, die mir testamentarisch eine Fabrik vermacht hatte? Da war irgendetwas mit einer Fabrik.... Auf einmal hatte ich eine Fabrik, oder ich wollte mir eine Fabrik anschauen, die ich erben sollte. In einem abgelegenen Landstrich.

Die Autofahrt war elend lang, vier Stunden, glaube ich. Ich weiß noch, wie ich am frühen Nachmittag ankam. Die Fabrik stand am Rand der kleinen Stadt, den Namen weiß ich nicht mehr (ich müsste das Schreiben vom Nachlassgericht heraussuchen, aber so wichtig ist das doch auch wieder nicht).

Schon von Weitem war der Fabrik anzusehen, dass sie ihre Blütezeit hinter sich hatte. Ich könnte jetzt keine Details nennen, aber das Gebäude machte einen heruntergekommenen Eindruck, hier war bestimmt schon lange nichts mehr produziert worden. Ob noch ein Firmenschriftzug vorhanden war, weiß ich auch nicht mehr. Durch irgendeine offene Tür bin ich eingetreten.

Ans Innere kann ich mich erinnern, ich sehe noch die total verwüsteten Räumlichkeiten, alles in Trümmern, verschimmelt, der Boden übersät mit Glassplittern und Schrott. Mitten in der Halle, zwischen eingestürzten Mauern, breitete sich ein See aus, wahrscheinlich nur zehn Zentimeter tief, aber genauer wissen wollte ich es nicht. Es stank nach Moder und Verwesung. Und dafür war ich nun stundenlang gefahren! Dieses Erbe wollte ich selbstverständlich ausschlagen.

Ich weiß noch genau, wie froh ich war, als ich wieder ins Sonnenlicht trat. Allerdings könnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Jahreszeit es war. Ich glaube, Sommer. Dann, ja, dann sprach mich jemand an, ein Mann, ich hatte keine Ahnung, woher er so plötzlich gekommen war. Er trug Zivilkleidung und wies sich als Polizist aus, Kriminalkommissar war er. Ich habe keine Ahnung, wie er aussah, älter als ich war er jedenfalls. So weit ich mich entsinnen kann, sprach er mich gleich mit meinem Namen an. Woher er den wohl wusste? Und wie konnte er gewusst haben, dass er mich jetzt bei der Fabrik antreffen würde? Wahrscheinlich habe ich ihn danach gefragt, seine Antwort habe ich längst vergessen. Auf jeden Fall hat er etwas gesagt wie: „Ich muss Ihnen etwas zeigen, das in direktem Zusammenhang steht mit dem Tod von....“, dann nannte er den Namen der Person, die mir, wenn ich nicht irre, die Fabrik vererbt hatte.

Entweder fuhren wir dann in seinem Wagen da hin, wo er mir etwas zeigen wollte, oder aber, was wahrscheinlicher ist, er fuhr voraus und ich hinterher. Zuvor muss er mir aber erzählt haben, dass dieser Freund/diese Freundin von mir oder wer auch immer einige Zeit vor seinem oder ihrem Tod irgendwo im Ort eine Wohnung angemietet, dieselbe jedoch nicht bewohnt habe, gleichwohl aber in eben dieser Wohnung tot aufgefunden worden war. Unter nach wie vor rätselhaften Umständen verstorben.

Vor irgendeinem langweiligen Haus hielten wir und stiegen aus. Wir gingen dann auf das Haus zu. Woran ich mich noch genau erinnere, ist dies: Ein alter Mann, der anscheinend zufällig vorbeikam, blieb stehen und sagte zu uns: „Entschuldigung, ich habe früher mal in diesem Haus gewohnt. Jetzt sehe ich, dass da eine Wohnung leersteht. Wird das Haus abgerissen?“

Genau das waren seine Worte, ich wundere mich noch heute darüber. Der Kriminalkommissar antwortete nur ganz kühl, davon sei ihm nichts bekannt. Ich entsinne mich, dass er dann die Haustür aufschloss, und dass wir beide ein paar Treppen hinaufstiegen. In der vielleicht zweiten oder dritten Etage schloss der Kommissar abermals eine Tür auf, dann betraten wir die Wohnung, diese ungeheuerliche, völlig abwegige Wohnung. Er sah auf seine Uhr. „Wir dürfen nicht zu lange bleiben“, sagte er, „es ist noch immer wirksam.“ Ich glaube, er führte mich in das Zimmer, wo die Leiche in einem allen Naturgesetzen spottenden Zustand gefunden worden war. Ausgerechnet dazu fallen mir keine Details mehr ein.

Nachdem wir die Wohnung wieder verlassen hatten, gestand ich, absolut nichts begriffen zu haben. „Kein Mensch begreift hier etwas“, erwiderte der Kommissar kopfschüttelnd, „aber ich dachte, ich zeige es Ihnen einmal.“

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