Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Uri Avnery: Seiner Zeit immer voraus
09. September 2013
http://www.berliner-zeitung.de/3820370
©

Uri Avnery: Seiner Zeit immer voraus

Der Friedensaktivist Uri Avnery.

Der Friedensaktivist Uri Avnery.

Foto:

imago

Tel Aviv -

Seine Haare sind so schlohweiß wie sein gestutzter Vollbart. Nicht nur äußerlich ist Uri Avnerys Charakterkopf mit den blitzwachen Augen unverkennbar. Auch sein scharfer Verstand und seine Unerschrockenheit sind ziemlich einzigartig. Er ist ein Nonkonformist, der Israel wie kein anderer provoziert und geprägt hat. Ein Vorteil seines hohen Alters sei, sagt Avnery verschmitzt, „dass auch meine Feinde eine gewisse Toleranz entwickelt haben“. An diesem Dienstag wird der gebürtige Westfale, der als Zehnjähriger mit den Eltern nach Hitlers Machtergreifung 1933 ins Mandatsgebiet Palästina floh, neunzig Jahre alt.

Avnery warb bereits für eine Lösung des Konflikts mit den Palästinensern durch die Gründung von zwei Staaten, als die damalige israelische Ministerpräsidentin Golda Meir noch vehement bestritt, dass es ein palästinensisches Volk überhaupt gibt. Der Friedensaktivist war seiner Zeit immer irgendwie weit voraus: So hat er in den 70er Jahren Kontakte zur PLO geknüpft, als sie im Westen noch als Terrororganisation abgestempelt war und solche Kontakte in Israel unter Strafe standen. Er traf sich 1982 als erster Israeli mit Jasser Arafat im umkämpften Beirut, was ihm fast ein Verfahren wegen Landesverrats einbrachte.

„Für mich war es immer wichtig“, sagt er, „der Welt zu zeigen, dass Israelis und Palästinenser zusammen leben können.“ Beider Nationalfarben sind auch im Symbol von Gusch Schalom, dem von Avnery 1992 gegründeten Friedensblock.

Derzeit schreibt der Neunzigjährige seine Biografie. In seiner Jugend engagierte sich Avnery in der jüdischen Untergrundorganisation Irgun. Den Schwenk von dort nach ultralinks zur Friedensbewegung habe er vollzogen, so Avnery, weil er einsah, dass die hebräische und die arabische Nation gleiche Rechte haben. Er kämpfte 1948 im Unabhängigkeitskrieg. Und 1950 gründete er die Wochenzeitung HaOlam Haseh, eine Mischung aus linksintellektuellen Kolumnen, kritischer Recherche und Klatsch.

International geehrt

Vierzig Jahre lang war Avnery dort Chefredakteur. Generationen israelischer Journalisten haben bei ihm das Handwerk gelernt. Das Blatt machte ihn bekannt und trug dazu bei, dass er als Abgeordneter in die Knesset, ins Parlament einzog. Die Zeitung brachte Avnery allerdings auch bitterböse Anfeindungen ein – weshalb er eine Parallele zu Rudolf Augstein, dem früheren Spiegel-Chef sieht. Mit ihm gibt es noch andere Gemeinsamkeiten: Als Sextaner hatte Avnery das gleiche Gymnasium in Hannover wie Augstein besucht. In Briefen tauschten sich die Beiden darüber aus, wie Franz-Josef Strauß den Spiegel und Israels Staatsgründer David Ben-Gurion das Avnery-Magazin zu kriminalisieren versuchten.

Für seinen Einsatz für Dialog und Frieden erhielt er internationale Auszeichnungen, unter anderem 1997 den Aachener Friedenspreis und 2001 den Alternativen Nobelpreis. Vor allem aber werden seine Artikel noch immer gelesen: Sein übers Internet verschickter wöchentlicher Rundbrief zu aktuellen politischen Fragen erreicht Israelis wie Palästinenser und Zehntausende in aller Welt.