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Urteil gegen Ex-Arcandor-Chef: Middelhoffs Triumph am Ende nur leere Pose

Der ehemalige Arcandor-Chef Middelhoff ist wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Foto: Bernd Thissen

Der ehemalige Arcandor-Chef Middelhoff ist wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Foto: Bernd Thissen

Wer stürzt, wird dadurch nicht sympathischer – aber von Fall zu Fall hat er Mitgefühl verdient. Mag auch das Scheitern als Folge von Unfähigkeit und Größenwahn, Rücksichtslosigkeit und Habgier hundertmal verdient sein, mischt sich in die Genugtuung, die das Publikum beim Sturz eines vermeintlich Großen empfindet, in der Regel das Gefühl, zu laute Bravo-Rufe seien deplatziert, denn das Schicksal könnte – jeder steht auf einem Sockel und sei der noch so bodennah – jeden treffen, auch die Bravo-Rufer.

Darum sind beim Sturz Thomas Middelhoffs, einst Chef des in die Liquidation getriebenen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor AG, nicht die Wut und die Empörung bemerkenswert, die ihn begleiten, sondern der Spott und die Häme, die über ihm zusammenschlagen und jeden Gedanken an Mitgefühl unmöglich machen.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Thomas Middelhoff wurde vom Landgericht Essen zwar wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen verurteilt, also wegen strafrechtlicher Vergehen, aber aus Sicht der Öffentlichkeit wurde hier vor allem über einen Lebensstil geurteilt, der nur die Aufwärtsbewegung mit extremer Verdrängung kennt, über ein Selbstbild, das allein drei Personen in Middelhoffs Universum Zutritt gewährt: „Ich, Ich, Ich“, über stupiden Größenwahn, der sich nimmt, ohne zu fragen und vor allem ohne zu bezahlen, weil ihm ja ohnehin die ganze Welt gehört.

Thomas Middelhoff in triumphaler Pose

Ohne die Pleite Arcandors wäre Middelhoff – das hat das Landgericht betont – nie angeklagt worden. Aber verurteilt wurde er nicht, weil er das Unternehmen ruinierte, auch nicht, weil er mit seinen Vorstandskollegen die Kündigung von 4000 Mitarbeitern ebenso stil- wie gemütvoll unter der mediterranen Sonne von St. Tropez beschloss, sondern weil er sich gratis, also auf Kosten des um seine Existenz ringenden Konzerns, mit Hubschraubern und Charterjets von Bielefeld nach London, New York und selbst ins ferne Essen bringen ließ – Gesamtschaden rund 500.000 Euro –, stets in triumphaler Pose, die sagen sollte: Alles, was ich tue, wird Triumph. Aber es blieb dann doch nur Pose.

Vor einigen Jahren ist der Schriftsteller Rainald Goetz mit seinem Middelhoff-Roman „Johann Holtrop. Abriss einer Gesellschaft“ gescheitert. Er zeigte eine Welt – die Welt Holtrops, des Vorstandsvorsitzenden eines global operierenden Medienkonzerns – , die kein Lebensraum mehr ist, sondern ein Eisschrank, in dem die Menschen sich nicht fortbewegen, sondern schockgefrostet an sich selbst erfrieren. Einer wie der andere.

Johann Holtrop alias Middelhoff, der früher einmal Vorstandsvorsitzender des global operierenden Medienkonzerns Bertelsmann gewesen ist, wurde von Goetz als Repräsentant einer Welt gezeigt, die genau so ist wie Holtrop selbst, unterschieden nur durch die Kältegrade und die Intensität des Größenwahns: „So falsch, so lächerlich, so blind gedacht, so infantil größenwahnsinnig wie, wie, wie –“ Aber wenn alle Welt so kalt, lächerlich und größenwahnsinnig ist wie Holtrop – nur nicht der Autor selbst, versteht sich –, dann ist Holtrop keine auffällige, interessante Figur, sondern anonymer Teil einer erkalteten Masse, leergelebt und allgemein.

Damit hat der Autor Thomas Middelhoff um Längen verfehlt. Denn interessant ist er nicht als Repräsentant einer in ihrer Hybris übergeschnappten Welt, sondern dadurch, dass er sich zwar in seiner Hybris wohl als Repräsentant dieser Welt empfand, aber doch niemals jemand und etwas anderes repräsentierte als sich selbst.

Der Vorsitzende Richter hat gegen Middelhoff unmittelbar nach der Urteilsverkündung Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erlassen. Das ist nicht überraschend, aber in diesem Fall ist es doch bemerkenswert. Denn kein anderer Begriff scheint die Person Middelhoffs so präzise zu bezeichnen wie: Fluchtgefahr.

Zum Leben Middelhoffs, wie er es seit Jahrzehnten führte, gehörte die unentwegte, rasende Bewegung, das hektische Hin und Her zwischen Kontinenten, Ländern, Städten ohne Warum und Wozu, Ortlosigkeit als Lebensform, Oben als Lebensziel – und die Flucht aus der Verantwortung als einziges ehernes Prinzip der Lebensgestaltung.

In seinem Schlusswort hatte Middelhoff beteuert: „Ich kann mir kein Fehlverhalten vorwerfen.“ Vermutlich kann er das wirklich nicht. Eben das ist das Problem – und das verbindet Middelhoff am Ende doch mit dem Heer größenwahnsinniger Manager, über die die Zeitungen in den vergangenen Jahren nicht mehr im Wirtschaftsteil, sondern in der Rubrik „Kriminalität“ berichtet haben. Die Welt, da hat Rainald Goetz natürlich recht, ist voll von ihnen – aber das macht sie Gott sei Dank nicht aus.