Sonderthema: Michael Müller

US-Wahl

Leitartikel zur US-Wahl: Sandy eint die USA

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Jetzt loben selbst Republikaner Obama - In der Krise halten die Amerikaner zusammen.
Jetzt loben selbst Republikaner Obama - In der Krise halten die Amerikaner zusammen.
Foto: Reuters

Ein Sturm schafft, was dem amerikanischen Präsidenten in vier Jahren nicht gelang: Er vereint Demokraten und Republikaner. Im Land des permanenten Pfusches ist das dringend nötig.

Erstaunlich, wie duldsam die Menschen an der US-Ostküste die Katastrophe nach dem tückischen Sandy ertragen. Sie murren zwar ein bisschen, weil das Benzin fehlt und weil der Strom vielerorts noch einige Tage ausbleiben wird. Doch das alles wirkt bemerkenswert gelassen. Die Menschen krempeln die Ärmel hoch. Sie machen sich an den Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser und die Reparatur der beschädigten Stromleitungen. Der Mythos vom gemeinsamen Anpacken, den die Amerikaner selbst am stärksten nähren – er lebt.

In Zeiten der Not ist die US-Gesellschaft offenbar weniger gespalten. Während eines Sturms gebe es keine Demokraten und keine Republikaner mehr, hat US-Präsident Barack Obama gesagt. Es gebe nur noch Landsleute. Ein Sturm, der vereint. Das klingt pathetisch, trifft es aber. Doch so zielstrebig, wie sie jetzt gemeinsam aufräumen, werden die Amerikaner schon bald wieder auseinanderlaufen. Jeder seiner eigenen Nase nach. Dem tief verankerten Individualismus der US-Gesellschaft kann nicht einmal ein Jahrhundert-Hurrikan etwas anhaben.

Land der permanenten Pfuscherei

So rechnet auch niemand ernsthaft damit, dass demnächst die Infrastruktur des Landes nachhaltig verbessert wird, um die Folgen des nächsten Sturms, der unweigerlich kommen wird, zu verringern. Dabei wäre das dringend nötig. Die meisten Stromleitungen sind oberirdisch verlegt und reißen oft. Die Straßen sind mit Schlaglöchern übersät.

Es heißt, dass 160.000 der 600.000 Brücken im Land einsturzgefährdet sind. Die Wasserrohre sind seit Jahrzehnten nicht mehr erneuert worden. Der Zustand der Flughäfen ist erbärmlich. Die Eisenbahnen hätten, bis auf wenige Ausnahmen, schon längst einen Platz im Museum verdient.

Würde man, sagen wir, Indien, so beschreiben – die Inder würden sich beleidigt fühlen. Die USA sind das Land der permanenten Pfusches, der Dauer-Reparatur. Kaum ein Energieversorger käme nun auf die Idee, die Stromleitungen in den Bäumen durch Leitungen unter der Erde zu ersetzen.

Wieso sollte er auch? Die Reparatur der Kabel kostet weniger als das Vergraben und kommt überdies dem Gesamtprofit des Unternehmens zu Gute. Und die Kundschaft sitzt sowieso gezwungenermaßen im Schein einer Kerze da und wartet, bis das elektrische Licht wieder angeht. Eine Alternative zum lokalen Stromversorger gibt es nicht, also auch keine Hoffnung auf Konkurrenz, die das System verbessern könnte. Wo ist da eigentlich noch der Unterschied zu den in der Geschichte versunkenen Staaten, in denen das sozialistische Experiment probiert wurde?

Geld soll zuhause ausgegeben werden

Im Wahlkampf hat Präsident Obama einige Male erkennen lassen, dass ihm das Problem bekannt ist. Er sprach häufig von den Kriegen im Irak und in Afghanistan, die sein Amtsvorgänger George W. Bush mit der großen Kreditkarte bezahlt habe. Obama sagt, er habe den einen Krieg beendet und werde auch den anderen zu Ende bringen. Das Geld werde er für das „nation building“ zu Hause verwenden.

Dagegen lässt sich nichts sagen – Maschinengewehre zu Stromleitungen gewissermaßen. Doch die Chancen sind gering, dass Obama in einer zweiten Amtszeit zu einem erfolgreichen Infrastruktur-Präsidenten vom Schlage eines Franklin Delano Roosevelt wird. Der Individualismus in der US-Gesellschaft wird das gemeinsam mit dem Gewinnstreben schon zu blockieren wissen.

Und sollte Obama am Dienstag nicht wiedergewählt werden, dann wird es erst recht nichts mit einer Modernisierung von Straßen, Stromleitungen, Brücken und Schulen. Für Obamas Konkurrent Mitt Romney ist der Staat an sich ein Problem. Romney verstieg sich sogar zu der Idee, die nationale Katastrophenschutzbehörde abzuschaffen, den einzelnen Bundesstaaten die Verantwortung für das große Aufräumen nach den Hurrikans zu übertragen. Noch besser wäre es seiner Ansicht nach, den Katastrophenschutz vollständig zu privatisieren. Romney meinte das übrigens ernst, auch wenn er heute nicht mehr darüber sprechen will.

Nun wäre es einfach zu sagen: Sollen doch die Amerikaner machen, was sie wollen. Unsere Stromleitungen sind doch – meistens – wetterfest angebracht. Aber das hieße, die Realität zu leugnen. Die ist, grob gesagt , ziemlich einfach, aber folgenreich. Treibhausgase befördern den Klimawandel, der führt zu mehr Stürmen, die führen zu mehr Schäden an der Infrastruktur. Die USA haben kein Monopol auf Jahrhundertstürme. Auch Europa ist verletzlicher geworden. Wenn überhaupt, dann ist ein Ausweg nur zu finden, wenn die ganze Welt sich an der Suche beteiligt. Doch in den USA ist das derzeit ein noch aussichtsloseres Unterfangen als das Verlegen von Stromleitungen unter die Erde.

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Seit 1788 wird der amerikanische Präsident alle vier Jahre gewählt. Seit 1845 ist der Tag der Entscheidung auf den Dienstag nach dem ersten Montag im November festgelegt, was die Wahl immer im Zeitraum von 2. bis 8. November stattfinden lässt.

Gleichzeitig wird auch ein Drittel des Senats und das Repräsentantenhaus gewählt. Häufig finden auch Wahlen auf Bundesstaatenebene am gleichen Wahltermin statt.

Das Wahlergebnis wird Anfang Januar durch den Kongress nach dessen ersten Zusammentreten festgestellt. Die Amtszeit des Präsidenten beginnt mit dem Tag der Amtseinführung, der seit 1937 auf den dem Wahltermin folgenden 20. Januar fällt.

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