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US-Wahlkampf: Bernie Sanders, der amerikanische Oskar Lafontaine

Mit Leidenschaft zum Erfolg: Bernie Sanders in Portsmouth.

Mit Leidenschaft zum Erfolg: Bernie Sanders in Portsmouth.

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AP/John Minchillo

PORTSMOUTH. -

Nummer 42 hat schlechte Laune, das sieht man. Als Bill Clinton zum Mikrofon greift, um in der Highschool von Milford zu sprechen, zeigt sich das schnell. Erst lobt er noch mit ausufernden Worten die Fähigkeiten seiner Ehefrau Hillary, die im November zur ersten Präsidentin des Landes gewählt werden will. Doch dann wird sein Ton schärfer. Frontal wie selten zuvor attackiert der 42. Präsident der USA den schärfsten Konkurrenten seiner Frau. Der sei ein Heuchler und überdies unredlich. Clinton muss es in diesem Moment himmelangst sein, dass es seiner Ehefrau zum zweiten Mal nach 2008 nicht gelingen könnte, sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten zu sichern. Anders ist die Schärfe in seiner Stimme nicht zu erklären.

Der Kampf um die Nachfolge von Barack Obama, der am Dienstag mit den Vorwahlen im Neuengland-Staat New Hampshire in die nächste Runde geht, wird aggressiv. Die Republikaner fetzen sich, weil der Immobilienmilliardär Donald Trump in den Umfragen vorne liegt, und sich das so recht niemand erklären kann. Und nun gibt es auch unter den zwei verbliebenen Kandidaten der Demokraten ein Hauen und Stechen, weil sich das Clinton-Lager so recht nicht erklären kann, warum dieser weißhaarige Mann in den Umfragen in New Hampshire so deutlich führt.

Mit Leib und Seele dabei

Der weißhaarige Mann ist 74 Jahre alt, heißt Bernie Sanders, ist seit Jahrzehnten im Washingtoner Politikbetrieb eine feste Größe mit wenig Einfluss und geriert sich als eine Art Oskar Lafontaine der US-Politik, als Anwalt der Entrechteten, als Advokat der kleinen Leute. Er müsste, würden die Gesetze der Tradition gelten, chancenlos sein.

Aber in diesem US-Wahlkampf gelten offenbar andere Gesetze, und Persephone Bennett findet das gut. Die 20 Jahre alte Studentin steht in der Menge, die Sanders in der Basketballhalle des Community College von Portsmouth bejubelt, ruckelt ein wenig an ihrer Brille und sagt: „Ich bin total begeistert von Sanders. Er sagt, was er meint. Er meint, was er sagt.“

Sanders hat gerade seine Rede beendet. Mit heiserer Stimme hat er in Anlehnung an den Wahlkampfslogan Obamas aus dem Jahr 2008 von Wandel gesprochen, und gesagt, dass Veränderungen nicht von oben verordnet werden könnten, sondern immer von unten kämen. Sanders ist zwar kein begnadeter Redner, sein Vortrag wirkt wie der eines Hochschullehrers, der schon tausend Mal dasselbe erzählt hat. Doch Sanders redet mit Leidenschaft und löst damit Begeisterung aus. Als sie das Schlagwort des Kandidaten von der „politischen Revolution“ hört, die Sanders ausrufen will, nickt Persephone Bennett mit dem Kopf und sagt: „Der ist mit Leib und Seele dabei.“

Man wird Sanders nicht vorwerfen können, er halte nicht Kurs. Seit Jahrzehnten predigt er Umverteilung, er will die größten Banken des Landes zerschlagen, er will der Wall Street eine Spekulationssteuer auferlegen, den Mindestlohn auf 15 Dollar verdoppeln, eine umfassendere staatliche Krankenversicherung einführen, die Studiengebühren für staatliche Universitäten abschaffen, er will die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Mutterschutz.

„Börnie-Börnie-Börnie“

Aus europäischer Sicht sieht das nach klassischer Sozialdemokratie aus. Mehrfach spricht Sanders an diesem Tag von Skandinavien, das für ihn ein Modell sei. Doch aus amerikanischer Sicht klingen Sanders’ Ideen gefährlich nach Sozialismus. Und die Studentin Persephone Bennett, die im Herbst zum ersten Mal einen Präsidenten wählen darf, sagt, Sanders’ Gegner schürten unberechtigterweise die Angst der Menschen im Land. Sie findet, dass sich Bernie Sanders völlig zu Recht selbst einen „demokratischen Sozialisten“ nennt: „Sozialismus heißt für mich, dass jeder Mensch Chancen bekommt, etwas aus seinem Leben zu machen.“

So sehen das offenbar viele junge Menschen in den USA. Fast acht Jahre nach dem Ausbruch der schwersten Finanzkrise seit der großen Depression der 1930er-Jahre geht es der US-Wirtschaft zwar wieder besser. Doch viele Menschen müssen mehrere Jobs gleichzeitig machen, um sich und ihre Familie über die Runden zu bekommen. Wenn Sanders von seinem Rednerpult gegen die ungerechte Verteilung von Vermögen wettert, wird der Applaus im Saal für gewöhnlich ohrenbetäubend laut, und die „Börnie-Börnie-Börnie“-Rufe klingen noch etwas überzeugter.

In den Umfragen für die Vorwahl der Demokraten in New Hampshire liegt er haushoch vor Hillary Clinton. Mag gut sein, dass Sanders die ehemalige Außenministerin am Dienstag hinter sich lässt. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sanders auch der Präsidentschaftskandidat der Demokraten wird. Im Süden des Landes, wo die nächsten Vorwahlen stattfinden, ist Bernie Sanders eine unbekannte Größe. Hillary Clinton dagegen kann in den Bundesstaaten, in denen deutlich mehr Delegiertenstimmen zu vergeben sind als im kleinen New Hampshire, auf eine gewaltige Wahlkampfmaschine zurückgreifen.

Auch Persephone Bennett glaubt nicht wirklich an das Sanders-Wunder. Sie sagt, sie werde dann halt für Clinton stimmen müssen. Dann werde die politische Revolution in den USA eben noch auf sich warten lassen.


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