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Verfassungsschutz bestätigt Angriffe der Gruppe "Khatme Nabuwwat" auf Landsleute: Militante Pakistani sind in Deutschland aktiv

STUTTGART, 17. Mai. Eine Gruppe militanter islamischer Extremisten aus Pakistan bedroht Landsleute in Deutschland. Das bestätigte der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg der "Berliner Zeitung". Die Organisation nennt sich "Khatme Nabuwwat", auf Deutsch: "Bewahrer des Siegels des Propheten"; ihr Ziel ist es, den "Islam von Ketzern zu säubern". In dieser Woche wollen Mitglieder der muslimischen Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft Strafanzeigen gegen die Khatme Nabuwwat stellen. Sie fühlen sich massiv bedroht. Import von KonfliktenDer Stuttgarter Verfassungsschützer Herbert Müller hält die Extremistengruppe für "ebenso gefährlich wie die afghanischen Taliban"; seine Behörde führte sie als "radikale Kräfte der pakistanischen politischen Szene" jetzt erstmals im Jahresbericht auf. Müller fürchtet, daß "pakistanische Konflikte nach Deutschland importiert werden". Vor allem in Asylbewerberheimen eskaliere die Gewalt.Im Januar wandten sich deutsche Ahmadi-Gemeinden an Stadtparlamente in Süddeutschland. Sie klagten über die "Verfolgung unserer Gemeindemitglieder auch in Deutschland". Schwerpunkt der Angriffe ist Baden-Württemberg. In den Asylbewerberheimen kursieren Schriften, die zur Gewalt gegen Ahmadis aufrufen: "Wir werden euch bis auf den Mond jagen!" Am 25. März attackierten etwa 30 Extremisten drei Ahmadis im Reutlinger Heim mit Eisenstangen und Holzschlägern. Im April wurde ein Pakistani in Heilbronn wegen schwerer Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er drei Monate zuvor einen Ahmadi krankenhausreif geschlagen hatte. Der Ahmadi Mohammed Cheema war im Juni 1997 nach Deutschland geflohen, weil Khatme-Nabuwwat-Leute ihn töten wollten, wie er berichtet. Doch im Asylbewerberheim von Reutlingen wurde er mit Ziegelsteinen beworfen. "Sie drohten, mir die Beine zu brechen wieder habe ich Angst um mein Leben", sagte er. Militante Anhänger der Khatme Nabuwwat agieren auch in Nordrhein-Westfalen. Am 29. März ging ein Pakistani im Asylbewerberheim von Borken auf den Ahmadi Mohammad Nawaz mit dem Messer los und verfehlte nur knapp dessen Halsschlagader. "Ich werde alle Ahmadis töten", habe der Angreifer gebrüllt, berichtet Nawaz. In Deutschland leben rund 50 000 Anhänger des Ahmadi-Glaubens. Viele besitzen inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft, rund 4 000 befinden sich zur Zeit im Asylverfahren. Sie erhalten in der Regel die Anerkennung als Flüchtlinge. In Pakistan werden sie von fanatischen Sunniten verfolgt, weil sie daran glauben, daß im 19. Jahrhundert ein Nachfolger des Propheten Mohammed aufgetaucht sei. Auf Betreiben der Khatme Nabuwwat wurden die Ahmadis 1974 vom pakistanischen Parlament zu "Nicht-Muslimen" erklärt; ein Gesetz stellte "Gotteslästerung" gar unter die Todesstrafe. Professor Munir Ahmed vom Hamburger Orient-Institut sagt über die Khatme Nabuwwat: "Sie sind für mindestens hundert Morde an Ahmadis in Pakistan verantwortlich. Mit religiösen Parolen machen sie Menschen zu Attentätern."Seit zwei Jahren kursieren Anti-Ahmadi-Schriften in der Bundesrepublik, in denen die "Ketzer" als Ausgeburten der Hölle beschimpft werden. Khatme-Nabuwwat-Anführer wie Sheik Manzoor Chinioti riefen in Moscheen in Offenbach und Heilbronn dazu auf, "die vom Glauben Abgefallenen zu töten". Das Zentrum der Islamisten befindet sich in Heilbronn. Dort beschlagnahmte die Polizei bei einer Razzia 1997 radikales Propagandamaterial: Anti-Ahmadi-Schriften, verziert mit Giftschlangen und Totenköpfen. Die Durchsuchung förderte auch zahlreiche Verbindungen zu anderen Islamisten zutage, vor allem zur extremistischen türkischen Organisation Milli Görüs. Dazu sagt Herbert Müller: "Wir können nicht zulassen, daß rechtsradikale Pakistanis die Moslems in Deutschland aufhetzen. Hier gilt die Religionsfreiheit."