29.12.2011

BVG-Signal: Der Gong des Grauens

Von Peter Neumann
Passanten laufen in Berlin in den Eingang Brandenburger Tor der sogenannten Kanzler-U-Bahn 55. Wer hier mitfährt, kommt in den fragwürdigen Genuss des Calypso-Gongs.
Passanten laufen in Berlin in den Eingang "Brandenburger Tor" der sogenannten Kanzler-U-Bahn 55. Wer hier mitfährt, kommt in den fragwürdigen Genuss des Calypso-Gongs.
Foto: dpa
Berlin –  

Handelt es sich um Graf Draculas Klingelton? Oder schlägt eine Calypso-Band an einem karibischen Strand auf alte Ölfässer ein? Der neue Berliner U-Bahn-Gong gibt Rätsel auf. Doch so viel steht fest: Auf der U-Bahn-Linie U 55 in Mitte wird eine neue Tonfolge erprobt.

Die sphärisch wirkenden Klänge umrahmen seit einigen Tagen die Stationsansagen – als „Intro“ und als „Outro“, wie Musikexperten zu sagen pflegen. „Wir wollen feststellen, wie sich das anhört und was die Lautsprecher so hergeben“, erklärte der Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Klaus Wazlak auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Dahinter stecken lockere Überlegungen,  langfristig den Stations-Signalton zu verändern.“ Doch es gibt Menschen, die das nicht begrüßen würden. Ihnen gefällt die neue Tonfolge nicht.

„Schrecklich! Daran kann ich mich nicht gewöhnen“, sagte ein U-Bahn-Fahrer, der sich die Klänge acht Stunden hintereinander anhören musste. Noch deutlichere Worte finden Nahverkehrsfans, die sich in Blogs über den ungewöhnlichen U-Bahn-Gong auf der U 55 mokieren.  „Hört sich total doof an“, schreibt ein Nahverkehrsfan im Forum BVG-Lounge.

„Grauenhaft“, pflichtet ein anderer bei. Doch es gibt auch Befürworter, wenn auch bislang nur wenige. Die neue Tonfolge sei „20 Prozent cooler“, kommentiert ein Fan namens B4N4N4K1NG auf der Youtube-Seite, auf der ein Clip aus der U 55 zu hören ist.



Die BVG versucht, die Wogen zu glätten. Entschieden sei noch überhaupt nichts, das Ganze sei nur ein Versuch – mehr nicht. Es gebe weder konkrete Absichten, ganz Berlin mit den U-55-Klängen zu beglücken, noch einen Zeitpunkt, wann das erfolgen könnte, beschwichtigte Klaus Wazlak. „Auch ob es überhaupt erfolgt, steht nicht fest.“ Ganz im Gegenteil: Gut möglich, dass auf der U 55 noch mehr neue, andere Töne ausprobiert werden. „Diese Linie ist ein gutes Versuchsfeld, weil sie nicht so im Fokus der Fahrgäste steht“, sagte der BVG-Sprecher.

Das kann man wohl sagen: Auf der gerade mal 1,8 Kilometer langen, anfangs als „Stummellinie“ geschmähten U-Bahn-Strecke zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor sind nur relativ wenige Reisende unterwegs – noch dazu meist Touristen, denen es egal ist, welche Töne aus den Lautsprechern zu ihnen dringen. Erst im Sommer 2019, wenn die Tunnelverlängerung zum Alexanderplatz fertig sein soll, erhält die Kleinbahn unter dem Regierungsviertel Anschluss an die große, weite U-Bahn-Welt – dann fahren die Züge als U 5 weiter nach Hönow.

„Ding Dang Dong“ als Klingelton

Etwas weiter östlich, ebenfalls auf der U 5, machte vor einigen Wochen eine selbstgemachte Stationsansage Furore. Als die automatische Durchsage inklusive Gong in seinem Zug ausfiel, wurde der U-Bahn-Fahrer Pierre Gelbke von der BVG-Tochterfirma Berlin Transport selbst aktiv. Er griff zum Mikrofon und imitierte die Bandansage mit Einleitungston (siehe Audiobeispiel unten).

Einer seiner Fahrgäste nahm das „Ding Dang Dong“ des Fahrers auf, kurze Zeit später ging es bei einem Hörfunksender in den Äther – und wurde einem größeren Publikum bekannt. Die Nachfrage war so groß, dass die BVG Gelbkes Gesangseinlage auf ihrer Website www.bvg.de inzwischen als Klingel- und SMS-Ton zum Download anbietet.

Schon seit Längerem ertönt in den roten Regionalverkehrszügen der Deutschen Bahn (DB), die durch Berlin und Brandenburg fahren, vor jeder Bahnhofansage ein Tonfolge aus einem Lied – je nach Bundesland ist sie unterschiedlich. In Berlin wird zum Beispiel das Volkslied „Jetzt kommen die lustigen Tage“ angestimmt. Auch diese Musikclips haben ihre Geschichte. Eingespielt wurden sie vor knapp zehn Jahren von Karl-Heinz Friedrich, damals DB-Regionalbereichsleiter für Produktion und Technik.

Der Bahnmanager hatte als Kind im Schulchor gesungen und sich später, als Sachbearbeiter bei der Reichsbahn, ein Zubrot als Musiker im alten Friedrichstadt-Palast verdient. Um die Tonfolge für die Stationsdurchsagen aufzunehmen, griff Friedrich nur zu gern im bahneigenen Studio in die Keyboard-Tasten. Die Bahn hatte etwas gespart – und die (meisten) Fahrgäste haben ihre Freude.

So klingen die Ansagen in anderen Städten
Wiener Schmäh

Wollen Sie mal richtiges Österreichisch hören? Auf dieser Seite gibt es Bahnhofsansagen aus Wien. Eingesprochen werden sie für alle Verkehrsmittel in der Hauptstadt von Franz Kaida gesprochen, dem Sicherheitschef der U-Bahn. Eingeführt wurden die Ansagen kurz vor Beginn des U-Bahn-Zeitalters, im Jahr 1968.

Audio

So klingt der alte Gong (am Beispiel der U 2)

U-Bahn-Fahrer improvisiert: "Ding Dang Dung"

Kinder-Ansage: Hamburg-Jungfernstieg

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