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Volkszählung in Bosnien: Muslime gegen Marsmenschen

Die Alte Brücke in Mostar wurde 1993 von kroatischen Truppen zerstört. Heute steht sie wieder in altem Glanz. Der Brückenschlag zwischen Bosniens Volksgruppen dagegen ist immer noch schwierig.

Die Alte Brücke in Mostar wurde 1993 von kroatischen Truppen zerstört. Heute steht sie wieder in altem Glanz. Der Brückenschlag zwischen Bosniens Volksgruppen dagegen ist immer noch schwierig.

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REUTERS/Dado Ruvic

SARAJEVO -

„Oh ihr Menschen!“, zitiert Husejin Efendi den Koran: „Wahrlich, wir machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr euch und eure Väter kennt!“ Wenn es nach dem Propheten gehe, so der Mufti, gehöre jedermann zu einem Volk. Deshalb sollten sich alle Bosniaken zu ihrer Volkszugehörigkeit und zum muslimischen Glauben bekennen, wenn nun in Bosnien-Herzegowina zwei Wochen lang eine Volkszählung abgehalten wird – zum ersten Mal seit den jugoslawischen Sezessionskriegen wieder.

Der Bedeutung des Ereignisses sind sich alle drei großen Bevölkerungsgruppen im Lande – Bosniaken, Serben und Kroaten – bewusst. Besonders die Bosniaken machen mobil.

Zum Beispiel in Srebrenica: Vor dem Krieg lebten in der Stadt 8000 Serben und 27.000 Bosniaken. Nach dem Massenmord an den Muslimen im Jahr 1995 haben sich die Verhältnisse dort umgekehrt. Die geflohenen Bosniaken wollen sich nun sich massenhaft in ihrem früheren Wohnort zählen lassen, damit Srebrenica wieder das Attribut muslimisch erhält. Deshalb mobilisieren jetzt auch die heute dort dominierenden Serben und appellieren an Flüchtlinge in Serbien, sich ebenfalls in Srebrenica zählen zu lassen.

Es geht um nicht weniger als die Macht in Bosnien-Herzegowina. So eine Volkszählung sei „viel wichtiger als Wahlen“, sagt Damir Banovic, Chef des Zentrums für politische Studien in Sarajevo. „In einem Land, in dem viele Stellen und Funktionen nach ethnischer Zugehörigkeit quotiert sind, können Volkszählungsdaten für viele existenziell sein.“

Entsprechend umstritten war das Vorhaben. Nach dem üblichen Zehn-Jahres-Rhythmus hätte der Zensus eigentlich schon 2001 stattfinden müssen. Aber die zerstrittenen Volksgruppen brauchten volle zwölf Jahre, um sich auf die Modalitäten und vor allem den Fragebogen zu einigen.

Gefährlich sind die „Übrigen“

Bei der letzten Zählung vor dem Kriegsbeginn lebten 4,36 Millionen Menschen in Bosnien-Herzegowina. Heute liegen die Schätzungen zwischen 3,2 und 3,5 Millionen. Ganze Landstriche vor allem im Osten sind entvölkert. Krieg und „ethnische Säuberungen“ in den Jahren 1992 bis 1995 vertrieben wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung von ihrem angestammten Wohnsitz. Im Nordwesten hat am Ende des Krieges ein kompletter Bevölkerungsaustausch stattgefunden.

Die bosniakische Volksgruppe, die vor dem Krieg noch unter der Bezeichnung „Muslimani“ firmierte, stellte damals mit 43,7 Prozent eine relative Mehrheit der Bevölkerung. Ihre Parteien wehrten sich lange gegen die neue Volkszählung. Erst müsse die Rückkehr der Flüchtlinge abgeschlossen sein, sonst würden nur die Ergebnisse der Massenvertreibungen festgeschrieben, argumentierten sie. Aber auch die Serben (vor dem Krieg 31,3 Prozent der Bevölkerung) und Kroaten (17,3 Prozent) hatten es oft nicht eilig: In manchen Kantonen und Gemeinden wird die Zahl der ihnen zustehenden Posten noch immer entsprechend ihrem Anteil an der Vorkriegsbevölkerung bemessen, obwohl viele geflüchtet oder ausgewandert sind.

Nach heutigen Schätzungen machen die Bosniaken mehr als 50 Prozent der Bevölkerung aus, die Serben knapp ein Drittel, die Kroaten vielleicht nur noch zehn oder zwölf Prozent. Im Bewusstsein ihres Übergewichts hätte es den Bosniaken mehrheitlich gefallen, bei der Volkszählung gar nicht mehr nach der ethnischen oder konfessionellen Identität zu fragen, sondern nur nach 43 Planungsdaten für Bildungswesen, Wohnungsbau und Arbeitsmarktpolitik. Eine ethnisch neutrale Volkszählung aber wäre für Serben und Kroaten nicht in Frage gekommen: Beide Volksgruppen fürchten sich vor der stillen Dominanz der größten Gruppe und beharren auf ihrer Eigenständigkeit.

Schließlich brachte eine Gruppe von westorientierten Nichtregierungsorganisationen einen Kompromiss zustande. Niemand ist jetzt mehr verpflichtet, sich bei der Volkszählung zu einer Nationalität zu bekennen, wie Serben und Kroaten es wollten. Wer möchte (und die Mehrheit wird es wohl auch tun), kann aber weiterhin auf die Frage nach der „ethnischen/nationalen Zugehörigkeit“ ankreuzen, ob er Bosniak, Serbe oder Kroate ist. Oder er kann sich auch zu den „Übrigen“ zählen lassen und dann in das entsprechende Kästchen seine nationale Identität hinschreiben.

Diese „Übrigen“ sind für die großen Parteien eine tendenziell gefährliche Kategorie. Zu ihnen zählen sich nicht nur die vierzehn kleinen Minderheiten wie Roma, Juden, Slowaken oder Italiener, sondern auch viele Kinder aus nationalen Mischehen. Auch viele Bürger, denen die ethnische Teilung nichts bedeutet oder zuwider ist, könnten sich den „Übrigen“ hinzugesellen.

Einige Organisationen rufen bereits dazu auf, bei Nationalität einfach „Bosnier und Herzegowiner“ zu schreiben, sich also ethnisch neutral als Staatsbürger des Landes zu definieren. Auch „Erdenbürger“ oder „Eskimo“ muss von den Volkszählern als Nationalität akzeptiert werden. „Und erklärt sich jemand zum Marsmenschen, wird eben ,Marsmensch‘ auf den Fragebogen geschrieben“, erklärt Nora Selimovic von der bosnischen Statistik-Agentur.

Das wiederum war für die Parteien der drei großen Volksgruppen schwer zu schlucken. Bei einer Probezählung im vorigen Jahr, deren Ergebnis geheim gehalten wird, sollen zwar nur sechs Prozent „Übrige“ gezählt worden sein. Sollten es im Oktober aber deutlich mehr werden; sollte sich also ein zu großer Prozentsatz der Bevölkerung der nationalen Dreiteilung verweigern, dann geriete das gesamte Fundament des Quotensystems ins Wanken.

Drei Namen für eine Sprache

Besonders bedroht fühlen muss sich die bosniakische Partei der Demokratischen Aktion (SDA), die größte Partei des Landes. Denn während die nationale Identität von Serben und Kroaten meist in Stein gemeißelt ist, neigt das bosniakische Mehrheitsvolk schon wegen seiner zahlenmäßigen Überlegenheit eher zur Vereinnahmung als zur Abgrenzung. Die Folge ist, dass vor allem Bosniaken sich gern neutral als „Bosnier“ definieren.

Erreichen konnten die nationalen Parteien, dass eine Frage nach der Muttersprache eingefügt wird, die sogar – anders als die zur Ethnie oder zur Konfession – bei Strafandrohung beantwortet werden muss. Diese harmlos klingende Kategorie hat in Bosnien aber ihre Tücken. Denn die möglichen Antworten „Bosnisch“, „Serbisch“ oder „Kroatisch“ bezeichnen dieselbe Sprache, die je nach Nationalität nur anders genannt wird.

Wer sich nicht einlassen will auf diese ethnische Vereinnahmung durch die Hintertür, dem bleibt immerhin noch eine Hintertür: Er kann Serbokroatisch als Muttersprache angeben oder irgendein Fantasie-Idiom. Marsianisch zum Beispiel.