blz_logo12,9

von Steve Kettmann, freier Autor in Berlin: Europa verschwindet

Heute möchte ich mit einer Meldung beginnen, die unter den Lesern der Berliner Zeitung kaum sonderliche Unruhe hervorrufen dürfte: Jim Hoagland, langjähriger außenpolitischer Kommentator der Washington Post, geht in Rente. Seine Kolumne wird eingestellt.Yes, I gähn? Einen Moment! Denn wenn Hoagland nicht mehr dafür sorgt, dass in Washington wenigstens gelegentlich mal über europäische Politik und Kultur nachgedacht wird - wer soll das dann noch tun? Es gibt kaum eine Handvoll von Kommentatoren, die regelmäßig für ein Massenpublikum über außenpolitische Fragen schreiben, und unter denen, die übrig bleiben, sind so traurige Typen wie Tom Friedman, der in der New York Times regelmäßig hitzige Debatten über den Irak-Krieg vom Zaun zu brechen versucht; nur leider ist er in diesen Debatten auch sein einziger Debattenpartner.Ich war kein besonderer Fan von Hoagland. Er war nicht blöd und hatte eine Menge Erfahrung. Aber in den letzten Jahren war er zunehmend leicht einzuseifen, und völlig zu Recht erschien sein Name auf Listen wie Fünf sogenannte Fachleute, die am Irak-Debakel mitschuldig sind. Immerhin: Er war da, und seine Texte hatten Gewicht; sie wurden bis in die höchsten Kreise der US-Regierung gelesen.Das Schlimmste ist: Wenn er geht, wird seine Zeitung ihn nicht mal vermissen. Denn die Washington Post - jenes Blatt, das den Watergate Skandal aufdeckte und das Land von Richard Nixon befreite - gedenkt, sich in Zukunft ohnehin ganz dem Lokalen zuzuwenden und nicht mehr diesen ganzen komischen Ländern weit weg. Das hat jedenfalls die forsche neue Jungverlegerin Katharine Weymouth erklärt.Und so geht es in den gesamten USA: Unterm Druck der Wirtschafts- und Medienkrise kürzen die Zeitungen ihre Budgets, und die Berichterstattung aus dem Rest der Welt leidet zuerst darunter. Der San Francisco Chronicle war einmal führend in außenpolitischen Fragen; heute berichtet er aus dem Ausland im Wesentlichen nichts. Seine Meinungsseite strotzt nur so vor öden lokalpolitischen Kommentaren - aber etwa die Frage, ob und in welcher Hinsicht die amerikanisch-europäischen Beziehungen im Jahr 2010 von Bedeutung sein können, wird nicht einmal mehr ansatzweise diskutiert.Berliner - oder allgemein: Europäer - haben sich schon immer darüber gewundert, wie wenig selbst besser gebildete Amerikaner vom Rest der Welt wissen und wie unfassbar eingeschränkt ihr Blickwinkel ist. Ich möchte mal sagen: Mit der gegenwärtigen Selbstzerstörung der amerikanischen Qualitätspresse wird das nicht besser. Es gibt ja Leute, die auf die neuen Blogs und Web-Magazine hoffen. Als ehemaliger Berlin-Korrespondent von Salon.com und Wired.com kann ich aber nur raten, vom Internet nicht zu viel zu erwarten, zumindest in den nächsten Jahren nicht. Vielleicht wird Arianna Huffington, europastämmige Gründerin des Blogs Huffington Post, dereinst die Lücke ausfüllen. Aber die außenpolitische Rubrik, die sie vor einem Jahr in der Huffington Post gestartet hat, ist bislang kaum aus den Kinderschuhen herausgekommen. Arianna! Hörst du? Wir brauchen dich! Denk an deine Wurzeln und versuch, deine Landsleute wenigstens ein bisschen für diesen abgelegenen Kontinent namens Europa zu interessieren! Vielleicht bist du unsere letzte Hoffnung.Übersetzt von Jens Balzer.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?