blz_logo12,9

Vor 15 Jahren wurde der mächtigste und brutalste aller Drogenbarone zur Strecke gebracht. Die einfachen Leute in Kolumbien verehren ihn noch heute als Wohltäter: Escobar lebt

Das Grab der Familie Escobar besteht aus einer rechteckigen, von Quecken überwachsenen Fläche und sieben mit Hortensiensträußen geschmückten Gedenkplatten aus schwarzem Marmor. Die Verstorbenen, von links nach rechts: Pablo Emilio Escobar Gaviria, 1949 bis 1993. Dessen mit neunzehn Jahren bei einem Autounfall getöteter Bruder. Ein Cousin. In der Mitte der größte und am üppigsten geschmückte Grabstein: Hermilda Gaviria de Escobar, die Matriarchin des Clans, gestorben 2006. Dann ein Kindermädchen. Daneben der Leibwächter, den eine Elitetruppe an jenem denkwürdigen 2. Dezember vor bald fünfzehn Jahren zusammen mit Pablo Escobar erschossen hat. Schließlich Abel de Jésus Escobar Gaviria, der Vater.Bewacht und gepflegt wird die Stätte auf dem Friedhof Jardines Montesacro in Medellín, Kolumbien, seit mehr als zehn Jahren von einem kleinen, kugelköpfigen Mann. Er ist geistig leicht behindert, wenn er auswärtigen Besuchern aus dem Leben der Escobars erzählt, vermuselt er die Worte. Den Einheimischen braucht er nichts zu erzählen. Denn für sie war Pablo Escobar ein Wohltäter. Ein kolumbianischer Robin Hood, der seine Armut überwunden und die Armen dennoch nicht vergessen hat. Einer, der Böses tat, um Gutes zu bewirken. Im Gedächtnis der Welt hingegen ist Pablo Escobar der mächtigste, gefährlichste, brutalste Drogenbaron, der jemals gelebt hat. Dutzende von Biografien versuchen zu ergründen, wer Escobar war, darunter jene seines Bruders sowie die seines treuen Gefolgsmanns Jhon Jairo Velasquez Vasquez, alias Popeye. Und derzeit laufen die Vorbereitungen für zwei Hollywood-Filme, der eine produziert vom amerikanischen Regisseur Oliver Stone, der andere mit dem Spanier Javier Bardem in der Hauptrolle.Fünfzehn Jahre nach seinem Tod ist der Midas des Kokains zur mythischen Figur geworden. Sein Grab ist eine Kultstätte.Ein Mann mit engem T-Shirt und muskelbepackten Oberarmen verharrt minutenlang in schweigender Andacht, dann küsst er den Mittelfinger seiner linken Hand, fährt damit über die Marmorplatte des Großverbrechers, geht von dannen. "Sieht aus wie einer der Killer, die damals für Pablo gearbeitet haben", sagt der Grabwächter. Ein älterer Herr mit pockennarbigem Gesicht legt einen Blumenstrauß aufs Grab. "Ein Kleinunternehmer. Kommt jede Woche und bittet Pablo um gute Geschäfte." Zwei amerikanische Touristinnen fotografieren, ein Mann schüttet einen Sack voller Blüten aus, eine Frau wischt sich Tränen aus den Augen. "Pablito war ein guter Mensch", sagt sie. "Ich habe nie erlebt, wie er jemanden umgebracht hat. Aber dass er mir ein Haus schenkte, das weiß ich."Dann taucht eine kleine, schwergewichtige Frau auf. Sie tritt ans Grab, wird von einem Weinkrampf geschüttelt - es ist Pablos Schwester Luz Maria Escobar. Sie ist in Begleitung ihres Ehemanns Leonardo und einer Tante. Die Tante hält einen Plastikbecher mit Fruchtsaft in der Hand, aus ihrem faltigen Gesicht leuchten zwei Rougeflecken. "Einmal habe ich Pablo angerufen, weil mir der letzte Peso ausgegangen war", erzählt sie. "Und wissen Sie, was er getan hat? Er schickte mir nicht nur Geld, sondern auch ein Flugticket und eine Hotelreservierung für Ferien auf Hawaii."Nach dem Friedhofsbesuch fahren Luz Maria und Leonardo in ihre Wohnung. Ein seit dreißig Jahren verheiratetes Paar, das sich an den Händen hält und die erwachsene Tochter per Handy ermahnt, rechtzeitig nach Hause zu kommen. An der Decke hängen Kristallleuchter, auf dem Boden liegt das Fell eines Eisbären, in einer Ecke steht eine Venusstatue. Aus einer Wand ragt ein ausgestopfter Nilpferdkopf, das Tier gehörte einst zu Escobars Privatzoo.Die Schwester breitet Fotos, Briefe und Bücher aus. Auf einem Kinderfoto sitzen vier Mädchen und drei Jungen vergnügt auf einem Scheunendach. Die Jungen tragen kurze Hosen, einer bedeckt das Gesicht mit beiden Händen. "Das ist Pablo", sagt Luz Maria. Er habe seiner Mutter stets gehorcht, und nie sei ihm auch nur ein Schimpfwort über die Lippen gerutscht. Er habe viel gelesen, als Erwachsener habe man sich mit ihm über jedes Thema unterhalten können. "Und schauen Sie, wie gut und fehlerfrei er geschrieben hat", sagt Luz Maria, auf einen Brief deutend. Er ist an die Mutter gerichtet, verfasst hat ihn Escobar am 9. April 1992, eineinhalb Jahre vor seinem Tod. "Liebe Hermilda", schreibt er in Druckschrift und mit Großbuchstaben, "ich schicke Dir einen sehr zärtlichen und besonderen Gruß. Ich möchte Dir sagen, dass ich in diesen schweren Zeiten bei Dir bin. Die Gerechtigkeit, die Wahrheit und die Vernunft werden über die Heuchler und Perversen triumphieren ... In Liebe, Dein Sohn."Pablo Escobar stammt aus einer armen Familie, der Vater ist Bauer, die Mutter Volksschullehrerin. Eigentlich will Pablo das Abitur machen und Anwalt werden, doch wegen der Quälereien eines Lehrers habe er das Gymnasium vorzeitig verlassen, erzählt seine Schwester. Die Familiensaga bürdet die Urschuld an den späteren Blutbädern einem anderen auf.Der junge Pablo handelt mit gestohlenen Grabsteinen und Marlboro-Zigaretten, aber er merkt schnell, dass das große Geld leichter durch den Schmuggel von Koka-Paste aus Ecuador und Peru und deren Verarbeitung zu Kokain zu verdienen ist. Ein angeborenes Talent, andere zu beeindrucken und zu führen, seine Verwurzelung im einfachen Volk, Intelligenz, Charme, Großzügigkeit und Brutalität sind die Eigenschaften, die Pablo Escobar in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre zu "El Patrón" machen - zum verehrten, gefürchteten Anführer des Kokainkartells von Medellín. Seine Grundsätze sind eiserne Loyalität gegenüber Freunden und Gnadenlosigkeit gegenüber Feinden. Er sieht sich als Krieger, der nur überleben wird, wenn er schneller und härter zuschlägt als seine Gegner. In Entwürfen zu einer nie veröffentlichten Autobiografie lässt er jedes Unrechtsbewusstsein vermissen. Verantwortlich für den Kokainhandel seien nicht Produzenten oder Dealer, sondern die Süchtigen aus den Vereinigten Staaten. Er befriedige lediglich eine Nachfrage, und wenn er es nicht täte, würden es andere tun.Pablo Escobars Männer schmuggeln die Droge in Schiffen und Kleinflugzeugen nach Panama, Nikaragua, Jamaika, Kuba und Mexiko, wo sie für den Transport in die Vereinigten Staaten umgeladen wird - nicht selten mit Unterstützung der jeweiligen Regierungen. 1989 ist Pablo Escobar laut dem Magazin "Forbes" mit geschätzten drei Milliarden Dollar Vermögen der siebtreichste Mann der Welt. Auf seinem Anwesen, drei Autostunden von Medellín entfernt, gibt es künstlich angelegte Seen, einen Privatzoo voller exotischer Tiere, eine Stierkampfarena, ein Theater, Schwimmbäder, Diskotheken, Fußball- und Tennisplätze. Er feiert legendäre Feste, empfängt Geliebte und Prostituierte. Manchmal zwingt er sie, zum Gaudi der anwesenden Drogenbosse, nackt auf Bäume zu klettern. Oder er veranstaltet einen Wettlauf zwischen unbekleideten Schönheiten, wobei er als Preis einen Mercedes-Benz aussetzt. Der Kartellchef hat eine Vorliebe für sechzehn- bis zwanzigjährige Mädchen, sein sexueller Hunger ist so groß wie seine Gier nach Reichtum. An der lebenslangen Verehrung für seine Ehefrau María Victoria und an der Zuneigung gegenüber den Kindern Manuela und Juan Pablo ändert dies nichts. Und mit geradezu religiöser Inbrunst liebt er seine Mutter.An seiner Seite stehen Figuren wie Gonzalo Rodríguez Gacha alias "der Mexikaner", dessen Grausamkeit legendär ist. Oder der amerikanische Pilot Barry Seal, der tonnenweise Kokain in die Vereinigten Staaten fliegt, seinen Chef später an die US-Behörden verrät und dafür von dessen Killern in Baton Rouge, Louisiana, auf offener Straße durchsiebt wird. Oder der Politiker Alberto Santofimio, der in den höchsten Kreisen der Hauptstadt verkehrt, nach dem Amt des Staatspräsidenten strebt und nie einen Zweifel hat, wie mit Richtern, Generalanwälten, Justizministern und selbst dem populären Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galan zu verfahren ist: "Töte sie, Pablo!"Der Drogenboss kauft Landgüter, Häuser, Flugzeuge, Autos - sein Lieblingsspielzeug ist ein roter Porsche, davon hat er schon als kleiner Junge geträumt. Meist trägt der 1,68 Meter große Escobar Jeans, Kurzarmhemden und Turnschuhe, er liebt Bier und raucht Joints. Kokain konsumiert er keines. Laut seiner Schwester Luz Maria schöpft die Familie jahrelang nicht den geringsten Verdacht, denn ihr gegenüber gibt sich Escobar als erfolgreicher Immobilienhändler und Viehzüchter aus. Seine großzügigen Geschenke sind willkommen, schließlich hat man ein halbes Leben in Armut verbracht.Eines Tages ruft Pablo den ganzen Clan zusammen. "Ihr dürft nicht mehr auf die Straße. Ihr müsst euch verstecken, ihr braucht Leibwächter. Meine Feinde könnten euch entführen, um mich zu erpressen. Ich bin ein Mafioso." Ja, das sei ein Schock gewesen, sagt die Schwester, und Hermilda habe ihren Sohn beiseite genommen, um ihm mit der ganzen moralischen Autorität einer besorgten Mutter ins Gewissen zu reden. Er befinde sich im Krieg, seine Gegner wollten ihn vernichten, es bleibe ihm nichts anderes übrig, als zurückzuschlagen, rechtfertigt sich der Kartellchef. "Natürlich hat uns das nicht gefallen, ganz und gar nicht", sagt Luz Maria. Aber eine Familie müsse zusammenhalten. "Dass Pablo im Grunde ein guter Mensch war, daran zweifelten wir keine Sekunde."1982 beschließt der gute Mensch Pablo, Politiker zu werden. In Medellín hat er fast alle auf seine Seite gezogen - die Armen dank wohltätigen Werken, die Stadtregierung, die Polizei, die Justiz und die Unternehmer dank einem nie versiegenden Fluss an Schmiergeldern. Bauunternehmer erhalten Großaufträge, Bankiers jonglieren mit Millionen, für die Villen der alteingesessenen Familien bezahlen die Drogenmafiosi Unsummen. Sollte es ihm gelingen, einen Strohmann zu Kolumbiens Präsidenten zu machen, würde aus dem Kartell von Medellín der politische und wirtschaftliche Motor des Staates, und er, Pablo Escobar Gaviria, hielte das Steuer in den Händen. An diesem wahnwitzigen Plan sollte der Sohn einer Medelliner Lehrerin letztlich scheitern.Anfang 1982 wird Pablo Escobar in den Kongress gewählt. Für kurze Zeit kann er seine Drogengeschäfte im Schutz parlamentarischer Immunität betreiben. Er nimmt an mehreren Abgeordnetenreisen teil und ist in Madrid bei den Siegesfeiern des neugewählten spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzalez anwesend. Aber Justizminister Rodrigo Lara Bonilla beeindruckt die penetrant zur Schau gestellte Selbstsicherheit des Neoabgeordneten nicht. Der Justizminister bezeichnet ihn öffentlich als Drogendealer und erreicht, dass das Parlament seine Immunität aufhebt.Am 30. April 1984 beginnt Escobars blutiger Kampf gegen den Staat. Auf der Avenida 127 in Bogota stoppt ein Killerkommando den Mercedes-Benz des Justizministers, Lara Bonilla stirbt im Kugelhagel. Das Land ist geschockt. Obwohl gegen Escobar keine Beweise vorliegen und er die Urheberschaft an der Tat bestreitet, flüchtet er nach Panama und später nach Nicaragua. Mit den linken Sandinisten unter Präsident Daniel Ortega versteht er sich glänzend. Ein Spitzel der amerikanischen Drogenpolizei DEA fotografiert, wie er auf dem Flughafen von Managua eigenhändig Säcke mit Kokain herumschleppt, vor den Augen einheimischer Sicherheitskräfte.Durch solche Unverfrorenheit ruft Escobar den mächtigsten Gegner der Welt auf den Plan: die amerikanische Regierung mit ihrem Heer an Geheimdienstlern, Abhörspezialisten, Drogenfahndern und Elitesoldaten. Escobar droht die Auslieferung, Einzelhaft in amerikanischen Hochsicherheitsgefängnissen. Nach Kolumbien zurückgekehrt, bietet er eine Armada von Anwälten auf, um geplante Auslieferungsgesetze juristisch zu verhindern. Gleichzeitig lässt er im Krieg gegen den Staat alle Hemmungen fallen.Gemeinsam mit seinen Unterbossen gründet er die Gruppe Los Extraditables, die Auslieferbaren. "Lieber ein Grab in Kolumbien als eine Zelle in den USA" lautet ihr Motto. Er entführt Andrés Pastrana, den Sohn des früheren Präsidenten Misael Pastrana, der später in die Fußstapfen seines Vaters treten wird; nach kurzer Zeit gelingt es der Polizei, den Jungpolitiker zu befreien. Aus Spanien lässt Escobar einen Spezialisten der baskischen Terrororganisation ETA einfliegen, der seine Killer in der Kunst des Bombenbastelns schult. Pablos Männer entführen, morden und bomben, es sterben Journalisten, Richter, Polizisten, Passanten.Als die linke Guerillagruppe M-19 einen Sturm auf den Justizpalast plant, beteiligt sich Escobar als Geldgeber. Beim Gegenangriff der Armee kommen mehr als hundert Menschen ums Leben - Soldaten, Guerilleros, Anwälte, Justizbeamte, darunter der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes.Dann, im Jahr 1989, der große Doppelschlag. Bei einem öffentlichen Auftritt wird Präsidentschaftskandidat Galan niedergemäht, der unangefochtene Führer in sämtlichen Meinungsumfragen, die personifizierte Hoffnung auf ein besseres Kolumbien. Ohne sich um den öffentlichen Aufschrei und das weltweite Entsetzen zu kümmern, nimmt das Kartell von Medellín auch dessen Nachfolger César Gaviria ins Visier. Escobars Killer erfahren, dass Gaviria am 27. November 1989 in einem Linienflug von Bogota nach Cali fliegen will. Ein Leibwächter überzeugt den Politiker im letzten Moment, auf die Reise zu verzichten, doch die Bombe ist bereits platziert und scharf gemacht. Kurz nach dem Start zerfetzt sie die Boeing 727 der staatlichen Fluggesellschaft Avianca und mit ihr 107 Passagiere."Ave Maria, natürlich habe ich Pablo persönlich gekannt", sagt Francisco Flores, 91, aber noch rüstig, seit Urzeiten verheiratet mit Doña Irene. Die beiden wohnen im Barrio Escobar, dem Escobar-Viertel, dessen ursprünglich 430 Zementhäuser der Drogenbaron gebaut und den Armen seiner Heimatstadt geschenkt hat. Die einstöckigen Gebäude mit je drei Zimmern sind alles andere als luxuriös, aber verglichen mit einer Wellblechhütte nicht übel. Das Barrio Escobar klebt an einem von Medellíns Hügeln, in seinen steilen Gassen spielen Kinder und streunen Hunde, irgendwoher dringt Salsa, auf den Balkonen hängt Wäsche - die übliche, staubige Szenerie eines lateinamerikanischen Armenviertels. Auf der Hügelkuppe steht eine Christkindfigur. Daneben hängt eine Tafel mit der Inschrift: "Das Barrio Escobar bedankt sich tausendmal, dass du unseren Wohltäter beschützt hast." Pablo sei katholisch gewesen und habe sich lediglich selber verteidigt, sagt Doña Irene. Ihr Nachbar Alonso Builes, Arbeiter in einer Kosmetikfabrik, stimmt ihr zu und fragt: "Wer schenkt einem schon ein Haus? Doch höchstens der eigene Vater. Ich hatte das Glück, einen Krümel von Pablos Reichtum abzubekommen. Man kann fragen, wen man will im Barrio Escobar, stets ertönt ein Loblied auf den Massenmörder. Dass Pablo ein Mafioso war, bestreitet zwar niemand. Aber Escobars Verbrechen gehören für die Bewohner zum Reich des Hörensagens, die geschenkten Häuser stehen vor ihnen. Und ja, Kolumbiens Geschichte ist durchzogen von blutigen politischen Auseinandersetzungen, die bis in die Gegenwart reichen. Eigentlich hat Escobar dasselbe getan wie andere auch, ein bisschen ärger vielleicht, dafür war er im Unterschied zu anderen hilfsbereit.Pablos Mythos lebt, und zu diesem Mythos gehören auch Vermutungen und Hoffnungen, dass Pablo selber lebt. Ein Coiffeur im Escobar-Viertel will einen Mann gekannt haben, der dem Kartellchef ähnlich sah. Zwei Tage vor Escobars Tod sei er plötzlich verschwunden. Hat die Polizei in Wahrheit einen Doppelgänger erschossen, weil sie den wahren Pablo nicht zu fassen kriegte? Ein Taxifahrer glaubt, der angeblich Getötete lebe in Deutschland. Schließlich versuchte er einmal vergeblich, dort seine Familie in Sicherheit zu bringen. Der Fabrikarbeiter Builes hält solche Geschichten für Unsinn, von einem jedoch ist er überzeugt: "Wenn Pablo Escobar noch hier wäre, ginge es uns allen besser."Es gibt einen weiteren Grund für Escobars zählebige Beliebtheit bei der Unterschicht. Um das Medellín-Kartell zu zerschlagen, hat der Staat in der zweiten Hälfte der 80er Jahre ein Folterzentrum eingerichtet, wo Escobars tatsächliche oder vermeintliche Gefolgsleute zum Reden gebracht werden sollen, indem man ihnen beispielsweise mit Bohrern die Kniescheiben zerstückelt. Fast täglich schwärmen die Elitesoldaten in die Armenviertel aus, um junge Männer zu Dutzenden hinzurichten, weil diese ja theoretisch zu Pablos Killern gehören könnten. Entlang einer Straße werden so viele Ermordete deponiert, dass die Anwohner ein Plakat aufhängen: "Leichen abladen verboten".Der Staat war damals genauso brutal wie Pablo, aber seine Brutalität tobte sich an den Armen aus. Der Drogenboss schickte Baukräne in die Elendsquartiere, die Regierung schickte Killerkommandos. Dass es Escobar war, der das Blutbad begonnen hatte, ist aus dieser Perspektive zweitrangig."Es war eine schreckliche Zeit", sagt Luz Maria. Gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern muss sie sich verstecken, und als die Familie auf Geheiß des Kartellchefs nach Costa Rica flieht, wird sie am Flughafen abgewiesen. Killer vom rivalisierenden Drogenkartell von Cali versuchen, Luz Marias Wohnhaus in die Luft zu sprengen. Einer von Pablos Brüdern erhält eine Paketbombe, die ihm die Augen zerfetzt. Auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung bitten die Angehörigen "El Patrón" um ein Treffen. Es müsse endlich Schluss sein mit dem Gemetzel, beschwören sie ihn - doch zu hören bekommen sie die altbekannte Rechtfertigungsplatte: Es herrscht Krieg. Meine Gegner oder ich. Mir bleibt keine Wahl.Escobar lässt weiterhin Autobomben explodieren und entführt Angehörige wichtiger Politiker. Für jeden ermordeten Polizisten setzt er eine Belohnung von viertausend Dollar aus. In Bogota sprengt er das Gebäude des Geheimdienstes DAS in die Luft, es gibt über hundert Tote und siebenhundert Verletzte.Als die Regierung eine verfassungsgebende Versammlung einberuft, um eine neue Konstitution zu erarbeiten beschließen die Mitglieder - von Escobar mit Millionenbeiträgen geschmiert - die Auslieferung kolumbianischer Staatsangehöriger an ausländische Justizbehörden zu verbieten. "Bei allen Hurensöhnen, es lebe Kolumbien!", ruft Escobar laut seinem Untergebenen Popeye aus, als er vom Entscheid erfährt. Im Gegenzug erklärt er sich bereit, seinen Machenschaften abzuschwören und sich zu ergeben.Die Haftanstalt, in der er einsitzt, heißt "La Catedral", sie ist gebaut und eingerichtet nach seinen Wünschen: Zimmer mit Fernsehern und Minibars, Sitzungssäle, ein Fitnessraum, eine Disco und ein Fußballplatz. Der Chef und seine mit ihm einsitzenden Unterbosse dürfen die Wachmannschaft selber auswählen. Besuche sind jederzeit erlaubt, manchmal entfernt sich Escobar, um in einem nahen Stadion ein Fußballspiel zu verfolgen oder in einer Diskothek zu feiern. Seine Kontrolle über den internationalen Kokainhandel ist gefestigter denn je. Pablo lockt mehrere rivalisierende Dealer nach "La Catedral", um sie von seinen Killern ermorden zu lassen. Die Leichen werden zerstückelt und auf dem gefängniseigenen Grillplatz verbrannt.Die Regierung kann das Treiben nicht länger hinnehmen, die Proteste aus den USA häufen sich. Am 22. Juli 1992 setzt eine Eliteeinheit zum Sturm auf den Edelknast an. Escobar und einigen seiner Männern gelingt die Flucht, doch der Kokainbaron wird zusehends zum Einzelkämpfer gegen eine täglich wachsende Übermacht: Elitetruppen des Staates. Spezialisten aus den USA. Feinde vom Cali-Kartell. Angehörige seiner Opfer. Selbst der treue Gefährte Popeye stellt sich lieber der Polizei, als in dieser Endschlacht zu fallen.An seinem Todestag ruft Escobar aus einer Wohnung seine Frau und seinen Sohn an, wobei er das Gespräch lange ausdehnt. Es gelingt der Polizei, den Anschluss zu orten, binnen Minuten tritt eine achtzehnköpfige Sondereinheit die Türe von Pablos Versteck ein. Barfuß und mit einer Pistole in der Hand flieht er durchs Fenster, worauf er auf einem Vordach erschossen wird. Seine Bezwinger gönnen sich ein Triumphfoto. Es zeigt einen aufgedunsenen Mann mit durchschossenem Schädel, struppigem Haar und entblößtem Schmerbauch. Es ist der 2. Dezember 1993. Am Tag zuvor ist Escobar vierundvierzig geworden. Im Regierungspalast von Bogota und im Weißen Haus knallen die Champagnerkorken. In den Elendsvierteln von Medellín nicht.Luz Maria ist im Versteck ihrer Mutter, als sie am Radio vom Tod des Bruders hört. Gemeinsam eilen die beiden Frauen zur Unglücksstelle, doch den Erschossenen bekommen sie erst später in der Leichenhalle zu sehen.Plötzlich bricht Luz Maria in ihrer Wohnung in Tränen aus: "Die Familie Escobar ist keine Mörderbande. Auch wir haben Träume, Illusionen, und wir haben so viel gelitten. Wenn mich in diesem Moment doch die ganze Welt hören könnte. Ja, mein Bruder hat Fehler begangen, aber ich würde alles tun, um sie ungeschehen zu machen. Das verfluchte Drogengeld war unser Verhängnis." Luz Maria will jetzt die "Stiftung Pablo Escobar" gründen, um den Armen im Namen ihres Bruders wieder zu helfen.Pablo Escobar, eineinhalb Jahrzehnte danach: ein Heiliger für die Armen, eine blutrünstige Schreckgestalt im Gedächtnis der Mittel- und Oberschicht, ein Feind von nie gekannter Brutalität in den Annalen des Staates. Und ein Störenfried für Kolumbiens gegenwärtigen Staatschef lvaro Uribe. Laut Berichten amerikanischer Geheimdienste gehörte der heute populärste Präsident Lateinamerikas in den Achtzigerjahren dem Kartell von Medellín an. Dasselbe bezeugt eine von Pablos ehemaligen Geliebten. Alles Unsinn, sagt Uribe, und George W. Bush hat sich dem Dementi seines treusten lateinamerikanischen Verbündeten angeschlossen. Ein US-Präsident widerspricht den Erkenntnissen der eigenen Geheimdienstes. Pablo Escobar lebt.Seine Hacienda Napoles ist heute eine Attraktion für Touristen, ein Disneyland des Verbrechens. Über dem Eingang hängt die Cessna, mit der Escobar seine ersten Kokainlieferungen in die USA transportieren ließ. Seine kitschigen Plastikdinosaurier sind restauriert. Es entstehen zwei Hotels und ein Pablo-Escobar-Museum. In den Seen leben die Nachfahren der Nilpferde, die der Drogenboss aus Afrika einfliegen ließ. Hin und wieder reißt eines aus und grast auf dem Fußballplatz des nahe gelegenen Dorfes, bis es die Einwohner mit Steinwürfen zurücktreiben.Als Grabinschrift wünschte sich der Kokainbaron den Satz: "Ich war, was ich sein wollte: ein Bandit." Diesen Wunsch hat ihm seine Schwester Luz Maria nicht erfüllt. Stattdessen ließ sie eine Weisheit des chinesischen Philosophen Konfuzius in die schwarze Marmorplatte eingravieren: "Wenn du einen guten Menschen siehst, versuche, ihn nachzuahmen. Wenn du einen schlechten siehst, hinterfrage dich selbst."------------------------------Foto: Er kauft Landgüter, Häuser, Flugzeuge, Autos - sein Lieblingsspielzeug ist ein roter Porsche, davon hat er schon als kleiner Junge geträumt. Meist trägt der 1,68 Meter große Escobar Jeans, Kurzarmhemden und Turnschuhe. Er posiert gerne, hier als mexikanischer Bandit. Er liebt Bier und raucht Joints. Kokain konsumiert er keines.------------------------------Foto: "Das Drogengeld war unser Verhängnis." Escobars Schwester Luz Maria will eine Stiftung gründen, um den Armen im Namen ihres Bruders zu helfen.------------------------------Foto: Die Haftanstalt, in der Escobar zeitweilig einsaß, hat er nach seinen Wünschen bauen und einrichten lassen. Sie hieß "La Catedral".------------------------------Foto: 1989 ist Escobar laut "Forbes" mit geschätzten drei Milliarden Dollar Vermögen der siebtreichste Mann der Welt. Der Drogenboss hier in Gefängniskleidung.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?