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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Vulgär, enthemmt, rassistisch

Vulgär, enthemmt, rassistisch

Vulgär, enthemmt, rassistisch

Berlin - In der vergangenen Woche haben wir die Recherchen von Jörg Schindler und Steven Geyer über das Internetportal "Politically Incorrect" veröffentlicht. PI, so der Tenor unserer Berichte, ist Teil eines international agierenden Netzwerks von Islamfeinden und Volksverhetzern. Die Organisation selbst reagierte mit wütenden Tiraden gegen die "ultralinke" DuMont-Mediengruppe, zu der die Berliner Zeitung gehört, und nannte unsere Berichte einen Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit. Zugleich stellte sie in eigener Sache klar: "PI ist nicht rassistisch. Hier wird nicht beleidigt, diffamiert oder verächtlich gemacht."

Unsere Kolumnistin Mely Kiyak hat das Gegenteil erlebt. Woche für Woche organisierte sich, kaum dass ihre Texte online verfügbar waren, die rechte Szene in den Anti-Islam-Blogs, aber auch in den Kommentarspalten der Frankfurter Rundschau, die ihre Kolumnen ebenso abdruckt wie die Berliner Zeitung, bei der allerdings diese Kommentarfunktion nicht verfügbar ist. Gerade das Forum PI geriet zu einem vulgären Schauplatz von enthemmten, radikalen und rassistischen Äußerungen, wobei die Autoren ihre Identität regelmäßig hinter Fantasienamen verbergen. Mely Kiyak dokumentiert im Folgenden diese Art der organisierten Angriffe. *** 5. November 2010, meine Kolumne ist freigeschaltet. Thema: Verleihung des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann Stiftung an die Islamkritikerin Necla Kelek. Einer vonvielen postet auf fr-online:

"Hier wird gedruckt, was woanders mit 5-10 Litern Wasser gespült wird. FEIGE! Menschen wie Frau Schwarzer haben Sie es zu verdanken, dass Sie überhaupt schreiben dürfen. Hätten Sie Ihren Posten auch in der Türkei/arabischen Ländern erlangen können?" Jens Daniel: "Typisch für viele Türken. Mit dreckigen Fingern auf andere zeigen." Dr. Stephan Roscher: "Frau Kiyak, sie mögen unverschleiert und geschminkt im Westen ein freies Leben führen können - im Gegensatz zu Hunderttausenden von Importbräuten, die im Namen Ihrer Religion hierzulande ein Leben als eingepferchte Haushalts- und Gebärsklavinnen von Gnaden ihrer ihnen zudiktierten Ehegatten zu führen haben -, wirklich angekommen sind Sie in der westlichen Zivilisation und ihrem kulturellen Wertekonsens dagegen nicht." Olympe: "Dr. Stephan Roscher spricht aus was ich und viele andere Islamkritiker/innen denken. Dafür hat er meine Hochachtung. Sie - als kleiner neidischer Denunziant sind ein Nichts dagegen!" Bertha Dicks: "RICHTIG, und Schluss mit dem Abbo, bei einer Zeitung, die für mich als Jahrzehnte aktiver Linker das schönste bürgerliche Tagesblatt war. Nun, da die Redaktion eine derartig kulturverstörte Autorin beim Thema Islambedrohung, gegen KELEK den Holocaust argumentativ missbrauchen lässt, zeigt den ganzen Niedergang und die Verkommenheit dieser Art von linksvölkischen "Demokraten"."



Der Eindruck, dass sich hier hin und wieder Leser spontan aufraffen, den Text zu lesen und wütend zu kommentieren, täuscht. Viele Stammkommentatoren meiner Kolumne gehören zum Netzwerk von "Politically Incorrect". Zum Beispiel Dr. Stephan Roscher. Er stand mit PI-Chef Stefan Herre in Kontakt und nannte seinen Kommentar dabei "recht sachlich, moderat". Sechs Tage später erklärte er seinen Austritt aus der CDU wegen deren "willfährigen Unterwerfungsgesten" gegenüber dem Islam. Oder der Kommentator Mario Neumann. Er nannte meine Sprechweise "abstoßend". Zwei Stunden später ist Neumann auf pi-news.net, wo er es schon zum redaktionellen Gastautor brachte, worüber er sich gegenüber Herre irrsinnig freut ("Ich bekomme eine Gänsehaut, so schön ist das Gefühl."). Im Forum schreibt Neumann als Ullr:

Ullr: "Die aktuelle Kolumne von Mely Kiyak ist ja echt eine Frechheit"

Mario Neumann bzw. Ullr wiederholt seinen Kommentar aus der Rundschau und fragt sich:

Ullr: "Mal sehen, wie lange der unzensiert bleibt."



Nicht immer belassen es die Leser bei höflicher Abneigung. Am 4. März dieses Jahres heißt meine Kolumne "Liebe Christentum-Kritiker". Ich berichte, dass Thilo Sarrazins Sohn Hartz-IV-Empfänger ist. Dabei persifliere ich die Argumentationsweise von sogenannten Islamkritikern und stelle einen Zusammenhang zwischen nicht "einwandfreier Genetik" und einigen wahllos aus dem Kontext gerissenen Passagen aus der Bibel her. Auf der Kommentarseite der FR beginnen die ersten Leser, aufgebracht die Stimmung aufzuheizen.

Nachdenklich schreibt: "Gnade uns Gott, wenn der Islam Teil unserer Gesellschaft wird."

Anna: "WARUM sind SIE den hier? WAS wollen sie hier? Beleidigungen loswerden? Mitmenschen wie sie, sind genau diejenigen die mit solchen Artikeln und hirnlosen Äußerungen dazu beitragen, dass der sogenannte "Ausländerhass" noch gesteigert wird."

Ihr Name: "schade, dass diese Satire an den Realitäten des Neuköllner Araber- und Islamistenmilieu völlig vorbeigeht. Dort nutzt man die erhöhte Fertilitätsrate, um eine größere Wohnung zu bekommen, ohne weiterhin etwas leisten zu müssen."

angewidert: "tagtäglich werden meine vorurteile gegenüber Moslems und insbesondere türkischen/arabischen Moslems bestätigt. gerne würde ich auswandern, ihnen dieses Land überlassen, z.B.: nach Pakistan, Irak oder Iran, aber nein, geht nicht, da werden "Christensöhne" von "Moslem-söhnen" und "Kopftuchmädchen" ermordet. Ich verbleibe ohne freundliche grüße und auf nie mehr Wiederlesen!"

Helen: "Die ursprünglichen Herausgeber der FR konnten sich nicht träumen lassen, dass ihr gesellschaftskritisches Blatt als Forum für so eine archaische Scharia-Religion wie es der Islam ist, missbraucht werden würde."

Auch ein gewisser K.-D. Manger gesteht freimütig: "Na ja, dank PI denk ich mal wird die FR schon Post bekommen, die sie dazu veranlassen nicht jeden Quatsch einfach so durchzuwinken."



Die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau bekommen in der Tat in den folgenden Tagen Post. Faxe, E-Mails, Briefe. Das hat Methode. Die Artikel, die auf den Online-Seiten der Zeitungen freigeschaltet werden, werden über soziale Netzwerke weiterverbreitet. Seiten wie die von PI veröffentlichen dann diese Kolumne auch auf ihrer Internetseite. Dort geht die Diskussion dann weiter, allerdings deutlich ungezwungener. Viele der Kommentatoren sind keine zufälligen Besucher, sondern Gastautoren und Informanten, ("Spürnasen"), deren Klarnamen uns in einigen Fällen bekannt sind:

blaster: "was für eine erbärmliche Fot*e...!"

Gut_iss : "Dummf#tze geh nach Saudiarabien deine dicken Euter schaukeln. Wird bestimmt geil....."

Eurabier: "Mely Kiyak, Du naiv-bösartig okzidentophobes Dummerchen, wie lebt es sich so in der christlichen Wirtsmatrix? Wenn es Dir aber hier unerträglich ist, dann geh bitte in Deine mohammedanische Heimat, voller Müll auf den Strassen, mit Wassermangel, ohne Krankenhäuser und FR-Redaktion."

Platow: "Der Inhalt ist treffend wie eine Kugel aus der Pistole! Es ist immer wieder das gleiche Prinzip wie die Diskussion hier in Deutschland über den Islam weichgespült wird, von Leuten die in einem islamischen Land binnen einer Woche am Baukran hängen würden."

Platow: "@ Hausener Bub. Früher war die FR auch meine Tageszeitung. Wohlwissend, dass Sie etwas links ist, was ich aber damals noch im Einklang mit meinem eigenem Weltbild gesehen habe. Ich frage mich nur, habe ich mich so geändert, dass ich diese Stalinistische Islamzeitung nicht mehr anfasse oder die Zeitung?"



Der Kommentator Hausener Bub, der hier direkt angesprochen wurde, hatte zuvor auf den Seiten der FR einen wortgleichen Kommentar hinterlassen. Der Kommentator Occident ist dort als Kommentator nachdenklich eingeloggt. Er hinterlässt ebenfalls den gleichen Kommentar. Am fleißigsten berichtet scabo, wie er die Redaktion auf Trab hält. Außerdem:

scabo: "Mely Kiyak? Lange schon für Nürnberg 2.0 gelistet."



Mit "Nürnberg 2.0" ist ein Internet-Pranger gemeint, der den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen ähnlich als Schauprozess gegen Integrationsbefürworter geplant ist und hinter dem das Netzwerk PI vermutet wird. Der Kommentator scabo läuft langsam auf Betriebstemperatur. Der Königsteiner bot sich PI-Chef Herre als Gastautor erfolglos an. Doch als Kommentator schimpft und beleidigt er weiter und versucht sich an mir abzureagieren ("Kiyak ist inzestgeschädigt ..."). Er klickt zwischen den Seiten von PI und fr-online hin und her. Stolz berichtet er den Lesern von PI:

scabo: "zum Artikel in der Frankfurter Rundschau gibt es genau 5 Kommentare (allesamt natürlich positiv). Aus dieser Anzahl lässt sich unschwer ableiten, wieviele Negativposts von der Redaktionsdiktatur gelöscht wurden"



Dies sind wahllos herausgerissene Beispiele, wie sie sich wöchentlich wiederholten. Noch heute stehen Fotos von mir und der Hinweis auf meine Privatadresse in rechten Anti-Islam Foren - nicht nur, aber auch auf PI. Auch auf anderem Wege werden die rechtsgerichteten Agitatoren aktiv. Als ich für die Berliner Zeitung auf eine Veranstaltung mit Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad gehe und darüber schreibe, organisieren sich die Mitglieder von rechten Anti-Islam Foren und überfluten die Leserbriefredaktion.

Karsten Uwe schreibt auf seiner Seite KarstenUwe.com: "Gestern haben wir über eine Podiumsdiskussion mit Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad in Berlin-Neukölln berichtet - zumindest wie sie Mely Kiyak in der Berliner Zeitung beschrieben hat. Wir hatten schon vermutet, dass die Darstellung der türkisch-kurdischstämmigen Journalistin nicht unbedingt als objektiv einzustufen ist."



Wenn man auf den eingesetzten Link bei Karsten Uwe klickt, wird man weiter auf PI geleitet, wo man den Bericht, von dem die Rede ist, verfasst von Michael Stürzenberger, lesen kann. Der einstige Münchener CSU-Pressesprecher, der zum innersten Zirkel von PI gehört, hat den Wortlaut des Textes übrigens auch an die Berliner Redaktion geschickt, allerdings unter dem Namen Ilja Rogoff.

Dann heißt es weiter bei Karsten Uwe: "Dies hat uns Herr Broder mittlerweile bestätigt: "Was die Kollegin von der Berliner Zeitung betrifft: die war zu faul, selber was zu schreiben, hat Zitate aus dem Kontext gerissen und sie auch falsch wiedergegeben, wir werden ihr auf die Finger klopfen."

Am selben Abend erhalte ich über Umwege eine Nachricht von Henryk M. Broder: "wenn die Braut zu faul ist, um selber zu schreiben, sollte sie wenigstens bei der auswahl der o-töne sorgfältig sein. Da ich die email ihrer freundin nicht habe, wäre es sehr nett, wenn sie ihr ausrichten würden, entweder sie korrigiert ihren text bis dienstag 10.00 uhr morgens oder ich geb die sache an meinen anwalt."

Berliner Zeitung, 19.09.2011